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17.10.2007 
So seh ich es

Dynamischer Arbeitsmarkt

von Lothar Späth

Aufstieg und Niedergang von Branchen, Unternehmenswachstum und Insolvenzen, Einstellungen und Entlassungen von Angestellten: Die Dynamik einer Marktwirtschaft ist ein Prozess von Schöpfung und Zerstörung. Ihr Erfolg hängt von der Anpassungs- und Innovationsfähigkeit ihrer Akteure ab.

Es bleibt wohl eine unabänderliche Tatsache: In Wirtschaft und Politik verbreiten sich negative Nachrichten weitaus besser als positive. Vermutlich ist es diesem Umstand geschuldet, dass sich die aktuelle Politik um das Thema "Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I" dreht, anstatt sich von den hoffnungsvollen Zahlen zum Rückgang der Arbeitslosigkeit leiten zu lassen.

Gewiss, betrachtet man, wie dies in der Mediengesellschaft ja häufig geschieht, immer nur betroffene Einzelschicksale sowie spezielle Branchen und Unternehmen, so mag man den Eindruck gewinnen, es ginge auf dem Arbeitsmarkt generell stetig bergab. Doch objektive Statistiken, welche nicht nur isoliert den Stellenabbau darstellen, sondern auch alle Neueinstellungen registrieren, beweisen das Gegenteil.

So übertrafen innerhalb der ersten neun Monate dieses Jahren die in Deutschland aktuell geplanten Einstellungen den geplanten Stellenabbau um mehr als das Doppelte. Das sollte uns eigentlich Mut machen und aus der Defensive holen.

Auch der Lehrstellenmarkt ist wieder in Schwung geraten. Bis Ende September wurden in Industrie, Handel und Handwerk über 40 000 Ausbildungsplätze mehr geschaffen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Damit hat sich die häufig beklagte rechnerische Lehrstellenlücke von 34 100 im vergangenen Jahr auf nur noch 10 700 verringert. Doch wir sehen das Glas lieber halbleer als halbvoll. Anstatt dies alles als äußerst positive und hoffnungsvolle Entwicklung wahrzunehmen, wird immer wieder das bedrohliche Gespenst von Globalisierung und Marktwirtschaft, das uns geheimnisvolle und unlösbare Gefahren beschere, heraufbeschworen.

Ich bezweifle, dass dies noch im Rahmen einer gesunden kritischen Haltung liegt. Ich befürchte hingegen, dass wir dadurch eine Stimmung erzeugen, die der Wahrung unseres Wohlstands geradezu entgegenwirkt. Tatsache ist jedenfalls, dass der Wohlstand mittlerweile viel weniger von zu geringer Nachfrage am Arbeitsmarkt als vielmehr von einem zu geringen Arbeitsangebot bedroht wird.

Das Institut der deutschen Wirtschaft bezifferte die Zahl der offenen Stellen zuletzt auf 1,6 Millionen. Es ist also keinesfalls so, wie immer wieder suggeriert wird, dass uns quasi die Arbeit ausgehen würde. Was nicht mehr im ausreichenden Maße vorhanden ist, sind stattdessen die Fachkräfte. Es ist für ein Unternehmen nun einmal wenig sinnvoll, jemanden einstellen, dessen Eignungsprofil nicht auf das Stellenangebot zugeschnitten ist.

Die unbestreitbaren Vorzüge einer Marktwirtschaft kommen nur durch die darin liegende wirtschaftliche Dynamik zustande. Und diese wiederum hinterlässt unweigerlich gegenläufige Spuren: sowohl Aufstieg als auch Niedergang von Branchen, Unternehmenswachstum ebenso wie Insolvenzen, Einstellungen genauso wie Entlassungen von Angestellten.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wann das System zum Wohl der ganzen Gesellschaft funktioniert.

Der bekannte Ökonom Joseph Schumpeter nannte seinerzeit diese der Marktwirtschaft eigene Dynamik bezeichnenderweise einen "Prozess schöpferischer Zerstörung". Schöpfung und Zerstörung als zwei Seiten einer Medaille. Heute spricht man lieber von "Strukturwandel". Das klingt harmloser, weil es die schmerzhafte Seite verheimlicht. Doch das macht es für alle Beteiligten leider nur leichter, die Notwendigkeit einer permanenten Anpassung und einer teilweise unbequemen Veränderung zu verdrängen.

Natürlich ist es keine gute Nachricht, wenn etwa, wie jüngst geschehen, ein Automobilzulieferer ankündigt, 1 800 Arbeitsplätze abzubauen. Doch solange gleichzeitig an anderer Stelle Arbeitsplätze entstehen, die eventuell sogar produktiver sind, ist der Prozess aus der Gesamtperspektive betrachtet dennoch zu begrüßen.

In einer Welt, die sich in ständigem Wandel befindet, hängt die Überlebensfähigkeit von Unternehmen, hängt der Erfolg einer ganzen Volkswirtschaft von der Anpassungs- und Innovationsfähigkeit der Akteure ab. Wir benötigen daher eine Kultur, die den Menschen nicht nur persönliche Entwicklungs- und Änderungsbereitschaft abverlangt, sondern auch eine grundsätzliche Akzeptanz gegenüber der marktwirtschaftlichen Dynamik. Insolvenzen, Rationalisierungen und Entlassungen werden immer zum Erscheinungsbild von Marktwirtschaft gehören. Arbeitsplatzwechsel oder temporäre Arbeitslosigkeit können jeden treffen. Das darf nicht verschwiegen werden. Das Wichtigste ist, dass Staat und Wirtschaft zusammenwirken, um Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend zu vermeiden. Aber auch hier zeigen sich ja erste Erfolge.

Zum Wohl der gesamten Gesellschaft funktioniert das System, wenn erstens unter dem Strich die Neueinstellungen zumindest nicht geringer sind als die Entlassungen und zweitens der Strukturwandel mit einem Produktivitätszuwachs einhergeht, der für bessere und besser bezahlte Jobs sorgt. Die erste Bedingung wird laut den jüngsten Statistiken zurzeit sehr gut erfüllt. An der zweiten Bedingung aber hapert es seit einiger Zeit. Das liegt an der allgemeinen Vernachlässigung von marktgerechter Bildung, Ausbildung und Weiterbildung. Ein Staat, der seine Bürger vor den unvermeidbaren arbeitsmarktlichen Brüchen wirtschaftlicher Entwicklung schützen will, darf nicht, etwa durch eine falsche oder überzogene Sozialpolitik, die inhärente Dynamik behindern, sondern er muss dafür sorgen, dass die Menschen für diese Dynamik bestens gerüstet sind.

Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel sind daher zwei Probleme, die aus übergeordneter Perspektive beurteilt werden müssen und nicht kontraproduktiv behandelt werden dürfen. Wenn wir das ernst nehmen, dann dürfen wir uns über die positiven Zahlen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt freuen und nicht nur das Haar in der Suppe suchen.

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