Zinsfutures lassen nach
Starkes Geldmengenwachstum bringt EZB in die Klemme

Der erneute starke Anstieg der Geldmenge M3 bringt die Europäische Zentralbank (EZB) nach Einschätzung von Analysten zunehmend unter Druck, ihre Niedrigzinspolitik zu überdenken.

HB FRANKFURT. M3 wuchs im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat um 7,9 nach 7,6 % im Juni und damit so schnell wie seit Oktober 2003 nicht mehr, wie die EZB am Freitag mitteilte. Die Geldmenge hat zwar schon seit Jahren an Zuverlässigkeit als Vorbote steigender Verbraucherpreise eingebüßt, dennoch dürfte der ungebrochene Aufwärtstrend die Sorge im EZB-Rat über Inflation verstärken. Analysten hatten mit einer leichten Beruhigung des M3-Wachstums auf nur noch 7,3 % gerechnet.

„Ich habe schon die Luft angehalten, man fragt sich, wo geht das noch hin?“, sagte Claudia Windt, Volkswirtin von der Helaba. Auch Michael Schubert von der Commerzbank sprach von einer erschreckenden Entwicklung. Die EZB komme stärker in Konflikt, da die Geldmenge wegen des niedrigen Leitzinses von zwei Prozent anschwelle und Inflationsgefahr berge, die Zentralbank wegen der schwachen Konjunktur aber keine Zinserhöhung wage.

Am Rentenmarkt sanken die Kurse der Zinsfutures, da die Marktteilnehmer an die Möglichkeit einer Zinserhöhung erinnert wurden. Bisher herrscht die Einschätzung vor, dass die EZB erst 2006 die geldpolitischen Zügel strafft, wenn sich die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum festigen sollte. Zu M3 zählen unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen mit bis zu zwei Jahren Laufzeit.

M3 galt lange Zeit nicht als Vorbote höherer Inflation, da die Geldmenge von Geldumschichtungen überzeichnet war. Seit Mitte vergangenen Jahres erklärt die EZB den Zuwachs aber vor allem mit dem niedrigen Zinsniveau im Euro-Raum und warnt, dass die übermäßige Geldversorgung längerfristig zu Inflation führen könnte. Seit langem wächst die Kreditvergabe kräftig, ohne dass es bereits zu einem Preisanstieg auf breiter Front gekommen wäre: Die Teuerungsrate verharrt knapp über zwei Prozent. So lange die Binnennachfrage schwach ist, wird das in kurzfristigen Anlagen geparkte Geld nicht zum Konsum verwendet und treibt deshalb auch nicht die Inflation in die Höhe.

Die Kreditvergabe an den privaten Sektor erhöhte sich im Juli um eine Jahresrate von 8,2 nach 8,0 % im Vormonat. Vor allem Wohnungsbaukredite zogen in einigen Ländern des Euro-Raums stark an und trieben bereits die Immobilienpreise in die Höhe. Windt wies darauf hin, dass sich die EZB im Monatsbericht August besorgt über diese Entwicklung geäußert habe. Der starke Vermögenspreisanstieg drohe allmählich, das gesamte Preisniveau nach oben zu ziehen.

Nach Einschätzung von Schubert könnte eine Immobilienpreisblase die Konjunktur dämpfen, wenn es zu einem plötzlichen Einbruch der übertrieben hohen Preise kommt. Deshalb sei es für die Zentralbank riskant, mit höheren Zinsen zu reagieren. „Man kann nicht erhöhen, so lange die Konjunktur schlecht läuft, weil man in einen Zielkonflikt kommt, dass kurzfristig eine Disinflation entstehen kann.“ Eine Zinserhöhung der EZB würde das aufkeimende Vertrauen in der Wirtschaft schwächen, sagte Schubert. Die Commerzbank bleibe deshalb bei ihrer Prognose eines Zinsschrittes erst Mitte 2006. Auch die Helaba sieht keinen Anlass, schon 2005 mit höheren Zinsen zu rechnen. „Die Konjunkturerholung kommt sehr schleichend voran - die EZB wird sich nicht dem Gegenwind aussetzen mit einer Begründung, die schwer zu kommunizieren wäre“, sagte Windt.

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