Wie kaum eine andere Hochschule fokussiert sich Mannheim auf Ökonomie – und erlebt, wie schwer Reformen sind. Immerhin haben die Mannheimer schon hinter sich, was vielen anderen deutschen Universitäten noch bevorsteht: quälende Diskussionen um die Profilbildung. Lesen Sie, was andere Hochschulen aus Mannheim lernen können.
Die Idylle trügt: An der Manneheimer Uni wurde über die Profilbildung lange und erbittert gestritten. Foto: Olaf Storbeck
Finance statt katholischer Theologie, Operations-Research statt Anglistik, Rechnungswesen statt Germanistik – diese Prioritäten gelten künftig an der Universität Mannheim. Die Hochschule hat sich einen für die deutsche Uni-Landschaft radikalen Umbau verordnet.
Die Uni will sich künftig vor allem auf das konzentrieren, was sie am besten kann: Wirtschaftswissenschaften. Disziplinen, die thematisch weit davon entfernt sind, werden zusammengestutzt. Im Gegenzug werden Fächer wie Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik ausgebaut.
„Wir konzentrieren uns ganz klar auf unsere Kernkompetenz – das ist letztlich eine Überlebensfrage für unsere Universität“, betont der Mannheimer Uni-Rektor Hans-Wolfgang Arndt. Mannheim wolle sich nicht mehr über einzelne Fächer profilieren. „Als eine der ersten staatlichen Universitäten werden wir uns als Gesamteinrichtung positionieren.“
Schon heute gehört Mannheim nach zahlreichen Studien in der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre zu den besten Adressen der Republik. Durch interne Reformen, Stiftungsgelder und Mittel aus der Exzellenzinitiative entstehen fast 20 zusätzliche Professorenstellen in der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, der Wirtschaftsinformatik und der Sozialwissenschaft. Wenn es der Universität gelingt, all diese Stellen mit hochkarätigen Forschern zu besetzen, dürfte sie unter den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland ganz an die Spitze stoßen. Mit dem EZB-Volkwirt Klaus Adam und dem derzeit in Oxford tätigen Volker Nocke haben die Volkswirte zuletzt zwei sehr forschungsstarke Wissenschaftler an sich binden können.
Die Mannheimer Universität ist damit unter den Universitäten ein Vorreiter in Sachen Profilbildung – ein Thema, das in den nächsten Jahren auch noch zahlreiche andere Hochschulen in Deutschland beschäftigen wird. Denn die Fokussierung der Universitäten ist das erklärte Ziel der deutschen Hochschulpolitik. So folgte die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern der Philosophie, starke Fachbereiche weiter zu stärken.
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Mannheims Uni-Rektor Hans-Wolfgang Arndt (rechts) und Universitätsrats-Präsident Manfred Fuchs erläutern im April 2008 das neue Profil der Hochschule. Foto: Olaf Storbeck
Gerade kleine und mittelgroße Universitäten wie Mannheim – die Uni hat insgesamt gerade einmal 11 000 Studenten – stehen dadurch vor enormen Herausforderungen. Je zersplitterter ihr Forschungsgebiet ist, desto schwieriger ist es, exzellente Forschung zu liefern.
Denn absolute Größe ist im Wissenschaftsbetrieb ein wichtiger Erfolgsfaktor – vor allem, weil erstklassige Wissenschaftler am liebsten dorthin gehen, wo sie hochrangige Kollegen haben.
Je kleiner eine Uni, desto schwieriger ist es für sie, die für erstklassige Wissenschaft nötige kritische Masse zu erreichen. Gerade kleine Hochschulen, sind viele Experten überzeugt, werden daher in Zukunft viel stärker Prioritäten setzen müssen. „Das alte Bildungsideal, in dem jede Universität ein Vollanbieter ist, ist heute nicht mehr darstellbar“, sagt Manfred Fuchs, Vorsitzender des Mannheimer Universitätsrats.
Allerdings: Der Umbau der Mannheimer Universität ist auch ein Lehrstück dafür, wie schwer sich die deutschen Hochschulen mit Reformen tun. Denn die internen Widerstände gegen die Pläne der Uni-Leitung waren immens. Die von den Umschichtungen betroffenen Geisteswissenschaftler, die Studenten der Philosophischen Fakultät und auch weite Teile des Mannheimer Bürgertums liefen Sturm gegen das Vorhaben. „Wir haben uns zwei Jahre lang zerfleischt“, berichtet ein Insider. Auch Rektor Arndt räumt ein: „Ich habe die Emotionalität und Irrationalität der Diskussionen unterschätzt. Wir haben hier keine ganz leichten zwei Jahre hinter uns.“
Und Arndt ist sicher: „Das, was wir hier durchgemacht haben, steht den meisten anderen deutschen Universitäten in den nächsten Jahren erst noch bevor.“
Immerhin: Trotz der zwischenzeitlich vergifteten Atmosphäre haben sich die Kontrahenten jetzt auf einen Kompromissvorschlag geeinigt. Ohne Gegenstimme haben Universitätsrat und Senat in den vergangenen Wochen den neuen „Struktur- und Entwicklungsplan“ beschlossen – nachdem die Universitätsführung das Reformkonzept an einigen Punkten entschärft hatte. Vor allem bleiben mehr geisteswissenschaftliche Professorenstellen erhalten, als ursprünglich geplant war.
Manche an der Universität hätten sich mehr gewünscht – und bezeichnen die Einigung als „Minimalkonsens“. „Man kann sich wirklich fragen, ob es sich gelohnt hat, dass wir uns hier jahrelang gestritten haben.“
Andere Mannheimer Professoren aber sehen die Sache positiver: „Angesichts der institutionellen Gegebenheiten halte ich das, was die Uni-Leitung erreicht hat, für eine bemerkenswerte Leistung“, sagt der Mannheimer Finance-Professor Martin Weber. „Noch vor wenigen Jahren hat man es ja schon als großen Erfolg gefeiert, wenn man es schaffte, die Zahl der Fakultäten von sieben auf sechs zu reduzieren.“
Arndt selbst ist sich sicher: „Der Streit hat sich gelohnt, wir haben unser Ziel erreicht.“
Verglichen aber mit den Ideen, die noch vor wenigen Jahren in Mannheim diskutiert wurden, ist die jetzt beschlossene Reform allerdings nur Kleinkram. Ursprünglich wollten die Mannheimer ihre Mathematiker und Informatiker gegen die Volks- und Betriebswirte der benachbarten Universität Heidelberg tauschen.
Allein in der VWL wären zu den 17 Mannheimer Professoren 13 weitere aus Heidelberg hinzugekommen – die Fakultät wäre mit Abstand die größte in Deutschland gewesen und hätte es durchaus mit der London School of Economics aufnehmen können. Der „große Fächertausch“ scheiterte Anfang 2006 allerdings amWiderstand der Heidelberger.
Die Idee, „aus eigenem Fleisch“ (Arndt) und zulasten der Geisteswissenschaftler neue Stellen für Wirtschaftswissenschaftler zu schaffen, war die Reaktion auf das Scheitern des Fächertauschs.
Neben den Stellenverlagerungen versucht die Mannheimer Universität zudem, ihre Geistes- und auch ihre Rechtswissenschaft näher an die Ökonomie heranzuführen. Schon heute hat die Hochschule einen Bachelor namens „Kultur und Wirtschaft“ im Programm, in dem geistes- und wirtschaftswissenschaftliche Inhalte kombiniert werden.
Neuland beschreiten die Mannheimer auch bei der Juristenausbildung: Seit Anfang des Jahres bildet die Universität Unternehmensjuristen aus – mit Bachelor-Abschluss. Das traditionelle juristische Staatsexamen ist nicht mehr zwingend vorgeschrieben.
