Zins- und Kreditstatistik
Deutschland scheut das Schuldenmachen

Etwas ist faul an diesem Aufschwung. Die Konjunktur brummt. Die Gewinne und Aktienkurse steigen. Die Stimmung ist euphorisch. Die Unternehmen investieren wieder. Die Beschäftigung steigt. Die Arbeitslosigkeit fällt. Doch etwas Wichtiges fehlt: Keiner will sich verschulden.

FRANKFURT. Normal ist, dass sich die Unternehmen im Aufschwung verschulden, um zu investieren, und die privaten Haushalte ihre eigenen Wechsel auf die bessere Zukunft ziehen, für ein Eigenheim oder ein neues Auto. Anderswo in Europa läuft das auch so: In den Ländern des Euro-Raums haben Firmen und Privatleute ihre Bankschulden im abgelaufenen Jahr um 14 Prozent ausgeweitet.

Nur Deutschland saniert, statt zu prassen. Eine Auswertung der jüngsten Zins- und Kreditstatistik der Bundesbank ergibt, dass Haushalte und Unternehmen im ersten Quartal 2,2 Billionen Euro Schulden bei den Banken ausstehen hatten. Das war nur gut ein halbes Prozent mehr als vor einem Jahr, was inflationsbereinigt einer realen Entschuldung gleichkommt.

Der Staat profitiert von den kräftig sprudelnden Steuereinnahmen auf Grund steigender Gewinne und hat außerdem noch kräftig die Mehrwertsteuer erhöht, so dass er seine Neuverschuldung kräftig zurückfahren kann. Die Unternehmen finanzieren ihre Investitionen aus laufenden Einnahmen. Die privaten Haushalte, knapp gehalten vom Staat und von ihren Arbeitgebern, trauen sich immer weniger ins Obligo. Das Resultat: Während die Konjunktur brummt, geht in Deutschland die Kreditsumme preisbereinigt immer weiter zurück.

Und die Experten staunen. „Dank der jahrelangen Lohnzurückhaltung sind die Gewinne der Unternehmen heute so groß, dass sie ihre Investitionen weitgehend selbst finanzieren können“, beobachtet José Luis Alzola, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup. Auf der Gegenseite fehle aber den Haushalten die Zuversicht, dass ihre Einkommen laufend steigen, deshalb führten sie ihre Verschuldung zurück. „Wir haben seit 2000 unglaubliche Überschüsse im Außenhandel angehäuft, und wir fangen erst an, den Gürtel etwas weniger eng zu schnallen“, erklärt David Milleker, Chefvolkswirt von Union Investment, die ungewöhnliche Kreditflaute.

Dafür springen die Nachbarländer in die Bresche. Denn Überschüsse im Außenhandel sind Kredit ans Ausland. Und der Kredit, den die inländischen Haushalte und Unternehmen nicht abrufen, fehlt den deutschen Banken und der Binnenkonjunktur. Doch Milleker kann der Entwicklung trotzdem eine gute Seite abgewinnen. „Wir starten aus einer sehr guten finanziellen Position in diesen Aufschwung“, ist er optimistisch.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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