Zinspolitik
Experten stärken EZB den Rücken

EZB-Schattenrat verteidigt abwartende Geldpolitik der Notenbank gegen politischen Druck auf Zinssenkung.

FRANKFURT/M. Die abwartende, in beide Richtungen offene zinspolitische Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) findet bei unabhängigen Experten Unterstützung. Nur eine größere Minderheit von sieben der gegenwärtig 17 Mitglieder des geldpolitischen Beobachtungsgremiums EZB-Schattenrat fordert eine Zinssenkung. Der EZB-Rat entscheidet am Donnerstag über den Leitzins. Die Notenbank hält den Leitzins seit zwei Jahren auf dem historisch niedrigen Niveau von zwei Prozent. Europäische Politiker, der Internationale Währungsfonds (IWF) und auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hatten die EZB zu einer Zinssenkung aufgefordert, um mehr Wachstum zu ermöglichen.

Doch mit einer Zinsänderung am Donnerstag rechnet fast niemand. Der Geldmarkt gibt der Möglichkeit einer Zinssenkung bis März 2006 nach Berechnungen der Deutschen Bank eine Wahrscheinlichkeit von etwa einem Drittel, die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung ist nach Einschätzung des Marktes nur gut halb so hoch.

Der EZB-Schattenrat ist ein 18-köpfiges Gremium prominenter Ökonomen aus internationalen Banken, Universitäten und Forschungsinstituten, das seit November 2002 die Geldpolitik der EZB kritisch begleitet. Ein Sitz ist derzeit durch den Wechsel von David Walton zum geldpolitischen Ausschuss der Bank von England vakant.

Drei der Schattenräte traten sogar für eine Zinssenkung ein, einer weniger als im Vormonat. Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt von Barclays Capital, und Angel Ubide vom Hedge-Fonds Tudor Investment Corp. rieten der EZB trotz ihrer erklärten Neigung in Richtung Zinssenkung zu weiterem Abwarten. „Die Unsicherheit ist derzeit besonders hoch, da sollte die Notenbank nicht aktivistisch sein“, sagte Callow.

Unter den zehn Mitgliedern, die eine Zinssenkung forderten oder eine starke Neigung in diese Richtung ausdrückten, herrschte Einigkeit, dass die Konjunkturlage im Euro-Raum schlecht sei und die Aussichten bestenfalls durchwachsen seien. Der Chefvolkswirt von Lehman Brothers, John Llewellyn, warnte vor der Gefahr, dass sich die Erwartung einer dauerhaft schwachen Binnennachfrage verfestigen könnte. Der belgische Wirtschaftsprofessor und Senator Paul De Grauwe schloss sich der Warnung an: „Wenn das zum neuen Paradigma wird, leiden die Investitionen. Das drückt wiederum das Wachstumspotenzial, so dass sich das Paradigma von selbst erfüllt.“ Die EZB müsse dafür sorgen, dass dieses unheilvolle Gleichgewicht nicht eintritt.

Dagegen herrschte im anderen Lager die Meinung vor, das Wachstum sei im Vergleich zum bescheidenen Wachstumspotenzial Europas nicht so schlecht und die Aussichten zeigten ebenfalls keinen Bedarf für eine geldpolitische Stimulierung an. „Die Zinsen sind schon sehr niedrig, und eine weitere Senkung würde vermutlich wenig bewirken“, sagte zudem der Chefvolkswirt der spanischen Großbank BBVA, José Luis Escrivá.

Im Durchschnitt erwarten die Schattenräte für 2005 nur ein Wachstum von 1,3 Prozent, das sich aber im nächsten Jahr auf 1,9 Prozent erhöhen soll. Die Inflationsrate wird den Prognosen zufolge 2006 auf 1,7 Prozent zurückgehen.

Die Forderungen deutscher, französischer und italienischer Regierungsmitglieder nach einer Zinssenkung sind für Patrick Mange von BNP Paribas Asset Management ein Grund, der EZB von einer ansonsten sinnvollen Zinssenkung abzuraten, für den ehemaligen kroatischen Notenbankgouverneur Marko Skreb dagegen ein Grund, auf eine angezeigte Zinserhöhung vorerst zu verzichten. „Das wäre ein rotes Tuch für die Politiker und würde von der Öffentlichkeit kaum verstanden“, sagte Skreb.

Dagegen trat Thorsten Polleit, Volkswirt bei Barclays Capital und Mitglied der EZB-Beobachtergruppe ECB Observer, weiter für eine kräftige Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt ein. Wenn die Zinsen weiter so niedrig seien, drohten sich Blasen an Finanz- und Immobilienmärkten zu vergrößern, so Polleit. Joachim Fels von der Investmentbank Morgan Stanley wies darauf hin, dass sich die Inflationsperspektiven seit dem letzten Monat auf Grund des Ölpreisanstiegs, des schwächeren Euros und der beschleunigt wachsenden Geldmenge verschlechtert hätten.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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