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04.03.2008 
"Journal of Political Economy" in der Kritik

Der Download-Krieg der Ökonomen

von Norbert Häring

Haben US-Ökonomen bei einer spektakulären Studie über die Folgen von illegalen Musikdownloads für die Plattenindustrie unsauber gearbeitet? Ein Kollege erhebt schwere Vorwürfe, doch die Autoren weigern sich, ihre Daten herauszurücken. Die Vorgänge erschüttern das Vertrauen das "Journal of Political Economy".

Lupe

Manchmal machen wissenschaftliche Studien zweimal Furore. Das erste Mal, wenn sie veröffentlicht werden – und das zweite Mal, wenn ihre Güte infrage gestellt wird. Eine Arbeit der in den USA tätigen Ökonomen Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf zur Wirkung von Musiktauschbörsen auf die Verkäufe von Musik-CDs gehört dazu.

Ihr spektakuläres Ergebnis: Musiktauschbörsen wie Napster haben keine Schuld am massiven Umsatzrückgang der Musikfirmen. Das „Journal of Political Economy“ (JPE), eine der fünf Top-Fachzeitschriften in der Ökonomie, adelte den Aufsatz durch Abdruck als Lead-Artikel, den ersten Aufsatz des Bandes. Auch das Handelsblatt berichtete über die Studie mit dem Titel „The Effect of File Sharing on Record Sales“ (» „Keine Angst vor Kannibalismus, 5.3.2007). Die Musikindustrie, die Tauschbörsen und deren Kunden mit Klagen wegen Urheberrechtsverletzung überzieht, war in Aufruhr.


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Jetzt ist über diesen Aufsatz eine hitzige Diskussion unter Ökonomen entbrannt. Die Bedeutung der Debatte reicht weit über die konkrete Studie hinaus. Sie wirft Fragen zur Seriosität empirischer Wirtschaftsforschung auf und ist geeignet, den Umgang der Crème de la Crème der Fachzeitschriften mit wissenschaftlicher Beweisführung infrage zu stellen.

Die Kernfrage lautet: Wie kann es sein, dass eine Studie, die auf geheimen, von niemand nachprüfbaren Daten beruht, ungeprüft von einer der renommiertesten wissenschaftlichen Zeitschriften des Fachs abgedruckt wird? Noch dazu, wo der Datenlieferant offensichtlich ein Interesse an einem bestimmten Ergebnis hat. Basis für die Arbeit der beiden Betriebswirte von den Universitäten Harvard und Kansas sind interne Statistiken über Musik-Downloads, die sie von den Musiktauschbörsen „MixMasterFlame“ und „FlameNap“ erhielten.

Ins Rollen kam die Debatte durch Stan Liebowitz, Ökonomie-Professor an der University of Texas at Dallas. Auch er hatte sich wissenschaftlich mit der Wirkung von Tauschbörsen befasst – und kam zum Teil zu abweichenden Ergebnissen. Sein Kommentar zum Aufsatz von Oberholzer-Gee und Strumpf gehört zu den im Internet in den vergangenen Monaten am meisten heruntergeladenen Diskussionspapieren. Liebowitz ist selbst nicht unumstritten, etwa wegen wissenschaftlicher Lobbyarbeit für Microsoft und weil sein „Zentrum für die Analyse von Eigentumsrechten und Innovation“ an der Uni Dallas auch von der Musikindustrie gesponsert wird.

Noch bevor das „JPE“ mit dem Artikel von Oberholzer-Gee und Strumpf in Druck ging, intervenierte er beim Herausgeber – niemand Geringerem als Steven Levitt. Der ist Ökonomie-Professor in Chicago und Koautor des Bestsellers „Freakonomics“. Levitt hat selbst schmerzliche Erfahrungen mit einer seiner empirischen Arbeiten gemacht, deren spektakuläres Ergebnis sich später als fehlerhaft herausstellte.

Liebowitz kannte das Download-Papier bereits vor der Veröffentlichung, da es schon länger als Arbeitspapier kursierte. In seinem Brief berichtet er Levitt, dass ihm die Autoren trotz wiederholter Anfragen keine Möglichkeit gaben, die Berechnungen nachzuprüfen. Als Herausgeber des „JPE“ möge er doch seinen Einfluss geltend machen, damit eine Nachprüfung möglich werde. Levitt wollte sich gegenüber dem Handelsblatt nicht dazu äußern, ob er in diese Richtung aktiv wurde.

Der Anschein spricht dagegen. Auch ein Jahr nach Veröffentlichung des Aufsatzes halten die Autoren ihre Daten weiter geheim. Dem Handelsblatt erklärt Oberholzer-Gee, dass die Autoren eine Vertraulichkeitserklärung unterschreiben mussten, um die Daten der Tauschbörse zu bekommen. Unter Verweis auf „Quellenschutz“ lehnen die Autoren es ab, dem Handelsblatt eine Kopie der Vertraulichkeitserklärung zu überlassen oder einen Ansprechpartner bei der Tauschbörse zu nennen, der diese Version bestätigen könnte.

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