Zinserhöhung erwartet
Inflationsschub bringt EZB-Spitze in Zugzwang

In Europa sind die Verbraucherpreise unerwartet stark gestiegen. Die Teuerungsrate der Euro-Zone lag bei 2,6 Prozent. Experten rechnen nun damit, dass die EZB nächste Woche den Leitzins anhebt.
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Brüssel

Ein unerwarteter Inflationsschub liefert der Europäischen Zentralbank (EZB) neue Argumente für eine Zinserhöhung in der kommenden Woche. Die Verbraucherpreise in den 17 Euro-Ländern stiegen im März um durchschnittlich 2,6 Prozent zum Vorjahresmonat. Die Teuerungsrate erreichte damit den höchsten Stand seit Oktober 2008, teilte das Statistikamt Eurostat am Donnerstag in Brüssel mit. Dafür sorgten vor allem hohe Preise für Öl und andere Rohstoffe. Experten hatten einen Rückgang auf 2,3 Prozent erwartet, nachdem die Preise im Februar um 2,4 Prozent angezogen hatten.

Die Inflationsrate blieb damit den vierten Monat in Folge über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die EZB von stabilen Preisen spricht. "Das wird die Inflationssorgen der EZB verstärken", sagte Commerzbank-Analyst Christoph Weil. Um den Preisschub einzudämmen, dürfte sie ihren Leitzins am kommenden Donnerstag erstmals seit fast drei Jahren anheben. 76 der 80 von Reuters befragten Analysten sagen für den 7. April eine Erhöhung auf 1,25 Prozent voraus, nachdem der Zinssatz seit nunmehr fast zwei Jahren auf dem Rekordtief von 1,0 Prozent liegt. Viele Experten rechnen zudem noch mit weiteren Schritten. "Bis Jahresende dürfte der Zins bei 1,75 Prozent liegen", sagte Daniele Antonucci von Morgan Stanley.

Der Kostendruck steigt

Experten halten eine straffere Geldpolitik für gerechtfertigt. "Der Kostendruck bei den Unternehmen steigt und immer mehr Unternehmen planen, die höheren Kosten an die Kunden weiterzureichen", sagte Weil. Wenn Arbeitnehmer bei den Tarifverhandlungen einen Ausgleich für den Kaufkraftverlust durchsetzten, drohe eine Lohn-Preis-Spirale, bei der sich die Inflation verfestige. Um dem frühzeitig entgegenzuwirken, hat die EZB bereits vor drei Wochen eine Zinserhöhung signalisiert.

Kommt sie, müssen Banken mehr Geld bezahlen, wenn sie sich bei der Zentralbank mit Geld eindecken. Sie geben die höheren Kosten an ihre Kunden weiter, indem sie höhere Zinsen für Kredite verlangen. Das wiederum kann Konsum und Investitionen bremsen. Bei schwächerer Nachfrage fällt es den Unternehmen schwerer, höhere Preise durchzusetzen.

Davon geht die Welt nicht unter

Allerdings wird damit auch die Konjunkturerholung gedämpft. Für die wirtschaftlich ohnehin angeschlagenen Krisenländer wie Griechenland und Irland ist das ein Problem, weil dies die Sanierung der Staatshaushalte erschwert. Diese Sorgen hält EZB-Ratsmitglied Nout Wellink aber für übertrieben. "Ein Anstieg ausgehend von einem Niveau von einem Prozent verändert doch nicht die Welt", sagte Wellink. Aber damit signalisiere die EZB ihre Wachsamkeit. "Die Grenzen einer sehr konjunkturstimulierenden Geldpolitik sind angesichts der weltweit steigenden Inflation erreicht", sagte der niederländische Notenbankchef. Besonders im wirtschaftlich boomenden Deutschland, der größten Volkswirtschaft Europas, seien höhere Zinsen notwendig.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Zinserhöhung erwartet: Inflationsschub bringt EZB-Spitze in Zugzwang"

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  • >> In Europa sind die Verbraucherpreise unerwartet stark gestiegen. <<

    Für mich schon jetzt das Unwort 2011 => "unerwartet"

    Lauter "Deppen/Spinner/Goldbugs" wettern schon lange in Blogs, Kommentaren aber für unsere Elite (wohl keinesfalls die geistige) kommen dereil Ereignisse immer "unerwartet"

    Damit, nein also damit konnte nun wirklich nieeeemand rechnen.

    Inflation oh Gott woher kommt die so "plötzlich" :D

  • Diese Inflation ist „Hausgemacht“ wenn man den Markt mit Liquidität flutet und auch noch Staatsanleihen von „Pleiteländern“ kauft und damit den Banken „Neues Geld“ zur Verfügung stellt ist das kein Wunder.

    Dabei erhöht sich die Geldmenge im Euro-Raum durch die Schuldenorgie der Mitgliedstaaten, besonders Länder wie Griechenland, Portugal, Irland, Spanien, Frankreich und unser Land fallen dabei besonders Negativ auf.

    Dabei habe ich berechtigte Zweifel an der Aussagekraft der Inflationszahlen.

    Die EZB und die Statistikbehörden erinnern mich in diesen Punkt an die Argentinische Regierung die geringere Inflationszahlen zugibt als es der Wirklichkeit entspricht und dementsprechend die anerkannten Schulden „weginflationiert“.

  • Jetzt erst schrillen bei der EZB die Alarmglocken. Jetzt erst! Dabei hatte die Bundesbank eindringlich und frühzeitig gewarnt. Nicht einmal die Rücktritte des vormaligen Bundespräsidenten (zuvor IWF-Chef) oder des Bundesbankpräsidenten wurden als Alarmzeichen verstanden. Die Bundesregierung hat für Deutschland zwar die größten Lasten zur Überwindung der Folgen der europäischen "Finanzpolitik der liederlichen Hand" ohne Mandat der Bevölkerung übernommen, aber kann Vorstellungen zur Wiedergewinnung von Stabilität kaum durchsetzen. Selbst exponierte Finanzfachleute, wie Prof Milbradt (CDU) werden nicht mehr gehört. Die Energiepolitik, die Prof. Sinn als "Energiekonzept nach Nirgendwo" bezeichnet hat, trug und trägt weiter zur Inflation bei. Überlagert werden die hausgemachten europäischen Probleme nun wohl auch durch die Japan-Katastrophe: Infolge des Ausfalls der dortigen Anbieter (z. Bsp. PKW, Elektronik) geht der Preisdruck zurück, die Marktpreise werden steigen. Die Erhöhung des Diskonts wird angesichts der auslösenden Bedingungen (Marktverwerfungen) die galoppierende Inflation weniger bremsen, als viele erwarten. Im Gegenteil: Die Verteuerung des Kapitaldienstes könnte die Hemmschwelle gegen Neuverschuldung weiter herab setzen.

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