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29.04.2008 
Experimentelle Wirtschaftsforschung

Das Makro-Labor ist eröffnet

von Nicole Walter

In der Mikro-Ökonomie sind Experimente längst Standard – Jetzt interessieren sich auch Makro-Forscher für die Methode. Lesen Sie, was sie im Laboratorium über Konsum- und Sparentscheidungen, soziale Gerechtigkeit und die Grenzen von Geldpolitik herausfinden.

Wenn Physiker einen Quanteneffekt erforschen, gehen sie ins Labor. Biologen schauen ins Mikroskop, um die DNA zu untersuchen. Und die Ökonomen? Keine Volkswirtschaft der Welt lässt sich ins Labor zwängen, um zu testen, wie sie auf Mindestlöhne oder Steuererhöhungen reagiert. Kein Finanzmarkt passt ins Reagenzglas, um klarzumachen, ob eine drastische Zinssenkung tatsächlich die Akteure beruhigt. In der Makroökonomie klaffen Theorie und wirkliche Welt oft weit auseinander. Wie also sollte man sie dann noch ins Labor holen?

Doch was bei den Mikro-Ökonomen längst Standard ist, weckt zunehmend auch den Entdeckergeist bei den Kollegen in der Makro-Ökonomie: Sie entwickeln Methoden, um im Labor zu experimentieren. „In den vergangenen Jahren haben wir eine deutliche Vorwärtsentwicklung bei Makro-Experimenten gesehen“, sagt John Duffy von der US-Uni Pittsburgh. „Wir haben bessere Modelle, leistungsstärkere Computer und mehr Erfahrungen bei der Durchführung von Laborexperimenten.“


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Die Spannweite der untersuchten Fragen ist groß: Da geht es zum Beispiel um Konsum- und Sparentscheidungen über lange Zeiträume, um soziale Gerechtigkeit und um den Gestaltungsspielraum und die Grenzen von Geldpolitik.

Experimente sind gut geeignet, um zu analysieren, wie die Dynamik eines Marktes ist, wenn er nach einer Störung von einem Gleichgewicht zu einem anderen konvergiert – zum Beispiel, wenn der Staat Steuern erhöht oder Zölle einführt. Oder um zu beschreiben, wie sich der Markt nach einem Börsencrash verhält.

„Solche Phänomene kann man nur im Labor präzise beobachten“, sagt Charles Noussair, Ökonom im niederländischen Tilburg. Er hat im Labor bereits Teile der Außenhandels-, Geld- und Wachstumstheorie erforscht. Auch der Frage, ob demokratische oder diktatorische Regierungen in Entwicklungsländern leichter den Weg aus der Armutsfalle finden, ist er nachgegangen. Experimente seien eine gute Brücke zwischen den Wirtschaftswissenschaften und der wirklichen Welt, betont Noussair. „Schließlich brauchen wir Menschen nicht Modellagenten.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Währungskrisen aus dem Labor

Gerne simulieren Makro-Ökonomen im Labor komplexe Marktsituationen. So haben die Ökonomen Frank Heinemann (TU Berlin), Rosemarie Nagel (Pompeu Fabra, Barcelona) und Peter Ockenfels (Uni Frankfurt) haben das Geschehen auf dem Devisenmarkt analysiert. Sie wollten herausfinden, unter welchen Bedingungen spekulative Währungsattacken stattfinden und welche Strategien einzelne Akteure anwenden.

Mit 405 Studenten simulierten die Forscher im Labor einen Devisenmarkt. Indizien für sich selbst erfüllende Prophezeiungen haben sie nicht gefunden. Worauf es vor allem ankam, waren starke Fundamentaldaten, wie zum Beispiel eine stabile Inflationsrate. Dann war die Gefahr von Währungsattacken geringer.

Makro-Ökonomen nutzen das Labor zudem, um ihre Annahmen über das Verhalten der einzelnen Akteure auf den Prüfstand zu stellen. So erforschen sie im Detail, wie Menschen ihre Erwartungen bilden und wie risikobereit sie sind – Dinge, zu denen bislang oft recht pauschale Annahmen getroffen werden, ohne dass sie wirklich auf Mikroebene fundiert sind.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie aussagekräftig sind Makro-Experimente?

Umstritten ist aber noch, wie aussagekräftig Makro-Experimente letztlich sind. Schließlich versuchen die Forscher in aller Regel, mit gerade mal einem oder zwei Dutzend Studenten eine gesamte Volkswirtschaft zu simulieren.


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Die geringe Teilnehmerzahl wertet die Resultate nach Ansicht experimentell tätiger Makro-Ökonomen nicht ab. „Schon ab zehn Teilnehmern kann der Einzelne das Resultat nicht mehr wesentlich beeinflussen“, betont Nagel. Klar ist aber, dass die Methode ihre Grenzen hat. „Experimente werden schon rein zahlenmäßig nie die komplexen Märkte abbilden können mit mehreren Gütern, mit Konsumenten, Produzenten, Finanzmärkten und Regierungen“, betont Noussair. „Wir werden nie im Labor simulieren können, wie groß das Wachstum in Deutschland im nächsten Jahr sein wird.“

Problematisch sind Experimenten, in denen mehrere Sektoren einer Ökonomie gleichzeitig simuliert werden sollen. „Ich glaube nicht, dass das was bringt“, sagt der Bonner Ökonom Manfred J.M. Neumann. Schon theoretisch seien solche Mehr-Sektoren-Modelle überaus komplex. Es sei daher nicht möglich, diese auf ein für die Teilnehmer gut verständliches Niveau herunterzubrechen. Sinnvoll seien dagegen Makro-Experimente, die klar fokussierte Entscheidungen nachbilden – etwa wenn es darum geht, wie die Notenbank Inflation stabilisieren kann.

Genau das haben Alan S. Blinder (Princeton) und John Morgan (Berkeley) getestet. Die Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, ob Gruppen bessere geldpolitische Entscheidungen treffen als Einzelne, und kommen zu dem Schluss, dass dies in der Tat der Fall ist, wenn auch die genauen Mechanismen innerhalb der Gruppe noch zu erforschen sind.

Blinder räumt ein, dass im Labor nicht die langjährige Zusammenarbeit nachgestellt werden könne, die in der Realität die Arbeit der Notenbankgremien präge. Außerdem seien die monetären Anreize, die den Experimentteilnehmern geboten würden, klein im Vergleich zur tatsächlichen Arbeitssituation der Zentralbanker.

Entsprechend differenziert sehen denn auch die Experimentalforscher selbst ihren Beitrag – auch wenn sie in ihren Arbeiten mitunter brandheiße Eisen anpacken, wie Thorsten Hens aus Zürich. Er hat mit Experimenten untersucht, wie Notenbanker Blasen an den Finanzmärkten entschärfen können.

Zinserhöhungen müssen in der Modell-Ökonomie sehr drastisch ausfallen, damit sie wirken. Hens betrachtet Laborexperimente aber nur als „Hilfsforschung“: „Wenn es mehrere Hypothesen gibt, wie sich Konsumenten, Finanzmarktteilnehmer oder Produzenten in einer bestimmten Situation verhalten, könnten Experimente die plausiblen Hypothesen herauszufiltern.“


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