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07.05.2008 
So seh ich es

Rettet die Mittelschicht!

von Lothar Späth

Für Deutschland liegt der Schlüssel zu einem kräftigeren Wachstum vor allem in einer hohen Qualifikation seiner Bürger. Gerade der Mangel an Ingenieuren und Facharbeitern als besondere Wachstumsbremse. Die Politik muss endlich alles daransetzen, junge Menschen wieder für technische Berufe zu begeistern.

Spitzenpolitiker beginnen bereits, die erfreulich sinkenden Arbeitslosenzahlen zum Anlass zu nehmen, von Vollbeschäftigung - also einer Arbeitslosenquote zwischen zwei und vier Prozent - zu träumen. In breiten Schichten der Bevölkerung entwickelt sich dagegen die berechtigte Angst, dass aus Deutschland zwar ein Land mit geringerer Arbeitslosigkeit, aber auch mit wenig Wohlstand werden könnte.

Zu Beginn des Jahres haben das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und jetzt auch McKinsey sich die Mühe gemacht, einmal nachzurechnen, wie realistisch die Wohlstandsverlustängste der Bürger tatsächlich sind. Die Studien erlauben uns einen Blick in die Zukunft. Sie betrachten die Entwicklung der Mittelschicht, der bislang noch die Mehrheit der deutschen Bevölkerung angehört. Die Ergebnisse zeigen klar, warum wir jetzt nicht fröhlich auf Vollbeschäftigung warten dürfen, sondern gewaltige Anstrengungen unternehmen müssen, um dem Schicksal eines dauerhaften Wohlstandsverlustes noch zu entkommen.

Laut DIW-Studie schrumpft die Mittelschicht in einem beunruhigenden Tempo. So sank ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung zwischen 2000 und 2006 von 62 auf 54 Prozent. Das entspricht einem Rückgang von 49 auf 44 Millionen. Nach Berechnungen von McKinsey werden bis zum Jahr 2020 nicht einmal mehr 50 Prozent der Bevölkerung noch ein Einkommen auf dem Durchschnittsniveau haben.

Vermieden werden könne dieses Schicksals nur durch eine deutliche Steigerung des Wirtschaftswachstums. Wenn dieses hingegen auf dem aktuellen Niveau von 1,7 Prozent verharre - dort also, wo sich die Politik derzeit anscheinend zufrieden auf den Einzug der Vollbeschäftigung vorbereitet -, wird die wohlstandstragende Mittelschicht ausdünnen und zum größeren Teil in einer Schicht aufgehen, die weniger als 70 Prozent des Durchschnittseinkommens bezieht.

Dass nicht jedes Wirtschaftswachstum automatisch eine breite Steigerung des Wohlstands zur Folge hat, haben in den letzten Jahren vor allem die Bürger der Mittelschicht zu spüren bekommen. Für deren Wohlstandssteigerung reichten nämlich selbst die 2,5 Prozent Wachstum in 2007 nicht aus. McKinsey hat in einem "Chancenszenario" berechnet, dass dafür ein nachhaltiges Wachstum von mindestens drei Prozent nötig sei. Das gab es zuletzt Mitte der 80er-Jahre. Doch wenn man bedenkt, dass die Weltwirtschaft mit rund vier Prozent wächst, ist überhaupt nicht einzusehen, warum ein solches Ziel nicht auch für den Exportweltmeister Deutschland wieder erreichbar sein sollte.

Für ein wirtschaftliches Pionierland wie Deutschland liegt der Schlüssel zu einem kräftigeren Wachstum - das ist inzwischen kein Geheimnis mehr - vor allem in einer hohen Qualifikation seiner Bürger. Und nur so entstehen solche Arbeitsplätze, die im globalen Wettbewerb ein ordentliches Einkommen ermöglichen. Jetzt Vollbeschäftigung nur über Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich und Minijobs zu gewinnen kann nicht unser Ziel sein. Deutschland muss sich an der wirtschaftlichen Spitzenklasse orientieren und darf nicht mit Billiglohnländern in Konkurrenz treten wollen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Das Problem hört nicht beim Ingenieurmangel auf

Nimmt man also die Dreiprozentgrenze aus dem Chancenszenario von McKinsey, dann bedeutet jede Wachstumsrate, die darunter liegt, Rückschritt und Wohlstandsverlust - mit oder ohne Vollbeschäftigung. Als besondere Wachstumsbremse erweist sich der Mangel an Ingenieuren und Facharbeitern. Obwohl sich das Defizit schon frühzeitig ankündigte, fängt es erst jetzt an, richtig wehzutun. Mittlerweile fehlen der deutschen Industrie 70 000 Ingenieure. Das ist nochmals eine Steigerung von 45 Prozent gegenüber letztem Jahr.

Laut einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) verursacht dieser Mangel einen Wertschöpfungsverlust von rund sieben Milliarden Euro. Könnten zudem die Stellen besetzt werden, hätten wir nicht nur ein um sieben Milliarden größeres Sozialprodukt sowie 70 000 Bürger mit einem ordentlichen Einkommen mehr. Die Beschäftigungs- und Einkommenssteigerung in diesem Bereich würde noch weitere dynamische Effekte nach sich ziehen. Schaffen wir es hingegen nicht, die derzeitige Entwicklung umzukehren, werden sich die dynamischen Effekte in negative Richtung ausdehnen.

Das Problem hört zudem nicht beim viel zitierten Ingenieurmangel auf. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) beziffert das Defizit an Fachkräften mittlerweile auf 400 000. Ein Drittel der Unternehmen kann nicht mehr alle offenen Stellen besetzen. Das sind doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Den gesamten Wertschöpfungsverlust schätzt der DIHK auf etwa 23 Milliarden Euro. Das allein entspräche schon einem ganzen Prozentpunkt Wirtschaftswachstum.

Die Politik muss endlich alles daransetzen, junge Menschen wieder für technische Berufe zu begeistern und sie in ausreichendem Umfang zu qualifizieren. Aber auch die Industrie hat geschlafen und muss sich stärker um ihren Nachwuchs kümmern. Ein gutes Beispiel gibt das Unternehmen Q-Cells, das in den nächsten zwei Jahren 3 500 Arbeitskräfte einstellen will. Das Unternehmen besitzt eine eigene Akademie zur Weiterbildung seiner Mitarbeiter. Außerdem hat Q-Cells eine Stiftungsprofessur für Photovoltaik an der Universität Halle eingerichtet.

Wir brauchen dieses gemeinsame Engagement auch von Staat und privat, von Wissenschaft und Wirtschaft. Nur mit gemeinsamen Anstrengungen lässt sich die typische deutsche Mittelschicht in Zukunft erhalten. Wenn wir das geschafft haben, dann wird auch eine wünschenswerte Vollbeschäftigung wieder realistischer.

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