Zwei Ökonomen im Gespräch
Einspruch, Herr Kollege

Ist Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung? Haben die Hartz-Reformen Arbeitsplätze gekostet? Verdienen die Deutschen zu wenig? Die Ökonomen Wolfgang Franz und Gustav Horn im Streitgespräch über Vollbeschäftigung, höhere Löhne und Tücken des Mindestlohns.
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Herr Franz, Herr Horn, nach allgemeiner Auffassung geht der aktuelle Aufschwung auch auf die Lohnzurückhaltung der Arbeitnehmer zurück. Ist jetzt die Zeit reif, bei den nächsten Lohnrunden einen kräftigeren Schluck aus der Pulle zu nehmen?

Horn: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Lohnzurückhaltung sich immer lohnen würde. Seit 1995 hinken die Löhne in Deutschland deutlich hinter dem Produktivitätsfortschritt hinterher. Seit zehn Jahren üben die Tarifparteien also Lohnzurückhaltung – Vollbeschäftigung ist dadurch aber nicht einmal annähernd entstanden. Wenn ein Medikament zehn Jahre lang nicht wirkt, dann sollte man es endlich absetzen.

Franz: Eine zehnjährige Lohnzurückhaltung, von der Sie sprechen, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. In den letzten drei Jahren waren die Gewerkschaften etwas bescheidener als gewöhnlich, aber davor hatten sie in den meisten Jahren den Verteilungsspielraum überzogen.

Horn: Wenn das stimmen würde, Herr Kollege, dann wäre die Binnennachfrage in Deutschland wohl kaum so schwach, wie wir es seit Jahren beobachten.

Plädieren Sie demnach wieder für höhere Löhne in Deutschland?

Horn: Durchaus, wenn es in den gesamtwirtschaftlichen Rahmen passt. Wir sollten einfach wieder zu Lohnsteigerungen zurückkommen, die sich am Produktivitätszuwachs orientieren. Dazu müssten wir bei den Lohnabschlüssen in den nächsten Tarifrunden im Vergleich zu diesem Jahr gesamtwirtschaftlich noch etwas mehr als einen Prozentpunkt drauflegen.

Franz: Was Sie da fordern, ist fatal. Ein Teil der Erfolge auf dem Arbeitsmarkt ist der moderaten Lohnpolitik der jüngsten Vergangenheit zuzuschreiben. Davon dürfen wir nicht abkehren. Nur wenn wir den Verteilungsspielraum von gesamtwirtschaftlich rund zwei Prozent im Jahr 2008 nicht ausschöpfen, können auch neue Arbeitsplätze entstehen.

Die Gewerkschaft der Lokführer besteht bei der Bahn auf einem eigenständigen Abschluss, andere Splittergewerkschaften könnten dem Beispiel folgen. Ist Ihnen diese neue Flexibilität willkommen?

Horn: Ich sehe darin eine Gefahr für die gesamte Wirtschaft. Die Arbeitgeber hätten vorher drüber nachdenken sollen, was es bedeutet, den Flächentarifvertrag zu unterlaufen, statt heute Krokodilstränen zu vergießen. Herr Mehdorn hat jahrelang Betriebsteile der Bahn mit unterschiedlichen Tariflöhnen ausgelagert. Und jetzt beruft er sich plötzlich auf das Sozial- modell Bahn und fordert, dass es keine verschiedenen Tarifverträge geben dürfe. Der Vorteil des Flächentarifvertrages ist ja, dass die Gewerkschaften in ihren Forderungen auch die gesamtwirtschaftliche Lage berücksichtigen. Im Vergleich zu anderen Ländern hatten wir in Deutschland deswegen kaum übersteigerte Lohnabschlüsse und wenig Streiktage. All dies war ein Verdienst des Flächentarifvertrages – und es besteht die Gefahr, dass sich all das nun ändern wird.

Franz: Das Beispiel Bahn zeigt, dass wir über neue Regeln nachdenken müssen, um solche Situationen zu entschärfen. Zum Beispiel sollte jeder Tarifvertrag eine verbindliche Schlichtungsregelung enthalten. Im Tarifkonflikt zwischen den Lokführern und der Bahn waren Biedenkopf und Geißler keine Schlichter, sondern nur Moderatoren. Ansonsten bin ich in meiner Zunft anscheinend einer der wenigen, die den Flächentarifvertrag noch verteidigen. Er ist in den letzten Jahren aber viel flexibler geworden.

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