Internet-Musikbörsen seien nicht daran schuld, dass die Umsätze der Musikkonzerne sinken, behaupteten zwei Autoren im "Journals of Political Economy". Ökonom Stan Liebowitz verfasste eine Gegenstudie, doch gedruckt wurde sie nicht. Die Herausgeber des Magazins lehnen eine Veröffentlichung ab.
FRANKFURT. Es war auf den ersten Blick eine alltägliche Entscheidung, die Steven Levitt zu treffen hatte. Der Mit-Herausgeber des "Journals of Political Economy" (JPE), bekannt als Autor des Bestsellers "Freakonomics", musste entscheiden, ob er einen Kommentar abdrucken sollte, den der Ökonom Stan Liebowitz eingereicht hatte.
Vielleicht hätte Levitt einfach von seinen sehr weit gefassten Entscheidungsrechten als Herausgeber Gebrauch machen und den Kommentar ohne viel Federlesens ablehnen sollen. Er hat darauf verzichtet und stattdessen etwas getan, was nun seinen eigenen guten Ruf und den des JPE gefährden könnte und darüber hinaus exemplarisch die laxen Standards aufzeigt, mit denen sich die Top-Fachzeitschriften in der Ökonomie zufriedengeben.
Auf den zweiten Blick war nichts an dem Fall gewöhnlich. Der Kommentar zu einem im JPE erschienenen Artikel war außerordentlich scharf formuliert und unterstellte den Autoren kaum verhohlen Falschinformation - ein hochsensibler Vorgang, gilt doch das an der Universität Chicago herausgegebene JPE als eine der fünf wichtigsten ökonomischen Fachzeitschriften weltweit.
Felix Oberholzer-Gee und Koleman Strumpf behaupteten in dem umstrittenen Artikel nachzuweisen, dass Musiktauschbörsen im Internet nicht schuld daran seien, dass die Umsätze der Musikkonzerne eingebrochen sind.
Dass die Musikverlage anderer Meinung sind, überrascht wenig. Schließlich hatten sie Tauschbörsen ebenso wie deren Kunden mit Klagen überzogen. Doch auch Stan Liebowitz von der University of Texas war entschieden anderer Meinung, und er hatte dies Levitt schon mitgeteilt, bevor die umstrittene Studie im JPE erschien. In dem Brief hatte er auf zahlreiche angebliche Fehler und Ungereimtheiten in der Studie hingewiesen und sich vor allem darüber beklagt, dass die Autoren ihre Daten nicht für Prüfzwecke zur Verfügung stellten. Levitt hatte den Brief an die Autoren weitergereicht, ansonsten aber ignoriert.
Ignorieren ging nicht mehr, nachdem Liebowitz seine Gegenstudie offiziell als Kommentar beim JPE einreichte.
So holte Levitt zunächst einmal eine Stellungnahme von den Autoren der Studie ein, die vorhersehbar ausfiel. Zusätzlich bestellte er einen Bericht von einem unabhängigen Gutachter (Referee).
Das Gutachten ist eindeutig: Der Referee empfiehlt, den Kommentar zu drucken, "um andere Forscher davor zu bewahren, auf einem wackeligen Forschungsfundament aufzubauen". Zwar empfiehlt er Liebowitz, den Ton zu entschärfen, gibt ihm aber in fast allen Punkten recht und kommt selbst zu einem vernichtenden Urteil über die kommentierte Studie. "Die Schlussfolgerungen der Autoren sind auf Basis der Analyse und der Belege, die sie anführen, nicht gerechtfertigt", schreibt er.
Levitt will den Kommentar trotzdem nicht abdrucken. Deshalb funktioniert er kurzerhand die Autorenreplik zu einem zweiten anonymen Gutachten um, indem er Absender und Unterschrift entfernt.
Mit diesem angeblichen Referee-Bericht begründet er die Absage an Liebowitz. "Zweifellos werfen Sie in Ihrem Kommentar vernünftige Punkte auf", schreibt Levitt. "Aber ich denke dennoch, der negative Referee hat im Großen und Ganzen Recht." Das Einzige, was er vom wirklichen neutralen Referee-Bericht übernimmt, ist die Empfehlung an Liebowitz, den Ton zu mäßigen.
"Ich habe den Kommentar geschrieben, weil ich dachte, die Autoren waren unehrenhaft, nicht einfach nur schlampig", sagt Liebowitz dazu. "Es scheint in der Zunft keine Verfahren zu geben, um mit solchen Vorwürfen umzugehen", bemängelt er. In Anbetracht der Tatsache, dass das Nachprüfen von Forschungsergebnissen in der Zunft kaum Ansehen genieße und kaum praktiziert werde, bezeichnet es Liebowitz als naiv, davon auszugehen, dass die Forscher allesamt immer ihre Forschung ehrenhaft betrieben und Fehler allenfalls versehentlich passierten. "Die Wahrscheinlichkeit, mit Manipulationen erwischt zu werden, ist minimal", stellt er fest.
Dass die Autorenschaft des zweiten "Referees" - ein Wort, das im Deutschen auch mit Unparteiischer übersetzt wird - bekanntwurde, liegt daran, dass einer der Autoren des Originalpapiers dem Handelsblatt die Replik auf Liebowitz? Kommentar auf Anfrage zugeschickt hatte.
Die Ende Mai verschickte Absage an Liebowitz war eine der letzten Amtshandlungen Levitts, bevor seine Amtszeit als Herausgeber beim JPE auslief. Levitt sieht kein Problem in seiner Vorgehensweise. Es sei beim JPE üblich, Referee-Berichte von den Autoren kommentierter Forschungspapiere einzuholen. "Dann ist es Sache des Herausgebers, im Bewusstsein möglicher Interessenfärbung des Berichtenden, eine Entscheidung darüber zu fällen, ob das eingereichte Papier zur Veröffentlichung geeignet ist", schreibt Levitt auf Anfrage. Referee-Berichte seien grundsätzlich anonym. Eine besondere Sensibilität des Ökonomendisputs oder mögliche Befangenheitsprobleme kann Levitt nicht erkennen. "Die Sache ist nicht schwieriger oder umstrittener als andere, mit denen ich täglich zu tun habe, ich habe ständig über Artikel von Bekannten und Freunden zu entscheiden", schreibt er.
JPE-Herausgeber Robert Shimer antwortet auf die Frage des Handelsblatts, ob die Standards der Zeitschrift erlauben, eine Autorenstellungnahme als anonymen Referee-Bericht zu verwenden, ausweichend: "Die Entscheidung, ein Papier oder einen Kommentar zu veröffentlichen oder nicht, obliegt dem Herausgebergremium. Wir benutzen Gutachter, um unser Verständnis des Papiers zu vertiefen und seine Bedeutung einzuschätzen."
Ob das Herausgebergremium des Journals aus dem Fall Konsequenzen für die eigenen Standards ziehen wird, will Shimer nicht sagen, gibt sich aber zufrieden: "Im Allgemeinen glauben wir, dass unser Begutachtungs- und Auswahlverfahren gewährleistet, dass Artikel mit großer Relevanz und langfristigem Einfluss auf die ökonomische Forschung ausgewählt werden", schreibt er und hält es im Übrigen für verschmerzbar, wenn einmal ein Fehler passieren sollte: "Es gibt viele Zeitschriften. Die betroffenen Autoren sollten kein Problem haben, anderswo ein Heim zu finden." Den gleichen Trost hatte auch Stephen Levitt in seiner Absage Stan Liebowitz zuteil werden lassen.
Liebowitz beeindruckt das Argument nicht: "Das mag für Artikel stimmen, aber Fachzeitschriften drucken äußerst ungern Kommentare zu Artikeln, die in einer anderen Zeitschrift erschienen sind."
Der Eindruck, dass die prozeduralen Standards in den führenden Ökonomiezeitschriften nicht besonders strikt sind, ist in der Zunft verbreitet. Der Züricher Ökonom Ernst Fehr, Associate Editor des Top-Five-Journals "Quarterly Journal of Economics" und der naturwissenschaftlich orientierten Fachzeitschrift "Science" bemängelt, es gebe bei den Ökonomen keine klaren Grundsätze, wann Befangenheit vorliegt. Auch werde in den Naturwissenschaften besser mit der Konkurrenzsituation der Wissenschaftler umgegangen. Dort könne jeder Autor angeben, von wem er aus Konkurrenzgründen seine Arbeit nicht begutachtet sehen möchte.
Ein international renommierter Ökonom, der nicht genannt werden wollte, drückt die Kritik drastisch aus: "Regelmäßig gibt es Skandale und Skandälchen: Herausgeber, die ihre Artikel in der eigenen Zeitschrift veröffentlichen, Gutachter oder Herausgeber, die über Artikel ihrer Doktoranden befinden."
Solange das JPE seinen Kommentar nicht abdruckt, muss sich Liebowitz mit dem Erfolg seines Papiers im Internet trösten. Es gehört auf dem "Social Sciences Research Network" mit über 1000 Downloads zu den erfolgreichsten Papieren.
