Zinspolitik der EZB
Im Reich der Kaffeesatzleser

Nach der Anhebung des Leitzinses orakeln die Experten über den Kurs der EZB. Dreht die Notenbank in diesem Jahr nochmal an der Zinsschraube? Nicht nur am Markt, sondern auch bei den Notenbankern fällt die Einschätzung der Entwicklung höchst unterschiedlich aus.

FRANKFURT. An die Technik des Kaffeesatzlesens erinnert die enorme Bandbreite der Ausblicke, die Banken und Forschungsinstitute mit Blick auf die Inflations- und Wachstumszahlen und damit die Notenbankzinsen geben. "Ein steiler Anstieg der Inflationsrate bei unklarem konjunkturellem Umfeld führt immer zu extremen Prognosen nach beiden Seiten", sagte der Bonner Wirtschaftsprofessor Manfred J.M. Neumann. "Das ist Ausdruck der weitverbreiteten Unsicherheit." Diese Unsicherheit wird bleiben - auch nach der Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins um 25 Punkte auf 4,25 Prozent anzuheben.

Bisher seien die Prognosen zu Inflation und Konjunktur sehr stark von den Annahmen zur Ölpreisentwicklung geprägt gewesen, ergänzt der Leiter des Prognosezentrums beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. "Die Entwicklung des Ölpreises vorherzusagen ist allerdings so gut wie unmöglich. Wir alle haben in den vergangenen Jahren den Trend falsch eingeschätzt." Und diese Fehleinschätzung, fürchtet Scheide, könnte sich fortsetzen.

Im Juni etwa ist die Inflationsrate im Euro-Raum unerwartet stark auf vier Prozent gestiegen. Die Inflationserwartungen liegen für dieses Jahr bei drei Prozent - die EZB will die Teuerung eigentlich bei knapp zwei Prozent halten. In den USA erwarten die Konsumenten nach dem "Michigan Survey" , dass die Inflationsrate von jetzt gut vier Prozent in den kommenden Monaten auf 6,5 Prozent steigen wird. Die Gründe für die Teuerungswelle liegen auf der Hand: Der Ölpreis hat sich seit dem Jahr 2003 vervierfacht, der Preis für Metalle hat sich verdreifacht, Nahrungsmittel sind heute doppelt so teuer.

In dieser Situation fahren die Notenbanken "auf Sicht", sie entscheiden von Fall zu Fall - zumal die Notenbanker neben dem Zünden des inflationären Treibsatzes auch noch mit der Finanzkrise alle Hände voll zu tun haben. "Es ist zu früh, darüber zu spekulieren, was in der zweiten Jahreshälfte passieren wird", sagte der Chef der niederländischen Zentralbank, Nout Wellink. EZB-Chef Jean-Claude Trichet ließ gestern nach der Leitzinsanhebung offen, ob die Notenbank in diesem Jahr noch mal an der Zinsschraube drehen will. "Ich habe keine Tendenz. Wir sind nie vorab festgelegt."

Nicht nur am Markt, sondern auch bei den Notenbankern fällt die Einschätzung der Entwicklung höchst unterschiedlich aus. Aus Sicht der US-Notenbank (Fed) besteht das Hauptrisiko in einem weiteren Verfall der Vermögenspreise - Immobilien-, Aktien- und Kreditmärkte eingeschlossen. Fed-Chef Ben Bernanke erwähnte die Inflation erst, nachdem die Rohstoffpreise die Konsumentenpreise nach oben getrieben hatten. Und trotz der anziehenden Teuerung zeichnet sich in den USA bislang keine Zinserhöhung ab. Der US-Leitzins liegt seit April bei zwei Prozent. Die Fed hat ihn im Zuge der Finanzkrise seit September 2007 um 325 Basispunkte gesenkt.

Im Gegensatz zur Fed rückt die EZB ihre Sorge um eine Lohn-Preis-Spirale in den Vordergrund. Sie befürchtet, die Arbeitnehmer könnten versuchen, die Preissteigerungen über höhere Lohnforderungen wieder hereinzuholen. EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark hat bereits Ende Juni festgestellt, dass solche Zweitrundeneffekte "begonnen haben, sich auszubreiten".

Oberflächlich gesehen hänge der unterschiedliche Ansatz von EZB und Fed mit ihren jeweiligen Aufgaben zusammen, sagte Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die EZB ist nur dafür verantwortlich, Preisstabilität zu gewährleisten, die Fed soll zusätzlich für ein hohes Beschäftigungsniveau sorgen. Tatsächlich aber, so Mayer, verberge sich hinter den verschiedenen Ansätzen eine ganz andere Denkweise. Das Trauma der Amerikaner sei der Aktienmarkt-Crash von 1929, das Trauma der Deutschen die Währungsreformen nach den beiden Weltkriegen.

Welche Prioritäten die Notenbanken auch setzen - nach der Leitzinsanhebung der EZB ging das Rätselraten über die künftige Zentralbankpolitik munter weiter. Mayer etwa geht davon aus, dass "das Feuer schlechter Wirtschaftsnachrichten die Inflationszahlen überdecken wird". Deshalb erwartet er, dass die EZB in diesem Jahr auf weitere Zinserhöhungen verzichtet, um keine Rezession zu erzeugen. Auch der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise, rechnet wegen der schwächelnden Konjunktur nicht mit weiteren Zinsanhebungen. Das allerdings sieht der Kieler Wirtschaftsforscher Scheide anders. Man müsse abwarten, wie sich Inflation und die Inflationserwartungen entwickeln, sagte er dem Handelsblatt. "Die Anhebung des Zinssatzes um 25 Basispunkte könnten zu wenig sein, um die Inflationserwartungen einzudämmen."

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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