Die Globalsteuerung
Zeitgleich vollzog sich in der deutschen Wirtschaftswissenschaft ein schleichender Paradigmenwechsel. Nach und nach setzte sich eine neue Ökonomen-Generation durch, die beseelt war von den keynesianischen Konzepten. Schon 1958 übte der Hamburger Ökonomie-Professor und spätere Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller in einem Vortrag über "Neuere Entwicklungen in der Theorie der Wirtschaftspolitik" heftige Kritik an der Ordnungspolitik der alten Schule. Diese habe inzwischen "die notwendige Anti-Kritik hervorgerufen: dass eben mit der Änderung von Institutionen keineswegs alles getan sei". Die moderne ökonomische Theorie dagegen "hat sich mehr und mehr von unmittelbaren dogmatischen Zweckwerten abgelöst und ist zu einem zweckneutralen Werkzeugkasten geworden", betonte Schiller in seinem Aufsatz, der pikanterweise als erster Band in einer neuen Schriftenreihe des Walter Eucken Instituts erschien.
Der "zweckneutrale Werkzeugkasten" kam ab 1966 auch kräftig zum Einsatz. Als Bundeswirtschaftsminister avancierte Schiller zum "stolzen Initiator des Konzepts der Globalsteuerung in Deutschland", wie der langjährige Wirtschaftsweise Olaf Sievert formuliert. "Soziale Marktwirschaft" bedeutete in jenen Jahren nicht mehr die Ordnungspolitik à la Eucken, sondern Feinsteuerung der Konjunktur plus immer mehr staatliche Umverteilung zur Linderung von tatsächlichem oder vermeintlichem Marktversagen. Die Regierung, lautete in den sechziger Jahren das Credo der Ökonomen, solle durch die Veränderung von öffentlichen Ausgaben, Steuern und Zinsen für Vollbeschäftigung, Preisniveau-Stabilität, Wirtschaftswachstum und eine ausgeglichene Handelsbilanz sorgen.
"Gerade wir jüngeren Ökonomen standen hinter dieser Idee", erinnert sich Herbert Giersch, der 1963 im Alter von 42 Jahren als Gründungsmitglied in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen wurde. "Es herrschte damals ein ausgesprochener Wissenschaftsoptimismus. Wir dachten: Wenn wir nur genug über Konjunkturtheorie wüssten, können wir den Zyklus glätten", sagt der langjährige Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Und so stand 1964 im ersten Jahresgutachten der "fünf Weisen" der bemerkenswerte Satz: "Der Standpunkt, dass alle, die mehr für ihre Arbeit und ihre Erzeugnisse fordern, als der Markt zu zahlen bereit ist, es selbst zu verantworten haben, wenn sie aus dem Markt gedrängt werden, ist so weit entfernt von den im Gesetz über den Sachverständigenrat niederlegten Zielen, dass er hier ohne nähere Prüfung ausscheiden kann." Eine Position, bei der die Wirtschaftsweisen allerdings nicht lange blieben.
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