Die EZB hat ihren Leitzins zum ersten Mal seit ihrem Bestehen um 75 Basispunkte gesenkt. Präsident Trichet hat vermieden, Konkretes zur künftigen Zinspolitik zu sagen. Aber die Fundamentaldaten legen den Schluss nahe, dass die EZB ihren Leitzins nach der Jahreswende rasch auf unter 2% (Commerzbank-Prognose: 1,75%) senken wird:
1. Schwaches Wachstum: Die EZB-Volkswirte erwarten jetzt, dass die Euro-Wirtschaft 2009 um 0,5% schrumpfen wird. Aber wegen der einbrechenden Frühindikatoren rechne ich mit einem Minus von mindestens 1,2%. Die EZB wird ihre Konjunkturprognose weiter deutlich senken müssen.
2. Kein Inflationsproblem: Die EZB schrieb, dass die Inflationsrisiken mittlerweile „ausgeglichener“ seien. Trichet zählte Argumente sowohl für eine höhere als auch für eine niedrigere Inflation auf. Dazu passt, dass die EZB-Volkswirte die Inflation sowohl 2009 (1,4%) als auch 2010 (1,8%) unter der Marke von 2% sehen. De facto sieht die EZB keine Inflationsrisiken mehr.
Ich erwarte, dass die EZB ihren Leitzins im Januar erneut senkt, vermutlich um 50 Basispunkte; im Frühjahr dürfte er dann unter 2% liegen.
Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank AG


