Zinsentscheid
EZB belässt Leitzins auf Rekordtief

Die Zinsen im Euroraum bleiben auf Rekordtief. Die Europäische Zentralbank belässt den Leitzins bei einem Prozent. Analysten nehmen die Entscheidung nüchtern auf. Für Deutschland bleiben indes auch Risiken.
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FrankfurtDie Zinsen im Euroraum bleiben auf Rekordtief. Der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen, bleibe weiterhin auf seinem Rekordtief von 1,00 Prozent. Das teilte die Notenbank nach einer Sitzung des EZB-Rates am Mittwoch in Frankfurt mit. Die Entscheidung war von den meisten Beobachtern erwartet worden. Nach der jüngsten Geldflut für die Banken hatte sich die Lage an den Märkten entspannt.

Im Dezember und Februar hatten die Währungshüter den Geschäftsbanken extrem billiges Geld für bis zu drei Jahre angeboten. Die Banken liehen sich insgesamt gut eine Billion Euro. Danach hatte Notenbank-Präsident Mario Draghi bilanziert: „Das Schlimmste ist vorüber, aber es gibt auch noch Risiken. Die Lage stabilisiert sich.“

Viele Volkswirte rechnen damit, dass die EZB den Zins noch für einige Zeit bei diesem niedrigen Satz belassen dürfte. Damit wird der außerhalb Deutschlands schwächelnden Konjunktur und den Staatshaushalten der Euro-Schuldenländern geholfen, weil die Zinsen für Kredite niedrig bleiben.

Analyst Uwe Angenendt von der BHF Bank sagte in einer ersten Reaktion: „Es gab keine neuen Botschaften. Die EZB will erst die Wirkung ihrer Langfristtender abwarten, der zweite hat sich ja noch nicht wirklich in den Daten niedergeschlagen. Insofern ist zu erwarten, dass die EZB in den kommenden Wochen und Monaten seitwärts fahren wird."

Michael Schubert von der Commerzbank wagt einen Ausblick: „Der Leitzins wird noch lange Zeit auf diesem Niveau verharren. Mindestens noch in diesem Jahr. Draghis Inflationswarnung klang zunächst etwas schärfer als zuletzt. Er ist dann aber wieder zurückgerudert. Draghi hält einen Ausstieg aus den unkonventionellen Maßnahmen für verfrüht. Das ist eine recht klare Aussage."

Draghi selbst ließ keinen Zweifel daran, dass die EZB über ausreichend Instrumente verfüge, das Geld beizeiten wieder aus dem System zu nehmen, um Inflationsgefahren zu begegnen. Einen Zeitplan für den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik nannten die Währungshüter bislang nicht.

Hohe Energiepreise hielten die Teuerung zuletzt auf hohem Niveau. Mittelfristig erwarten Experten aber Entspannung an der Preisfront und Werte unterhalb der EZB-Warnschwelle von 2,0 Prozent. Dieser Trend spricht eher gegen Zinserhöhungen, denn höhere Zinsen sind ein Mittel gegen Inflation. Die meisten Volkswirte rechnen inzwischen erst 2013 mit Zinsanpassungen im Euroraum.

In Deutschland könnte der niedrige Zins allerdings auch Schäden anrichten, weil die Arbeitslosigkeit niedrig ist und manche Banken auf hohen Einlagen ihrer Kunden sitzen. Auf mittlere Sicht könne das zu einer Immobilien-Blase führen, weil Privatleute massenhaft zu Investitionen in Eigenheime angespornt werden, sagte der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. „Ich rechne mit ziemlicher Sicherheit mit Übertreibungen am deutschen Wohnungsmarkt“, sagte Kater der Nachrichtenagentur dapd.

EZB-Präsident Mario Draghi wird die Zinsentscheidung am Nachmittag in einer Pressekonferenz kommentieren. Draghi dürfte sich aus Sicht von Beobachtern zum ersten Mal vorsichtig zum Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes äußern.

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  • Gott, wenn die Aufrichtigen so erz-dämlich sind und zuschauen, wie sie enteignet werden, dann haben sie auch nichts anderes verdient.
    Jeder hat ein Hirn, das er mal einschalten kann.
    Man befasst sich dann eben mal nicht mit dem neuesten Smartphone, der nächsten Urlaubsreise und der Unterhose von Dieter Bohlen, sondern macht sich mal ein bißchen schlau über Staatsfinanzierung, Unternehmen und Börse. Ja, ja, ich weiß schon, das ist erst mal furztrocken. Aber nicht mehr, wenn man dann merkt, dass man damit Geld verdienen und sein Vermögen retten kann. Dann wird's richtig saftig. Und es kostet nicht mal Geld. Im Internet findet man alles, was man braucht.

  • Die Inflationsgefahren bestehen ohne Frage. Problematisch wird das für lohnabhängig Beschäftigte, Rentner, Vermieter, usw aber nur, wenn die Lohnsteigerungen (und infolgedessen auch die Renten- und Mietsteigerungen) nicht mit der Inflation Schritt halten. Dabei ist unbedingt auch noch der verschärfende Effekt der "kalten Progression" zu beachten. Das mit der Vermögensentwertung würde ich allerdings etwas entspannter sehen: Wer sein Kapital in Sachwerte wie z.B. Aktien investiert, muss zumindest "in the long run" keine Entwertung fürchten.

  • Deutschland ist aber keine geschlossene Volkswirtschaft.

    Wir können aber natürlich auch eine Regierung wählen, die auf die internationale Verflechtungen verzichtet und es mal mit Autarkie versucht. Modell Nordkorea sozusagen.

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