Nicht erst seit der großen Koalition fragen sich viele Bundesbürger, wie eine Vielzahl wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen zustande kommt. Wer sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen will, aber gleichzeitig eine gut lesbare Darstellung des Themas sucht, ist bei Bernd Ziesemer richtig. Seine „Kurze Geschichte der ökonomischen Unvernunft“ – gestern vom Bundesverband deutscher Unternehmensberater als „Buch des Jahres“ ausgezeichnet – untersucht und schildert anhand von zahlreichen Beispielen, was falsch läuft in Deutschland. Dabei begeht Ziesemer nicht den Fehler, in eine wohlfeile Politikerschelte zu verfallen oder in das Lamento einzustimmen, heute gebe es eben keine Politiker von Format mehr.
Er nimmt neben dem Politikbetrieb auch die Politikberatung, die Schwächen der Wirtschaftswissenschaften und nicht zuletzt die Verantwortung der Medien aufs Korn. Dabei macht er deutlich, dass anders als zum Beispiel in den USA bei uns kaum ein Austausch zwischen Wirtschaft und Politik stattfindet. Quereinsteiger sind sehr selten und auch nicht willkommen.
Auch von der Ausbildung her ist den deutschen Politikern das Wirtschaftsgeschehen eher fremd: „Selbst unter den elf letzten Bundeswirtschaftsministern fanden sich nur drei studierte Volkswirte.“ Zur mangelnden professionellen Vorbereitung gesellt sich die Missachtung des wirtschaftswissenschaftlichen Sachverstandes, für dessen organisierte Hilfestellung allein schon der Bund Millionen ausgibt. Wie Ziesemer darstellt, war das Verhältnis nicht immer von Ignoranz gekennzeichnet: Erst in den siebziger und achtziger Jahren entwickelten Politik und Wirtschaftwissenschaften sich auseinander. Dazu beigetragen habe auch, dass die Professorenzunft sich lange zu sehr in einen Glaubenskrieg gestürzt habe, die breitere Öffentlichkeit nicht erreichte und neue, kreative Ansätze wie in Großbritannien und den USA nicht aufnahm.
Das Buch endet mit einem Plädoyer für eine richtig verstandene und moderne Ordnungspolitik. Die werde leider zu oft als Herunterbeten verstaubter Glaubenssätze verstanden, bestehe aber in Wirklichkeit darin, staatliches Handeln wieder darauf zurückzuführen, den Ordnungsrahmen für Markt und Wettbewerb zu schaffen. Nur so könne die Politik auch der drohenden Komplexitätsfalle entkommen.
Bernd Ziesemer: Eine kurze Geschichte der ökonomischen Unvernunft; Campus, Frankfurt 2007, 205 Seiten, 24,90 Euro
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