Wie ein langer, ruhiger Strom fließt das Geld seit Jahren durch die Märkte der Welt. Finanzinvestoren suchen nahezu verzweifelt nach neuen Möglichkeiten, Kapital zu investieren. Doch Kritiker sehen bereits jetzt eine gewaltige, kurz vor dem Platzen stehende Blase. Was geschieht aber dann mit dem Finanzsystem?
Genau 8 600 und einen Diamanten hat der britische Künstler Damian Hirst auf einen Totenschädel aus Platin geklebt. „For the love of God“ heißt das morbide Werk, das zurzeit in der Galerie White Cube im noblen Londoner Westend vor sich hinfunkelt. 75 Millionen Euro soll das teuerste Werk der Gegenwartskunst kosten. Und angeblich ist der glänzende Totenkopf schon lange verkauft.
Das wäre nicht weiter erstaunlich, denn moderne Kunst ist „in“, nicht nur bei Sammlern, sondern auch bei Spekulanten wie Hedge-Fonds. Diese haben das boomende Geschäft mit dem Schönen, Guten und Wahren längst für sich entdeckt.
Mittlerweile gibt es wohl keinen Markt, auf dem sich die Hedge-Fonds noch nicht versucht hätten. Die Spekulanten finanzieren Filme in Hollywood, kaufen alte Weine und erwerben die Rechte an jungen Fußball-Talenten.
Die immer exotischeren Ideen der Hedge-Fonds sind nur ein Beispiel für die verzweifelte Suche der Investoren nach frischen, unverbrauchten Anlagemöglichkeiten. Die Welt schwimmt im Geld. Und das macht es schwierig, neue Märkte zu entdecken, die noch lukrative Renditen bieten. Eine gigantische Liquiditätswelle schwappt rund um den Globus und hebt die Preise aller Vermögensklassen in immer neue Höhen: von chinesischen Aktien über Londoner Luxusimmobilien bis hin zu Hirsts Diamanten-Schädel. Vor allem diese Liquiditätswelle ist es, die den Boom an den Märkten treibt und den Anlegern lange Zeit die beste aller Welten beschert hat. Eine Welt, in der die Aktienkurse stetig steigen und die Zinsen auf historischen Tiefständen vor sich hindümpeln. Eine Welt, in der Kurse und Preise so stabil sind, dass Anleger gerne bereit sind, immer höhere Risiken einzugehen, um sich etwas mehr Rendite zu sichern.
Doch die entscheidende Frage lautet: Wie nachhaltig ist der Liquiditätsstrom? Haben Veränderungen im Gefüge der Weltwirtschaft und moderne Finanztechnik die Märkte wirklich auf ein neues Niveau gehoben? Oder gilt die Weisheit „What goes up, must come down“ immer noch?
Die Sorge wächst, dass die Vertreibung aus dem Paradies nicht mehr lange auf sich warten lässt, mit gravierenden Folgen für die Finanzmärkte und am Ende auch für die Weltwirtschaft. Die Warnzeichen werden häufiger und heftiger: plötzliche Einbrüche an den Aktienbörsen, eratische Ausschläge bei den langfristigen Zinsen, wachsende Risikoscheu der Investoren. Was passiert, wenn die bislang so üppige Liquidität, an die sich die Märkte wie an eine Droge gewöhnt haben, plötzlich austrocknet?
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Der Entzugsschock wäre brutal. Schon im Frühjahr warnte das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, Lorenzo Bini Smaghi, vor abrupten Kurskorrekturen, die sich wie eine ansteckende Krankheit von Markt zu Markt ausbreiten könnten. Wenn alle Anleger plötzlich die Angst erfasst, wenn alle durch die gleiche Tür flüchten wollen, kann es sehr schnell sehr eng werden. Noch herrschen an den Märkten glänzende Zeiten. Aber der Glanz kann, wie Hirsts Kunstwerk zeigt, bereits den Keim von Dekadenz und Verfall enthalten.
Die Diagnose des Phänomens Liquiditätswelle ist eindeutig: Den Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge ist die weltweite Wirtschaftsleistung zwischen 1995 und 2005 um 52 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich aber der Wert der an den Weltbörsen notierten Aktien auf über 50 Billionen Dollar fast verfünffacht. Auch die Deutsche Bank hat nachgerechnet: Nach ihren Zahlen wuchs die globale Wirtschaft von 1996 bis 2006 um 60 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich die Geldmenge um 90 Prozent.
Auch nach den Folgen der Geldschwemme muss man nicht lange suchen. Seit Monaten eilen viele Märkte von einem Rekord zum nächsten: Weltweit wurden im ersten Halbjahr 2007 Firmen im Wert von 2,3 Billionen Dollar übernommen, über 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig nahmen die Unternehmen neue Schulden in Höhe von 1,5 Billionen Dollar auf, ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum 2006.
Woher kommt das viele Geld? Am Anfang der Kette stehen die Zentralbanker, allen voran der Ex-Chef des mächtigen amerikanischen Federal Reserve Systems, Alan Greenspan. Für die einen ist er der Schutzheilige der Finanzmärkte, der mit großzügiger Geldpolitik dafür sorgte, dass die US-Wirtschaft einen lange anhaltenden Boom erlebt und die Märkte die Folgen der Technologieblase glimpflich überstanden. Für andere ist Greenspan ein Schurke. Kritiker werfen ihm vor, dass er in den 90er-Jahren die Leitzinsen, also den „Preis“ für Geld, zu niedrig ansetzte und damit eine wesentliche Voraussetzung für die Technologieblase erst schuf.
Als die Blase 2001 platzte, verhinderte die Fed nach Meinung der Skeptiker durch zu großzügige Zinssenkungen einen echten, reinigenden Ausverkauf. Und als die Kurse nach 2003 wieder zu steigen begannen, erhöhte sie zu zaghaft die Zinsen. Greenspans Kritiker glauben deshalb, dass die Märkte auf der größten Liquiditätsblase aller Zeiten sitzen, und diese muss irgendwann platzen.
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Wie könnten die Fed und andere Zentralbanken ihren Fehler, so sie denn einen begangen haben, wieder gutmachen? Bislang hat die Inflation der Vermögenswerte nur begrenzt auf die realen Preise durchgeschlagen. Deren Stabilität zu garantieren ist aber die Hauptaufgabe der Zentralbanken. Der Gegensatz zwischen schnell steigender Geldmenge und verhaltener Inflation hat bereits eine akademische Diskussion darüber ausgelöst, ob die Zentralbanken der Geldmenge überhaupt noch Beachtung schenken sollten. Dürfen die Notenbanker der Liquiditätswelle also einfach ihren Lauf lassen?
Mit zu viel Laisser-faire beschwören die Währungshüter das Risiko eines Crashs herauf, der im Extremfall sogar die Stabilität des Finanzsystems gefährden und in eine Rezession münden kann. Eine übermäßige Betonung der Geldmenge ist aber genau so gefährlich, weil eine strengere Geldpolitik in Zeiten eigentlich stabiler Preise die Konjunktur ausbremst. Eine Zwickmühle, aus der die Notenbanker kaum herauskommen. Deshalb ist es für sie doppelt wichtig, für Transparenz und robuste Strukturen zu sorgen. Die Zentralbanken müssen wissen, wie die Risiken im Finanzsystem verteilt sind. Und sie müssen abschätzen können, ob die tragenden Pfeiler stabil genug sind, um auch größere Schocks abzufedern.
Tatsächlich ist es nicht ganz fair, den Zentralbanken den Schwarzen Peter zuzuschieben. Denn die von ihnen zur Verfügung gestellte Liquidität ist nur Teil des Systems. Die Finanzmärkte selbst schaffen Geld über Kredite. Auf der Suche nach hohen Renditen wird auch die Umschlaggeschwindigkeit des Geldes unberechenbarer. Denn immer mehr Investoren schieben rund um die Uhr, rund um den Globus riesige Beträge hin und her.
Das Gefüge der Weltwirtschaft und die Funktionsweise der Finanzmärkte haben sich in den letzten Jahren radikal geändert. So sparen die Chinesen nach Schätzungen der Investmentbank Goldman Sachs jedes Jahr Devisenreserven von 1,3 Billionen Dollar zusammen, die Ölstaaten freuen sich über jährliche Einnahmen von 1,2 Billionen Dollar. Unsummen, die zum Großteil zurück auf die westlichen Finanzmärkte gepumpt, dort mit Krediten angereichert werden, um dann die Preise aller erdenklichen Vermögensklassen nach oben zu treiben. Gleichzeitig hat Japans jahrelange Nullzinspolitik einen lukrativen „Carry-Trade“ entstehen lassen: Investoren verschulden sich günstig im Yen und investieren dann in höher rentierliche Anlagen in aller Welt. Auf 500 Milliarden Dollar wird dieser Finanzstrom geschätzt.
Mit einer stillen Revolution haben die Banken eine weitere mächtige Liquiditätsquelle geschaffen: 1998 wurden weltweit Kreditderivate im Wert von 180 Millionen Dollar gehandelt. 2006 kamen bereits neue Papiere im Wert von rund drei Billionen Dollar auf den Markt. Die neuen Wunderwaffen im Geldgeschäft tragen abschreckende Namen: „Collateralized Debt Obligations“. Doch das Prinzip ist simpel: In solch strukturierte Produkte packen die Banken Kreditrisiken ganz unterschiedlicher Schuldner, teilen sie in Risikoklassen auf und verkaufen die Tranchen an Investoren. Den Banken hilft dies, die Risiken aus ihrer Bilanz auf viele Schultern zu verteilen. Versicherern, Pensionsfonds und vor allem Hedge-Fonds eröffnen sie willkommene Investitionsmöglichkeiten.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Gefahren lauern im Schlaraffenland
Heute halten Banken Kredite oft nur noch wenige Wochen in ihren Büchern. Dann werden sie über den Derivatemarkt ausgelagert. So wird Kapital frei für die Vergabe neuer Darlehen. Es ist eine sprudelnde Liquiditätsquelle abseits der Geldmengenkonzepte entstanden, die den Zentralbanken als Steuergrößen dienen.
Der große Liquiditätsstrom speist sich aus vielen Quellen, aber genauso zahlreich sind die Risiken. Zentralbankgeld ist längst nicht mehr so billig wie noch vor vier Jahren. Seit dem Tiefstand von einem Prozent hat die US-Notenbank ihre Leitsätze auf 5,25 Prozent nach oben geschleust. Die Zinserhöhungen haben den Geldstrom zwar nicht versiegen lassen, aber sie haben ihre Spuren an den Märkten hinterlassen. Die Luft ist dünner geworden. Investoren reagieren sehr nervös auf jedes Ereignis, das eine der Liquiditätsquellen austrocknen lassen könnte: zum Beispiel eine Finanzkrise in China oder politische Verwerfungen in Nahost.
Als am 27. Februar 2007 die Kurse an der Börse Schanghai plötzlich um neun Prozent einbrachen, zogen sie die Aktienmärkte in aller Welt mit nach unten. Die Anleger fürchteten keine direkte Ansteckung, dazu ist die chinesische Börse zu isoliert. Die Investoren hatten Angst, dass das Riesenreich die Kapitalmärkte nicht mehr so reichlich mit Liquidität füttern kann wie bisher. Die gleiche Angst steckt hinter den Turbulenzen, die die Schieflage zweier Hedge-Fonds der Investmentbank Bear Stearns auslöste, die sich mit Derivaten auf riskante Immobilienkredite in den USA verspekuliert hatten.
Die Fonds verwalteten Milliarden, doch einen Crash hätte das Weltfinanzsystem wohl ohne allzu großen Schaden verkraftet. Die größte Sorge galt dem unübersichtlichen Markt für Kreditderivate. Was passiert, wenn die Investoren die Risiken plötzlich neu bewerten? Die immer noch nicht ausgestandene Krise ist der erste Test für das Billionengeschäft, das in einer langen Schönwetterphase der Weltwirtschaft entstand. Ein echter Schock könnte diese Liquiditätsquelle fast über Nacht versiegen lassen. Dann wäre es vorbei mit billigen Krediten, die das Wachstum von Firmen, Finanzinvestoren, vor allem den globalen Übernahmeboom treiben.
Die Risiken sind zu zahlreich, als dass man von einer schönen neuen Welt träumen könnte, von einem Schlaraffenland mit ewig sprudelnder Liquidität. Gefährlichen Krisen wie in Japan, Russland oder Südostasien ging meist ein langer Wirtschafts- und Finanzboom mit einer kräftigen Ausweitung der Kreditvergabe und schnell steigenden Preisen von Vermögenswerten voraus. Sogar die große Depression der 30er-Jahre wurde durch eine lange Phase scheinbarer Stabilität eingeleitet.
Die Struktur der Weltwirtschaft mag sich seither radikal geändert haben. Aber sie wird noch immer von denselben wirtschaftlichen Mechanismen und vor allem von denselben menschlichen Verhaltensweisen bestimmt. Es mag ein Gemeinplatz sein, aber Gier und Angst sind noch immer die entscheidenden Determinanten für das Schicksal der Kapitalmärkte. Und der Wechsel von einem Aggregatzustand in den anderen, kann blitzschnell gehen.
