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01.04.2008 
Warum ein Frankfurter Professor freiwillig ins Gefängnis ging

Der Knast-Ökonom

von Olaf Storbeck

Zwei Jahre lang war der Frankfurter VWL-Professor Horst Entorf regelmäßig hinter Gittern - freiwillig. Der Wissenschaftler befragte 1800 Häftlinge. Lesen Sie, was der Volkswirt im Knast alles erlebte - und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Sie kriminell werden.

Lupe

Am Ende war Horst Entorf immer froh, wenn er wieder draußen war. Gute zwei Jahre lang saß der hessische Professor regelmäßig im Knast. Mehrere Untersuchungshaftanstalten hat der Wissenschaftler von innen gesehen, Jugendgefängnisse und Hochsicherheitstrakte.

„Wenn die dicken Türen hinter einem ins Schloss fallen, ist das beklemmend“, erzählt Entorf. Dabei wusste er: Seine Zeit hinter Gittern wird nur wenige Stunden dauern. Denn Entorf war freiwillig dort – unterwegs im Dienste der Wissenschaft. „Ein komisches Gefühl hat man trotzdem“, berichtet er.


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In einer Langzeitstudie hat der Ökonom, der im Herbst 2007 von der Universität Darmstadt nach Frankfurt gewechselt ist, Daten über die Lage in Deutschlands Gefängnissen gesammelt. Die Ergebnisse des von der Volkswagen-Stiftung finanzierten Mammut-Projekts hat Horst Entorf jetzt mit seinen Ko-Autoren Susanne Meyer und Jochen Möbert in einem im Physica-Verlag erschienenen Buch mit dem Titel „Evaluation des Justizvollzugs“ zusammengefasst.

Unter Deutschlands Wirtschaftswissenschaftlern ist Entorf mit seinen Studien zur Ökonomie der Kriminalität ein Exot – so gut wie kein anderer Ökonom beschäftigt sich hier zu Lande mit dem Thema. Ganz anders ist es in den USA: Dort ist Kriminalität auch für Ökonomen ein seit Jahren akzeptiertes Forschungsthema.

„In Deutschland wissen wir bislang erschreckend wenig über Kosten und Nutzen des Strafvollzugs“, so Entorf. Bislang beschäftigen sich hierzulande hauptsächlich Kriminologen mit dem Thema – mit Methoden, die modernen Ökonomen erschreckend naiv erscheinen. Zeitgemäße ökonometrische Ansätze, die bei der Evaluation von Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik zum Standard gehören, sind in der deutschen Kriminologie noch unüblich.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was US-Ökonomoen zur Kriminalität herausfanden

In den USA hat das Thema eine lange Tradition. Der erste Ökonom, der sich theoretisch damit beschäftigte, war der spätere Nobelpreisträger Gary Becker Ende der 60er-Jahre. Inzwischen boomen empirische Arbeiten zu dem Thema. So untersuchte die Harvard-Ökonomin Radha Iyengar zum Beispiel die Effekte des Prinzips „Three Strikes You’re Out“, auf das viele US-Bundesstaaten seit einigen Jahren setzen. Wer zum dritten Mal verurteilt wird, muss unabhängig von der Straftat für Jahrzehnte ins Gefängnis. Selbst ein einfacher Diebstahl bringt einen Wiederholungstäter dann für mehr als 20 Jahre hinter Gitter.

Zu einem gewissen Grad schrecken solch drakonische Strafen tatsächlich ab, stellte Iyengar fest. Gleichzeitig aber steigt die Wahrscheinlichkeit von Gewaltverbrechen: Kriminelle, die schon zweimal verurteilt waren, haben bei weiteren Taten wenig zu verlieren und gehen skrupelloser ans Werk.

In Deutschland sind ähnliche empirische Studien schon deshalb unmöglich, weil die Datenlage oft extrem schlecht ist. Die Politik halte viele Zahlen bewusst unter Verschluss, vermutet Entorf. So seien Studien zur Rückfallwahrscheinlichkeit von Inhaftierten bislang nur auf Bundesebene möglich.


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Ob die Resozialisierung in einigen Bundesländern besser oder schlechter funktioniere, lasse sich nicht untersuchen. Dabei gibt es zwischen den Bundesländern gewaltige Unterschiede im Strafvollzug. So beschäftigt Bayern pro 100 Häftlinge nur 42 Justizangestellte, Niedersachen dagegen 57. Dementsprechend weichen auch die Kosten pro Gefängnisplatz von einem Bundesland zum nächsten ab.

Die Gefängnisse sind auch unterschiedlich ausgelastet. „Welche Folgen all diese Unterschiede dafür haben, ob ein Häftling rückfällig wird, kann derzeit niemand beurteilen“, klagt der Frankfurter Ökonom. Er moniert zudem: „Eine Rechtfertigung der Länder über die in ihrem Strafvollzug verwendeten Steuereinnahmen wird nicht erbracht.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wer in Deutschland kriminell wird

Entorfs Studie ist ein erster Versuch, ein wenig Licht in das Dunkel zu bringen. Herzstück ist eine in dieser Form einmalige Umfrage unter 1 800 Häftlingen in 30 verschiedenen Gefängnissen.

Die Interviews waren freiwillig und fanden schriftlich statt. „Wir haben uns mit den Häftlingen in Kleingruppen getroffen, oft in der Gefängniskirche oder in einem Gemeinschaftsraum“, erzählt Entorf.

Den mühsam entwickelten Fragebogen hatten die Forscher im Vorfeld ausführlich getestet, mehrfach modifiziert und in mehrere Sprachen – unter anderem in Türkisch, Russisch und Serbokroatisch – übersetzen lassen.

Genau dieselben Fragen stellten die Wissenschaftler auch 1 200 gesetzestreuen Bürgern, um Unterschiede erkennen zu können. Diese Kontrollgruppe war mit Blick auf die Altersstruktur, Bildung, Nationalität und Geschlechterstruktur genauso zusammengesetzt wie die Gruppe der Inhaftierten.

Schon bei den Rohdaten kristallisieren sich mehrere interessante Punkte heraus: Kriminell werden in erster Linie schlecht ausgebildete Männer aus zerrütteten Verhältnissen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

So sind Inhaftierte wesentlich seltener verheiratet oder leben in einer eheähnlichen Beziehung. Zwei Drittel der Menschen hinter Gittern sind ledig, geschieden oder leben getrennt. In der „normalen“ Bevölkerung ist es noch nicht einmal ein Drittel.

Überproportional oft kommen Straftäter aus Großfamilien – mehr als 40 Prozent von ihnen haben drei oder mehr Geschwister. In der Kontrollgruppe sind es weniger als 25 Prozent. Einzelkinder geraten seltener auf die schiefe Bahn.

Bemerkenswert klar ist der Zusammenhang zwischen Gesetzestreue und Schulbildung eines Menschen. Ein Schulabbrecher wird mit einer dreimal so hohen Wahrscheinlichkeit straffällig wie eine ansonsten vergleichbare Person mit mittlerer Reife oder Abitur.

Zudem sind Häftlinge überproportional häufig überschuldet: 62 Prozent der Inhaftierten haben Schulden, zwei Drittel davon zudem noch Probleme bei der Rückzahlung, stellte Entorf fest. In der Kontrollgruppe dagegen waren nur 47 Prozent der Befragten verschuldet, gerade einmal 14 Prozent bereitete die Rückzahlung Probleme.

Den Glauben an die Resozialisierung von Kriminellen durch den Strafvollzug scheint die Mehrheit der Inhaftierten verloren zu haben. Zwei Drittel von ihnen sind der Meinung, dass der Strafvollzug Inhaftierte weder bessert noch von weiteren Straftaten abhält. Erstaunlich ist: Gesetzestreue Bürger sehen das dagegen deutlich anders – nur rund ein Drittel von ihnen ist ähnlich pessimistisch.

Auch über die abschreckende Wirkung von Haftstrafen gehen die Meinungen weit auseinander. Die Mitglieder der Kontrollgruppe glauben, dass so tendenziell Rückfälle verhindert werden. Häftlinge sehen das nicht so. Sie sind aber der Meinung, die Strafen würden die restliche Bevölkerung von kriminellen Taten abschrecken.

In einem Punkt sind beide Gruppen derselben Meinung: Fahrverbote für Straftäter wirken abschreckend.

Selbst wenn die Resozialisierung nicht gelingen und die Abschreckungswirkung der Haftstrafen gering sein sollte – die Inhaftierung von Straftätern mache durchaus Sinn, so Entorf, wenn man Kosten und Nutzen des Strafvollzugs kühl abwäge.

Einen Erwachsenen ein Jahr ins Gefängnis zu stecken koste 35 000 Euro. Säße der Straftäter nicht im Gefängnis und würde weitere Straftaten begehen, entstünden nach Simulationsberechnungen von Entorf im selben Zeitraum Schäden in Höhe bis zu 50 000 Euro.

Allerdings: Aus methodischen Gründen lässt sich die durchschnittliche Schadenshöhe pro Jahr nicht einfach so auf mehrere Jahre hochrechnen, warnt Entorf. Er will seine Forschung daher nicht als Empfehlung verstanden wissen, Straftäter dauerhaft wegzuschließen. „Diesen Weg gehen die USA“, sagt der Frankfurter Ökonom, „und ich halte ihn für falsch.“


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