0 Bewertungen
08.10.2007 

Auch prominente in Deutschland tätige Volkswirte teilen Uhligs Kritik. „Ich stimme der Analyse von Herrn Uhlig zur derzeitigen Situation der deutschen VWL-Fakultäten zu“, sagt Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und VWL-Professor in Kiel. Ähnlich äußerten sich Axel Ockenfels (Köln), Michael Burda (HU Berlin) und Friedrich Schneider, der Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik. Der Spieltheoretiker Klaus M. Schmidt aus München betont: „Der entscheidende Punkt ist zweifellos, dass die bestehenden guten Fakultäten in Deutschland viel zu klein sind und in der täglichen Belastung durch zu viel Lehre und Administration ersticken.“

Klaus F. Zimmermann, Chef der Forschungsinstitute DIW und IZA, beurteilt die Situation dagegen nicht ganz so kritisch. Grundsätzlich teile er Uhligs Analyse, doch sie sei alles andere als neu. „Ich habe so ähnlich argumentiert, als ich vor 20 Jahren aus Amerika zurück nach Deutschland kam.“ Damals sei die Situation aber sehr viel schlimmer gewesen als heute. „Inzwischen haben sich sehr viele Kollegen massiv engagiert, um das System zu verändern.“ Ähnlich argumentiert Ifo-Chef Hans-Werner Sinn: "Richtig ist, dass die deutschen VWL-Fakultäten noch nicht auf dem amerikanischen Standard der Top-Unis angekommen sind." Uhlig übersehe aber den dramatischen Fortschritt bei der internationalen Forschungspräsenz der deutschen Volkswirte, den es in den letzen zwanzig Jahren gegeben habe. Sinn: "Es hat eine Revolution stattgefunden, die sich in den Zahlen des Handelsblatt-Rankings zur internationalen Forschung widerspiegelt und vor allem auch in der Präsenz deutscher Forscher auf internationalen Konferenzen. Auch im Inneren tut sich viel." Auch Steffen Huck, deutscher Professor am Londoner University College, attestiert der Die Qualität der deutschen VWL deutliche Fortschritte. Der Ton des Uhlig-Papers erscheine ihm daher „zu düster und ungerecht gegenüber vielen deutschen Kollegen, die sehr hart arbeiten, um das System von innen zu verbessern“.

Umstrittener als Uhligs Analyse des Ist-Zustands ist allerdings sein Lösungsvorschlag. Der Makroökonom propagiert die Gründung eines neuen, autonomen Elite-Fachbereichs für VWL, der Forschern bessere Konditionen bietet als gute US-Unis. Bei 25 Lebenszeit- und zehn Assistenz-Professoren schätzt Uhlig die Kosten dafür auf 14 Mill. Euro pro Jahr.

Befürworter dieser Uhlig-Idee findet man fast nur unter den Auslandsökonomen. Sie verweisen als Vorbild auf die erst 1990 gegründete Universitat Pompeu Fabra (UPF) in Barcelona – eine staatliche Hochschule, die nicht an die Strukturen des spanischen Unisystems gebunden ist. „In knapp 20 Jahren hat sich an der UPF ein Fachbereich mit Weltklasse entwickelt. Er hat viele Merkmale, die sich mit Harald Uhligs Vorschlag decken“, sagt Stephanie Schmitt-Grohe (Duke University, USA). Auch Dirk Krüger, der Anfang 2007 von Frankfurt an die University of Pennsylvania wechselte, ist überzeugt: „Man muss eine solche Institution von bisher bestehenden abkoppeln und völlig autonom lassen.“ Der LSE-Forscher Ritschl hält das deutsche Uni-System „von innen heraus zur Reform unfähig“. Uhligs Gegenvorschlag sei „letztlich eine Kaderschule für Wissenschaftler, Politikberater und Finanzmarktfachleute, fast wie eine französische ,grande ecole’. Ich halte das für äußerst attraktiv.“

Fast alle in Deutschland tätigen Forscher, aber auch viele Auslandsökonomen lehnen die Gründung einer neuen Elite-Fakultät dagegen ab. Sie sprechen sich dafür aus, den besten existierenden Fachbereichen mehr Möglichkeiten und Geld zu geben. Uhligs Vorschlag sei „unseriös“, meint Steffen Huck aus London, Hennig Bohn aus Santa Barbara bezeichnet ihn als „fragwürdig“: „Meines Erachtens unterschätzt Uhlig die Anstrengungen der besseren deutschen Fakultäten und Forschungsinstitute, sich international zu profilieren. Diese Fakultäten und Institute sollte man unterstützen und nicht etwa zugunsten einer neuen Elite-Fakultät die Finanzmittel kürzen.“

Auch in Deutschland tätige Spitzenforscher haben große Bedenken: „Ein ,Inselinstitut’ mit guten Leuten wird kaum die strukturellen Probleme insgesamt lösen können“, sagt Axel Ockenfels. Ganz ähnlich argumentiert Hans-Werner Sinn: "Eine neue Uni aus der Retorte zu erzeugen halte ich für keine gute Idee. Auch die amerikanischen Unis haben ein Jahrhundert gebraucht, bis sie das wurden, was sie heute sind."

Sinns Münchener Kollege Klaus M. Schmidt betont: „Wissenschaft lebt vom Wettbewerb. Es muss möglich sein, in den Kreis der besten Universitäten aufzuschließen und auch daraus wieder abzusteigen.“ Werde nur eine Institution per Dekret zur Elite erklärt und massiv gefördert, bestehe die Gefahr, dass dort die Anstrengungen nachließen. Matthias Sutter (Innsbruck) befürchtet gar: „Die Ausstattung eines einzelnen Departments mit 14 Millionen Euro würde zu allerhand Neid und Querschüssen führen.“

Allerdings: Vollkommen abwegig scheint Uhligs Idee nicht zu sein. Auf die Frage, was sie tun würden, wenn die von ihm skizzierte Einrichtung ihnen eine Professorenstelle anbiete, antworteten auch viele scharfe Kritiker: „Wahrscheinlich annehmen.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Forum Diskussionen zu diesem Beitrag im Forum
  Alle anzeigen

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Zuletzt besucht / gesucht

Anzeige

weiterTop-Downloads

Hot Papers in VWL und BWL  Artikel in Merkliste

31.08.2008

Sind Spekulanten für die enormen Preisanstiege von Rohöl verantwortlich? Wie können Unternehmen in virtuellen Welten wie "Second Life" Geld verdienen? Und wie lassen sich überbewerte Aktien möglichst frühzeitig erkennen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich ökonomische Forschungspapiere, die derzeit im Web besonders häufig herunterladen werden. Lesen Sie mehr über diese "Hot Paper" Artikel


weiterDas Grüner-Blog

Verblüffende Wirtschaftstheorie 

25.08.2008Das Grüner-Blog

Ein kürzlich im Journal of Economic Theory erschienenes Papier von Maitreesh Ghathak (LSE) und Koautoren stellt gleich mehrere ökonomische Lehrsätze zu Gewinnbesteuerung und Mindestlöhnen in Frage. Blog


weiterKrämers Konjunktur-Kommentar

Deutsche Auftragseingänge: Wieder ein Einbruch 

04.09.2008Krämers Konjunktur-Kommentar

Im Juni waren die deutschen Auftragseingänge gegenüber Mai bereits um 2,6% eingebrochen. Deshalb hatten die Volkswirte für den Juli zumindest mit einer schwarzen Null gerechnet (0,3%). Blog


weiterHarald Uhlig - Makro und mehr

Danke, lrland! 

15.06.2008Harald Uhlig - Makro und mehr

Demokratie und Freiheit funktionieren noch in Europa!   Nachdem das Volk Europas das 400-Seiten starke Eurokraten-Monstrum, dass man tatsächlich mal “Vefassung für Europa” nannte, in Bausch und Bogen abgelehnt hatte, hatte die Politiker-Elite Europas eine clevere Idee. Blog