Heute halten Banken Kredite oft nur noch wenige Wochen in ihren Büchern. Dann werden sie über den Derivatemarkt ausgelagert. So wird Kapital frei für die Vergabe neuer Darlehen. Es ist eine sprudelnde Liquiditätsquelle abseits der Geldmengenkonzepte entstanden, die den Zentralbanken als Steuergrößen dienen.
Der große Liquiditätsstrom speist sich aus vielen Quellen, aber genauso zahlreich sind die Risiken. Zentralbankgeld ist längst nicht mehr so billig wie noch vor vier Jahren. Seit dem Tiefstand von einem Prozent hat die US-Notenbank ihre Leitsätze auf 5,25 Prozent nach oben geschleust. Die Zinserhöhungen haben den Geldstrom zwar nicht versiegen lassen, aber sie haben ihre Spuren an den Märkten hinterlassen. Die Luft ist dünner geworden. Investoren reagieren sehr nervös auf jedes Ereignis, das eine der Liquiditätsquellen austrocknen lassen könnte: zum Beispiel eine Finanzkrise in China oder politische Verwerfungen in Nahost.
Als am 27. Februar 2007 die Kurse an der Börse Schanghai plötzlich um neun Prozent einbrachen, zogen sie die Aktienmärkte in aller Welt mit nach unten. Die Anleger fürchteten keine direkte Ansteckung, dazu ist die chinesische Börse zu isoliert. Die Investoren hatten Angst, dass das Riesenreich die Kapitalmärkte nicht mehr so reichlich mit Liquidität füttern kann wie bisher. Die gleiche Angst steckt hinter den Turbulenzen, die die Schieflage zweier Hedge-Fonds der Investmentbank Bear Stearns auslöste, die sich mit Derivaten auf riskante Immobilienkredite in den USA verspekuliert hatten.
Die Fonds verwalteten Milliarden, doch einen Crash hätte das Weltfinanzsystem wohl ohne allzu großen Schaden verkraftet. Die größte Sorge galt dem unübersichtlichen Markt für Kreditderivate. Was passiert, wenn die Investoren die Risiken plötzlich neu bewerten? Die immer noch nicht ausgestandene Krise ist der erste Test für das Billionengeschäft, das in einer langen Schönwetterphase der Weltwirtschaft entstand. Ein echter Schock könnte diese Liquiditätsquelle fast über Nacht versiegen lassen. Dann wäre es vorbei mit billigen Krediten, die das Wachstum von Firmen, Finanzinvestoren, vor allem den globalen Übernahmeboom treiben.
Die Risiken sind zu zahlreich, als dass man von einer schönen neuen Welt träumen könnte, von einem Schlaraffenland mit ewig sprudelnder Liquidität. Gefährlichen Krisen wie in Japan, Russland oder Südostasien ging meist ein langer Wirtschafts- und Finanzboom mit einer kräftigen Ausweitung der Kreditvergabe und schnell steigenden Preisen von Vermögenswerten voraus. Sogar die große Depression der 30er-Jahre wurde durch eine lange Phase scheinbarer Stabilität eingeleitet.
Die Struktur der Weltwirtschaft mag sich seither radikal geändert haben. Aber sie wird noch immer von denselben wirtschaftlichen Mechanismen und vor allem von denselben menschlichen Verhaltensweisen bestimmt. Es mag ein Gemeinplatz sein, aber Gier und Angst sind noch immer die entscheidenden Determinanten für das Schicksal der Kapitalmärkte. Und der Wechsel von einem Aggregatzustand in den anderen, kann blitzschnell gehen.
