Zinserhöhung
Europa kommt

Die Zinserhöhung der EZB und der starke Euro dokumentieren die neue Kraft Europas. In den USA schwächt sich dagegen das Wachstum deutlich ab. Dass der alte Kontinent aber die Rolle als Zugpferd für die Weltwirtschaft übernehmen kann, bezweifeln Experten.

NEW YORK / DÜSSELDORF. Die Weltwirtschaft sucht ein neues Gleichgewicht. Nachdem Amerika jahrelang als Konjunkturlokomotive den Rest der Welt mit sich gezogen hat, geht der US-Wirtschaft jetzt die Puste aus. Optimisten rechnen im nächsten Jahr vor allem auf Grund der Immobilienkrise nur noch mit einem Wachstum von etwa 2,5 Prozent, Pessimisten sagen gar eine Rezession voraus. Klar ist, die USA fallen als Zugmaschine vorerst aus.

Zugleich ist Europa aus seiner Lethargie erwacht und wächst so schnell wie seit sechs Jahren nicht mehr. Auch die Perspektiven sind gut: Das Wachstum in der Euro-Zone werde vorerst weiter mit robusten Raten um zwei Prozent wachsen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt, nachdem die Zentralbank eine Erhöhung des Leitzinses auf 3,5 Prozent angekündigt hatte. Neben Europa läuft auch der Konjunkturmotor in Asien rund.

Die von vielen Ökonomen prophezeite Korrektur der globalen Ungleichgewichte hat begonnen. Ob sie zu einem neuen, stabilen Gleichgewicht führt, hängt vor allem davon ab, ob Europa sich von einem Abschwung in Amerika abkoppeln und zu einem Motor für die Weltwirtschaft werden kann. Traut man den Finanzmärkten, stehen die Chancen dafür gar nicht so schlecht. Während die Händler an den Terminmärkten mit einer weiteren zinspolitischen Straffung in der Euro-Zone rechnen, sagen sie für die USA die erste Zinssenkung für März nächsten Jahres voraus. Die abnehmende Zinsdifferenz zwischen den beiden Wirtschaftsräumen spiegelt nicht nur die gegenläufigen Wirtschaftsaussichten wider, sondern ist die wichtigste Triebkraft für den Wertverfall des US-Dollars. Auch an den Devisenmärkten wetten die Händler darauf, dass Europa die USA als Wachstumsmotor und Investitionsmagnet ablösen könnte.

Mervyn King, Chef der Bank of England, wandte sich deshalb kürzlich gegen das alte Klischee, wonach Europa mit der Grippe im Bett liegt, wenn die Amerikaner niesen. „Wir müssen heute etwas genauer hinsehen“, sagte der Notenbanker. So ist Europa heute weitaus weniger vom Export in die USA abhängig als früher. Nur noch acht Prozent der Ausfuhren gehen nach Amerika.

Zwei Drittel des Handels finden jedoch zwischen den EU-Mitgliedern statt. Auch der Rest der Welt hat sich etwas vom Schicksal der US-Wirtschaft abgekoppelt. Die so genannten BRIC-Länder Brasilien, Russland, Indien und China steuern heute fast ebenso viel zum Wachstum der Weltwirtschaft bei wie die USA. Das hilft auch Europa. Die Exporte nach Asien wachsen heute deutlich schneller als die Ausfuhren nach Amerika. Der Aufschwung hier zu Lande wird zudem längst nicht mehr nur vom Export getrieben. Der deutsche Bausektor hat seine jahrelange Depression überwunden, und auch die Konsumenten geben wieder Geld aus. Das Verbrauchervertrauen ist so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, und die Arbeitslosigkeit sinkt. Deutschland hat zumindest seine Rolle als Wachstumsmotor in Europa zurückerobert.

Trotz der guten Konjunkturlage bleiben viele Ökonomen jedoch skeptisch, ob Europa wirklich die USA als Konjunkturlokomotive ablösen kann. „Die Euro-Zone war und ist keinesfalls in der Lage, den USA die Führerschaft in der Weltkonjunktur abspenstig zu machen“, sagt Thomas Mayer, Chefökonom der Deutschen Bank für Europa. Die USA hätten derzeit einen konjunkturellen Schnupfen, die Euro-Zone leide dagegen noch immer an einer Lungenentzündung. Die Euro-Zone wachse 2006 nur so stark, weil sie sich dem Sog der brummenden Weltwirtschaft schlicht nicht entziehen könne.

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