Traditionell ist der Blick über den Tellerrand keine große Stärke von Ökonomen. Zwar hatten sie noch nie Hemmungen, Methoden und Denkmuster allen möglichen nicht-ökonomischen Fragen überzustülpen. Aber Erkenntnisse anderer Fächer haben sie kaum beachtet. Warum jetzt immer mehr Volkswirte umdenken.
Der Arzt steht vor einer schweren Entscheidung: Ein neues, vielversprechendes Medikament gegen Aids steht vor dem klinischen Test. Doch nur jeder zehnte Immunschwäche-Patient kann es erhalten. Wer soll es bekommen? Die 30-jährige Mutter, der gerade positiv auf HIV getesteten Junge oder der 64-Jährige, der schon lange auf eine Therapie hofft?
Fragen wie diese sind es, die Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in der Forschergruppe „Priorisierung in der Medizin“ klären. Seit April arbeiten 17 Ärzte, Ökonomen und Juristen daran, Rangordnungen für die Gesundheitsversorgung aufzustellen. Der Mediziner Eckhard Nagel von der Uni Bayreuth erklärt das Prinzip: „Wenn es darum geht, wie Organspenden verteilt werden sollen, klären Mediziner, worauf es aus gesundheitlicher Sicht ankommt. Die Ökonomen analysieren Kosten und Nutzen.“
Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bezahlte Projekt ist eines von vielen Beispielen dafür, wie Ökonomen zunehmend die engen Grenzen ihres Fachs hinter sich lassen und gemeinsam mit Kollegen aus allerhand anderen Disziplinen forschen. Mit Mathematikern und Ingenieuren entwickeln sie neue quantitative Methoden, mit Biologen und Physikern analysieren sie den Klimawandel. Mit Neurologen versuchen sie herauszufinden, was bei ökonomischen Entscheidungen im Gehirn vor sich geht; mit Psychologen und Soziologen erforschen sie Fairness und Risikoneigung.
Traditionell ist der Blick über den Tellerrand keine große Stärke der Ökonomie. Zwar hat das Fach schon lange keine Hemmungen mehr, seine Methoden und Denkmuster allen möglichen nicht-ökonomischen Fragen überzustülpen. Erkenntnisse aus anderen Disziplinen aber nahmen Wirtschaftswissenschaftler der alten Schule dabei kaum zu Kenntnis. Dies brachte dem Fach den Vorwurf des „Imperialismus“ ein.
„Die Ökonomen waren in der Vergangenheit geradezu bösartig anti-psychologisch und anti-soziologisch eingestellt. Das hat sich zum Glück geändert“, sagt Bruno Frey, Ökonom an der Uni Zürich und Vorreiter in Sachen Interdisziplinarität.
Tatsächlich können die unterschiedlichen Fächer einiges voneinander lernen. „Mediziner und Ökonomen haben unterschiedliche wissenschaftliche Grundlagen und -kulturen“, sagt der Bayreuther Mediziner Nagel. Für Ökonomen zum Beispiel sei es selbstverständlich, Kosten und Nutzen gegeneinander abzuwägen. Für Mediziner zähle nur das Endergebnis – also, ob der Patient vollständig geheilt ist oder nicht.
„Eine Abstufung oder die Aggregation von Nutzen gibt es in der Medizin nicht, anders als in der Ökonomie.“ Genau das sei aber wichtig für die Bewertung medizinischer Leistungen. „Deshalb brauchen wir die wissenschaftliche Kooperation“, sagt Nagel.
Wenig Berührungspunkte gibt es bislang zwischen Juristen und Ökonomen. „Nach wie vor schwierig ist es in Deutschland, diese beiden Fächer zusammenzubringen“, berichtet Michael Schuster, verantwortlich für Wirtschaftswissenschaften bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Da gibt es sicher neben mancherlei tradierten Berührungsängsten auch objektive Gründe, zum Beispiel das deutsche Rechtssystem.“ Dieses sei weniger zugänglich für die Denk- und Arbeitsweise von Ökonomen als etwa das amerikanische.
Bei den Geldgebern steht Interdisziplinarität hoch im Kurs, sei es bei der DFG, der Max-Planck-Gesellschaft oder anderen Forschungsfinanziers. In der Exzellenzinitiative zum Beispiel verlangten die Ausschreibungsbedingungen für „Exzellenzcluster“ ein „hohes Maß an interdisziplinärer Integration“.
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So groß die Vorteile von fachübergreifender Arbeit aber auch ist – von oben verordnete Interdisziplinarität sehen Wissenschaftler kritisch. Auf der Jahrestagung der European Economic Association in Amsterdam schimpfte der in Harvard tätige französische Ökonom Philippe Aghion schon vor zwei Jahren über die Unsitte in Europa, bei Ausschreibungen Interdisziplinarität vorzuschreiben – damit werde der Sachverstand der einzelnen Fächer verwässert.
Auch Bruno Frey betont: Die fachübergreifende Zusammenarbeit selbst sollte kein Förderkriterium sein. „Das ist ein furchtbarer Krampf. Wenn man gezwungen ist, mit Wissenschaftlern aus anderen Fächern zusammenzuarbeiten, führt das meist nur zu Geschwätz auf dem tiefsten gemeinsamen Niveau.“
Interdisziplinarität ergäbe sich von selbst, wenn das Thema es erfordert. „Die Kooperation sollte sich problemgetrieben ergeben, aber nicht erzwungen werden“, sagt Dirk Krüger, Ökonom an der University of Pennsylvania und bis Anfang 2007 Professor in Frankfurt am Main.
Der Aufwand für interdisziplinäre Projekte ist beträchtlich. Sie kosten viel Nerven, Zeit und Geld. Schon bevor der erste Förderantrag abgeschickt wird, streiten Wissenschaftler oft lange über gemeinsame Begriffsdefinitionen, Methoden und Fragestellungen. Und häufig ist den Forschern nicht klar, ob unter dem Strich alle profitieren – oder ob der Aufwand die Vorteile auffrisst.
Ökonom Krüger hat durchaus negative Erfahrungen gemacht. Vor zwei Jahren hat er an dem Konzept für einen Sonderforschungsbereiches zur Funktion und Regulierung von Finanzmärkten mitgearbeitet, in dem Juristen sowie Volks- und Betriebswirte kooperieren sollten. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit sei schon bei der Antragstellung „nicht trivial“ gewesen – vor allem wegen unterschiedlicher Auffassungen über das Forschungsobjekt und die Methoden. Die DFG hat den Antrag am Ende abgelehnt. „Ich persönlich empfand den gesamten Prozess als ziemlich frustrierend“, erinnert sich Krüger. „Bei einem ähnlichen Antrag würde ich erst nach gründlicher Prüfung wieder mitmachen.“
Gert G. Wagner, Leiter des interdisziplinären Langzeitprojekts Sozio-ökonomische Panel am DIW Berlin, betont: „Das Gutachtersystem erschwert es, etwas ganz Neues zu machen.“ Oft sei die Begutachtung zu sehr auf einzelne Disziplinen zugeschnitten. „Interdisziplinäres fällt leicht durch das Raster. Das ist weltweit ein Problem“.
Michael Schuster von der DFG hält dagegen. Einzelprojekte würden angemessen interdisziplinär beurteilt. Auch über koordinierte Projekte wie Forschergruppen, Sonderforschungsbereiche, Exzellenzcluster und Graduiertenschulen entschieden spezielle Gutachtergruppen, die die Fächerzusammensetzung der Projekte adäquat widerspiegelten. „Sie werden quasi maßgeschneidert.“ Das sollte den antragstellenden Forschern eigentlich klar sein, meint Schuster.
Wenn interdisziplinäres Forschen zwar sehr spannend, aber auch sehr mühsam ist, sollte dann schon der Nachwuchs trainieren, über die Grenzen gucken? Wissenschaftler sind skeptisch. „Das Ökonomiestudium sollte nach wie vor disziplinär ausgerichtet sein. Denn sonst kommt man leicht zur Schwätzerei und will alles mit Hilfe psychologischer Erkenntnisse erklären“, sagt Frey. Aber man müsse die Studenten früh genug aus dem engen Gerüst der Neoklassik entlassen.
„Der Nachwuchs muss streng disziplinär geschult und trainiert werden“, sagt auch SOEP-Leiter Wagner. Anders sieht es aus nach Abschluss des Studiums. Dann ist interdisziplinäres Training durchaus gefragt. Die fachübergreifende Forschergruppe rund um den Bayreuther Mediziner Nagel zum Beispiel kümmert sich intensiv darum – sie Wissenschaftler bauen ein Graduiertenprogramm auf, in dem Mediziner, Ökonomen, Philosophen und Juristen zusammenarbeiten. „Damit der Nachwuchs weniger Probleme mit interdisziplinärer Forschung haben wird als wir anfangs“, sagt Nagel.
