Zinsen am Geldmarkt schießen in die Höhe
Banken bunkern Liquidität

Die Krise am Geldmarkt, auf dem sich Banken bei Bedarf kurzfristige Liquidität besorgen, verschärft sich von Tag zu Tag.

noh/HB. FRANKFURT. Eine Bank, die den Geldmarkt anzapfen wollte, um kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, musste am Dienstag für Dreimonatsgeld zwischen 4,70 und 4,75 Prozent bezahlen. Dieser Satz ist einen dreiviertel Prozentpunkt höher als der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB), der den Mindestzins für Wochengeld direkt von der Notenbank angibt. Normal ist ein Aufschlag von knapp 0,2 Prozentpunkten.

Für die EZB, die unter Präsident Jean-Claude Trichet morgen über diesen Leitzins entscheidet, bedeutet das, dass der Geldmarkt sich so verhält als wäre der Leitzins einen viertel bis einen halben Punkt höher. Hinzu kommt: für viele Banken sind selbst diese hohen Geldmarktsätze illusorisch. Entspannung ist bis auf weiteres nicht in Sicht. „Es wird sich noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis wir wieder so etwas wie Normalität haben“, sagte der Geldhändler.

EZB-Präsident Trichet hatte vor einem Monat durchblicken lassen, dass die EZB für Donnerstag eine Zinserhöhung auf 4,25 Prozent plant. Anfang vergangener Woche betonte er jedoch, die Zinsentscheidung sei wieder offen. Geldhändler gehen davon aus, dass die Sätze am Geldmarkt eine Leitzinserhöhung mitvollziehen würden, dass der Dreimonatssatz also Richtung fünf Prozent steigen würde. Die meisten Marktteilnehmer rechnen jedoch damit, dass die EZB ihren Zinserhöhungsplan aufgibt.

Die Liquiditätslage an den europäischen Geldmärkten blieb auch am Mittwoch sehr angespannt. Die Tagesgeldzinsen für Euro-Ausleihungen notierten zwischen 4,60 und 4,70 Prozent und lagen damit auf den höchsten Stand seit rund sechs Jahren. Dreimonatsgeld kostete zwischen 4,70 und 4,75 Prozent, Sechsmonatsgeld zwischen 4,73 und 4,78 Prozent. Die Situation bleibe schwierig, kommentierten Geldmarktakteure. Viele Banken seien auf der Suche nach Liquidität, aber ein paar Adressen horteten angesichts der Subprime-Krise weiter flüssige Mittel. Nach wie vor gebe es ein Umverteilungsproblem, obwohl im Grunde genug Liquidität vorhanden sei.

Von Seiten der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarteten die Akteure am Mittwoch allerdings keine Hilfe: „Da wird wohl nichts mehr passieren“, sagte eine Marktteilnehmerin. Einige Beobachter führten die hochgeschossenen Tagesgeldzinsen auch auf den wöchentlichen EZB-Refinanzierungstender vom Vortag zurück. Dabei hatte die Notenbank ihre Liquiditätszufuhr gegenüber der Vorwoche gedrosselt. Die Zuteilung lag mit 256 Mrd. lediglich fünf Mrd. Euro über der Benchmark. Banken und Händler kritisierten dies als zu wenig.

Noch angespannter zeigte sich die Situation in Großbritannien, wo Dreimonatsgeld mit knapp 6,80 Prozent den höchsten Stand seit 1998 erreichte. Banken kritisierten angesichts dieser Entwicklung, dass die Bank of England (BoE) bislang als einzige große Notenbank die Geldmärkte nicht mit zusätzlicher Liquidität versorgt habe, obwohl die Spitzenrefinanzierungsfazilität einen erhöhten Bedarf angezeigt habe.

Allerdings kündigte die BoE am Mittag an, dass sie der erhöhten Nachfrage nach Notenbankreserven nachkomme werde. „Dies sollte einiges vom Aufwärtsdruck auf die Zinsen abschwächen“, erklärte die Notenbank.

Sowohl EZB wie auch BoE stehen am Donnerstag vor Zinsentscheidungen. In beiden Fällen wird mit einer Bestätigung des bisherigen Leitzinsniveaus gerechnet.

Auch die gestrige Versteigerung von einwöchigem Zentralbankgeld zeigte, wie außerordentlich angespannt die Lage am Geldmarkt ist. Die EZB gab 356 Mrd. Euro in den Markt, die Banken fragten 426 Mrd. Euro nach und mussten im Durchschnitt 4,19 Prozent bieten, um zum Zuge zu kommen. Das Mindestgebot für diese Liquiditätsauktionen ist der Leitzins der EZB von derzeit vier Prozent. Unter normalen Bedingungen liegt der durchschnittliche Zuteilungssatz nur wenige Hundertstel über dem Mindestbietungssatz.

Die Geldmarktsätze sind eine wichtige Größe bei der Bestimmung der Refinanzierungskosten der Banken. Wenn die Sätze auf längere Zeit so hoch bleiben, worauf unter anderem die hohen Zinsen für Zinstermingeschäfte hindeuten, kommen die Banken nicht umhin, es wenigstens zu versuchen, die höheren Kosten an ihre Kreditkunden weiterzugeben.

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