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08.10.2007 
Debatte über Konzeptpapier von Harald Uhlig

Deutsches Uni-System ist marode

von Olaf Storbeck

Die schonungslose Abrechnung des Chicagoer Professors Harald Uhlig mit dem deutschen Hochschulsystem hat bei Wissenschaftlern im In- und Ausland eine lebhafte Debatte ausgelöst. Nahezu alle Wissenschaftler im In- und Ausland stimmen der Analyse der Mängel des deutschen Unis zu. Uhligs Lösungsvorschlag dagegen ist heftig umstritten.

"Pimp my University" - so sieht unser Illustrator Lutz Widmaier deutsche und amerikanische Hochschulen im Vergleich Lupe

"Pimp my University" - so sieht unser Illustrator Lutz Widmaier deutsche und amerikanische Hochschulen im Vergleich

Das Hochschulsystem der Bundesrepublik ist nach Ansicht führender deutscher Auslandsökonomen international nicht wettbewerbsfähig. Die Arbeitsbedingungen und Leistungsanreize für Spitzenforscher seien schlecht, die Fachbereiche zu klein, unterfinanziert und erstickten in Bürokratie, kritisieren deutsche Top-Volkswirte, die an ausländischen Universitäten arbeiten.

Ohne tiefgreifende Reformen des Hochschulsystems lasse sich in Deutschland mehr wissenschaftliche Exzellenz nicht erreichen. „Es ist eine Schande, dass Deutschland seine Universitäten dermaßen vernachlässigt, nicht nur in der Volkswirtschaftslehre“, sagt der 36-jährige Mikroökonom Lars Ehlers, Professor in Montreal und einer der forschungsstärksten deutschen Volkswirte seiner Generation.


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Die deutschen Ökonomen im Ausland stellen sich damit hinter die kritische Analyse ihres Kollegen Harald Uhlig. Der Makroökonom hatte Ende September eine schonungslose Abrechnung mit dem deutschen Hochschulsystem im Allgemeinen und den hiesigen VWL-Fakultäten im Besonderen veröffentlicht. Den deutschen Fachbereichen für VWL attestiert er mangelnde wissenschaftliche Exzellenz. Verantwortlich dafür sei die Hochschulpolitik.

Allerdings: Während Uhligs Diagnose des Status quo bei fast allen Top-Ökonomen im In- und Ausland Zustimmung findet, ist seine Therapie umstritten. Als Ausweg fordert Uhlig nämlich die Gründung eines neuen Elite-Fachbereichs, der nicht in die bestehende deutsche Uni-Landschaft eingebunden sein soll. Fast alle in Deutschland tätigen Forscher, aber auch etliche Auslandsökonomen lehnen diese Idee ab. Sie empfehlen stattdessen, die besten bereits existierenden VWL-Fakultäten zu reformieren und zu stärken.

Uhligs Stimme hat Gewicht: Er ist einer der international renommiertesten deutschen Ökonomen. Im Sommer 2007 wechselte er von der Berliner Humboldt-Uni (HU) nach Chicago an eine der drei besten Ökonomie-Fakultäten der Welt. Deutsche Universitäten seien zu wenig der „Mission Wissenschaft“ verschrieben, kritisiert Uhlig. Bürokratie und Managementaufgaben würden exzellente Forschung und Nachwuchsausbildung massiv behindern. Die Lehrbelastung sei mehr als doppelt so hoch wie an besseren ausländischen Universitäten, die Gehälter dagegen deutlich niedriger.

Fast alle vom Handelsblatt befragten Top-Ökonomen teilen diese Analyse. „Es fehlt an dreierlei – an der kritischen Masse, der Exzellenz und an effizienten Strukturen“, so der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, der die HU Berlin jüngst in Richtung London School of Economics (LSE) verlassen hat. „Die deutsche Universität ist nach ähnlichen Prinzipien organisiert wie der Feudalismus mit seinen Duodezfürsten und Gutsherren.“ Henning Bohn von der University of Santa Barbara betont: „Den deutschen Hochschulpolitikern muss klar werden, wie weit die Forschungsbedingungen an den deutschen Universitäten von der international Spitze entfernt sind.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was prominente deutsche Ökonomen sagen

Auch prominente in Deutschland tätige Volkswirte teilen Uhligs Kritik. „Ich stimme der Analyse von Herrn Uhlig zur derzeitigen Situation der deutschen VWL-Fakultäten zu“, sagt Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und VWL-Professor in Kiel. Ähnlich äußerten sich Axel Ockenfels (Köln), Michael Burda (HU Berlin) und Friedrich Schneider, der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik. Der Spieltheoretiker Klaus M. Schmidt aus München betont: „Der entscheidende Punkt ist zweifellos, dass die bestehenden guten Fakultäten in Deutschland viel zu klein sind und in der täglichen Belastung durch zu viel Lehre und Administration ersticken.“

Klaus F. Zimmermann, Chef der Forschungsinstitute DIW und IZA, beurteilt die Situation dagegen nicht ganz so kritisch. Grundsätzlich teile er Uhligs Analyse, doch sie sei alles andere als neu. „Ich habe so ähnlich argumentiert, als ich vor 20 Jahren aus Amerika zurück nach Deutschland kam.“ Damals sei die Situation aber sehr viel schlimmer gewesen als heute. „Inzwischen haben sich sehr viele Kollegen massiv engagiert, um das System zu verändern.“ Ähnlich argumentiert Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Richtig ist, dass die deutschen VWL-Fakultäten noch nicht auf dem amerikanischen Standard der Top-Unis angekommen sind." Uhlig übersehe aber den dramatischen Fortschritt bei der internationalen Forschungspräsenz der deutschen Volkswirte, den es in den letzen zwanzig Jahren gegeben habe. Sinn: "Es hat eine Revolution stattgefunden, die sich in den Zahlen des Handelsblatt-Rankings zur internationalen Forschung widerspiegelt und vor allem auch in der Präsenz deutscher Forscher auf internationalen Konferenzen. Auch im Inneren tut sich viel." Auch Steffen Huck, deutscher Professor am Londoner University College, attestiert der Die Qualität der deutschen VWL deutliche Fortschritte. Der Ton des Uhlig-Papers erscheine ihm daher „zu düster und ungerecht gegenüber vielen deutschen Kollegen, die sehr hart arbeiten, um das System von innen zu verbessern“.

Umstrittener als Uhligs Analyse des Ist-Zustands ist allerdings sein Lösungsvorschlag. Der Makroökonom propagiert die Gründung eines neuen, autonomen Elite-Fachbereichs für VWL, der Forschern bessere Konditionen bietet als gute US-Unis. Bei 25 Lebenszeit- und zehn Assistenz-Professoren schätzt Uhlig die Kosten dafür auf 14 Mill. Euro pro Jahr.

Befürworter dieser Uhlig-Idee findet man fast nur unter den Auslandsökonomen. Sie verweisen als Vorbild auf die erst 1990 gegründete Universitat Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona – eine staatliche Hochschule, die nicht an die Strukturen des spanischen Unisystems gebunden ist. „In knapp 20 Jahren hat sich an der UPF ein Fachbereich mit Weltklasse entwickelt. Er hat viele Merkmale, die sich mit Harald Uhligs Vorschlag decken“, sagt Stephanie Schmitt-Grohe (Duke University, USA). Auch Dirk Krüger, der Anfang 2007 von Frankfurt an die University of Pennsylvania wechselte, ist überzeugt: „Man muss eine solche Institution von bisher bestehenden abkoppeln und völlig autonom lassen.“ Der LSE-Forscher Ritschl hält das deutsche Uni-System „von innen heraus zur Reform unfähig“. Uhligs Gegenvorschlag sei „letztlich eine Kaderschule für Wissenschaftler, Politikberater und Finanzmarktfachleute, fast wie eine französische ,grande ecole’. Ich halte das für äußerst attraktiv.“

Fast alle in Deutschland tätigen Forscher, aber auch viele Auslandsökonomen lehnen die Gründung einer neuen Elite-Fakultät dagegen ab. Sie sprechen sich dafür aus, den besten existierenden Fachbereichen mehr Möglichkeiten und Geld zu geben. Uhligs Vorschlag sei „unseriös“, meint Steffen Huck aus London, Hennig Bohn aus Santa Barbara bezeichnet ihn als „fragwürdig“: „Meines Erachtens unterschätzt Uhlig die Anstrengungen der besseren deutschen Fakultäten und Forschungsinstitute, sich international zu profilieren. Diese Fakultäten und Institute sollte man unterstützen und nicht etwa zugunsten einer neuen Elite-Fakultät die Finanzmittel kürzen.“

Auch in Deutschland tätige Spitzenforscher haben große Bedenken: „Ein ,Inselinstitut’ mit guten Leuten wird kaum die strukturellen Probleme insgesamt lösen können“, sagt Axel Ockenfels. Ganz ähnlich argumentiert Hans-Werner Sinn: "Eine neue Uni aus der Retorte zu erzeugen halte ich für keine gute Idee. Auch die amerikanischen Unis haben ein Jahrhundert gebraucht, bis sie das wurden, was sie heute sind."

Sinns Münchener Kollege Klaus M. Schmidt betont: „Wissenschaft lebt vom Wettbewerb. Es muss möglich sein, in den Kreis der besten Universitäten aufzuschließen und auch daraus wieder abzusteigen.“ Werde nur eine Institution per Dekret zur Elite erklärt und massiv gefördert, bestehe die Gefahr, dass dort die Anstrengungen nachließen. Matthias Sutter (Innsbruck) befürchtet gar: „Die Ausstattung eines einzelnen Departments mit 14 Millionen Euro würde zu allerhand Neid und Querschüssen führen.“

Allerdings: Vollkommen abwegig scheint Uhligs Idee nicht zu sein. Auf die Frage, was sie tun würden, wenn die von ihm skizzierte Einrichtung ihnen eine Professorenstelle anbiete, antworteten auch viele scharfe Kritiker: „Wahrscheinlich annehmen.“

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