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09.04.2008 
So seh ich es

Irreführende Etiketten

von Lothar Späth

Die technischen und sozialen Zusammenhänge beim Klimawandel sind sehr komplex. Vorbei sind die Gründungszeiten der Grünen, in denen die Rollen der Umweltsünder und Ausbeuter der sogenannten Dritten Welt klar verteilt waren. Das Beispiel Bioenergie zeigt, wie unbrauchbar die einstigen ideologischen Kategorien geworden sind.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat seinen Gesetzentwurf zum Biosprit zurückgenommen. Das war richtig. Die stärkere Beimischung war zwar Teil der Strategie, mit der man das beschlossene Ziel erreichen wollte, die Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Doch wie so oft in der Politik war das noch nicht der Wahrheit letzter Schluss. Bis dieses Ziel tatsächlich realisiert werden kann, werden auch in Zukunft noch häufiger Probleme auftauchen, auf die man der Sache wegen flexibel und pragmatisch reagieren muss.

Die technischen und sozialen Zusammenhänge beim Klimawandel sind sehr komplex. Vorbei sind die Gründungszeiten der Grünen, in denen die Rollen der Umweltsünder und Ausbeuter der sogenannten Dritten Welt klar verteilt waren. Das Beispiel Bioenergie zeigt, wie unbrauchbar die einstigen ideologische Kategorien geworden sind und auch wie irreführend manchmal Etiketten wie "Bio" sein können.

Das Argument, dass hierzulande über eine Million Autos Schaden von dem geplanten Gemisch genommen hätten, ist dabei noch unbedeutend im Vergleich zur Generalkritik am weltweiten Ethanol-Boom. Hinter dem Stichwort Bioenergie verbergen sich nämlich noch Widersprüche ganz anderer Art. Der auffälligste Widerspruch besteht wohl im Anreiz, den die weltweit steigende Nachfrage nach Biomasse der Agrarindustrie setzt.

Große Flächen von Regenwäldern etwa werden gerodet, um dort die finanziell sehr attraktiv gewordenen Sojabohnen, Palmöl oder Rohrzucker für die Biokraftstoffindustrie zu produzieren. Ein Fünftel des hierzulande getankten Biodiesels stammt vornehmlich aus südamerikanischen Sojabohnen. Da verzichtet der umweltbewusste Bundesbürger auf Gartenstühle aus tropischen Hölzern und trägt gleichzeitig - in gutem Glauben, damit ebenfalls die Umwelt zu schonen - mit einem Auto, das er mit Biodiesel betankt, wieder zur Rodung riesiger Urwaldgebiete bei. Einer Studie der renommierten Universität Princeton zufolge verursacht der Ethanolboom aufgrund der veränderten Landnutzung sowie des damit verbundenen verstärkten Düngereinsatzes sogar mehr ökologische Schäden als die Verbrennung fossiler Brennstoffe.

Der zweite offensichtliche Widerspruch bezieht sich auf die sozialen Folgen einer Energiepolitik, die auf Biokraftstoff setzt. Nicht ohne Grund wird beim Klimawandel besonders auf die verheerenden Folgen für die armen Länder der Erde verwiesen und zu Recht eine verantwortungsvolle Energiepolitik der reichen Verbraucherländer eingefordert. Doch selbst wenn - entgegen den Erwartungen - durch den verstärkten Einsatz von Biokraftstoff der Klimawandel eingedämmt werden könnte, so bedrohen die Auswirkungen, welche die hohe Nachfrage nach Biomasse für die Versorgung mit Lebensmitteln mit sich bringt, die Menschen in den betroffenen Regionen noch direkter. Anbauflächen, die bereits schon im Rahmen der Lebensmittelproduktion verknappen, können nicht gleichzeitig noch Früchte für die Produktion von Biokraftstoff hervorbringen. Die fortschreitende Rohstoffknappheit zeigt bereits dramatische Effekte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der dritte Widerspruch zeigt sich in der Lebensmittelverknappung.

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