Zweifel an der Wirkung der Milliardenspritzen
Neue Interventionen am Geldmarkt

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat offenbar selbst Zweifel an der Wirksamkeit ihrer massiven Liquiditätszufuhr für den Geldmarkt.„Das erlaubt, einige der Spannungen zu dämpfen, aber das beseitigt sie nicht, denn sie kommen von außerhalb des Geldmarktes“, sagte EZB-Chef Jean-Claude Trichet am Mittwoch dem Fernsehsender N-TV. Auch viele Volkswirte sind skeptisch.

FRANKFURT. „Das ist nur das Kurieren von Symptomen“, erklärte der EZB-Experte der Commerzbank, Michael Schubert. „Die EZB hat eine Medizin gefunden und lindert die Schmerzen. Nicht mehr und nicht weniger.“

Durch Interventionen in den Geldmarkt versucht die EZB, die Zinssätze dort zu stabilisieren. Infolge der globalen Finanzkrise ist der Liquiditätsfluss am Geldmarkt seit Monaten gestört. Dahinter sehen Fachleute letztlich aber einen Mangel an Vertrauen der Banken untereinander. Zum Jahresende, wenn die Kreditinstitute ihre Jahresabschlüsse erstellen, erwarten die Notenbanken erhöhte Spannungen am Geldmarkt. Gemeinsam mit der US-Notenbank Fed, der Schweizerischen Nationalbank, der Bank of Canada und der Bank of England hatte die EZB am vergangenen Mittwoch den Märkten deshalb zugesichert, sie in einer konzertierten Aktion mit ausreichend Liquidität zu versorgen.

Am Mittwoch schien der Kampf der EZB gegen steigende Geldmarktzinsen Wirkung zu zeigen. Sie sah sich sogar veranlasst, mit einem eintägigen Schnelltender zum Festzins von vier Prozent Liquidität aus dem Markt zu nehmen. Der Zinssatz für Tagesgeld war auf 3,75 Prozent gefallen und hatte sich nach Meinung der Zentralbank zu weit vom geltenden Notenbankzins von vier Prozent entfernt. Die EZB zog 133,6 Mrd. Euro ab, obwohl sie zuvor ihre Bereitschaft bekundet hatte, bis zu 150 Mrd. Euro zurückzunehmen. Dafür fehlte es aber an Geboten.

Erst am Dienstag hatte die EZB dem Markt 348,6 Mrd. Euro mit einer Laufzeit von 16 Tagen zur Verfügung gestellt. Die Zuteilung lag um 186 Mrd. Euro über dem, was nach Prognose der EZB zum Ausgleich von Angebot und Nachfrage erforderlich gewesen wäre. Die Zinssätze hatten nach der Zuteilung für alle Laufzeiten nachgegeben, waren aber außer beim Tagesgeld deutlich über vier Prozent geblieben. Gestern wurde Einmonatsgeld zu 4,48 Prozent, Zweimonatsgeld mit 4,70 und Dreimonatsgeld mit 4,74 Prozent gehandelt.

Zugeflossen sind dem Geldmarkt am Mitwoch mit einem 98-Tage-Tender 48,48 Mrd. Euro. Zu Zinsgeboten von vier bis 4,92 Prozent wurden alle Gebote der Banken berücksichtigt, weil das von der EZB angebotene Volumen von 50 Mrd. Euro nicht ausgeschöpft wurde.

Nach Einschätzung von Disponenten ist die Entwicklung am Geldmarkt derzeit nicht vorhersehbar. Das Geschäft sei von schweren Verspannungen geprägt und hänge in hohem Maße von den Eingriffen der Notenbanken ab. Man geht am Geldmarkt davon aus, dass die Tagesgeldsätze bis zum Jahresende unter vier Prozent bleiben. Am langen Ende würden die Sätze zwar enger gestellt, Geschäfte kämen aber praktisch keine zustande.

Der von der EZB am Montag angekündigte Tender über zehn Mrd. Dollar wurde gestern mit einem Zinssatz von 4,65 Prozent zugeteilt. Er ist Teil der Kooperation mit der Fed, um die Dollarversorgung am Markt zu gewährleisten. Nach Angaben der EZB war der Tender stark überboten. Insgesamt waren 39 Gebote für insgesamt 22,1 Mrd. Dollar eingegangen. Den zweiten Teil ihres Arrangements mit der Fed, einen weiteren Tender über zehn Mrd. Dollar, hat die EZB gestern ausgeschrieben. Er läuft über 35 Tage bis zum 31. Januar. Die Banken müssen am Freitag ihre Gebote abgeben.

Angespannt war am Mittwoch auch die Situation in den USA. Die Fed teilte mit, sie habe bei einer Auktion von 20 Mrd. Dollar Zentralbankgeld Gebote über 61,6 Mrd. Dollar erhalten. Auch die Schweizerische Nationalbank konnte die Nachfrage nicht befriedigen. Sie hatte nach eigenen Angaben vier Mrd. Dollar offeriert, für 17 Mrd. Dollar waren Gebote eingegangen.

Geldmarkt-Disponenten in Frankfurt richteten sich darauf ein, dass die EZB heute mit einem neuen Schnelltender aufwarten wird. „Die Frage ist nur, welche Laufzeit und welches Volumen er haben wird“, meinte ein Händler. Zurzeit sei es schwer, zu Tagesgeld Prognosen abzugeben. Wahrscheinlich werde es irgendwo zwischen 3,75 und 4,05 Prozent liegen. Der Gouverneur der österreichischen Zentralbank, Klaus Liebscher, sicherte zu, die EZB sei bereit, mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen, um an den Märkten wieder für Vertrauen zu sorgen.

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