Die Finanzkrise wird immer stärker zur Belastung für die Weltkonjunktur. Experten streiten nun über die Wechselwirkungen von realer Wirtschaft und Finanzwelt. Klar ist: Politik und Notenbanken stehen vor neuen Herausforderungen.
NEW YORK. Die akute Finanzkrise hat unter Ökonomen eine lebhafte Debatte über die Wechselwirkungen zwischen realer Wirtschaft und der Finanzwelt ausgelöst. War es in der Vergangenheit meist so, dass die Finanzindustrie von einem Konjunkturabschwung erfasst und die wirtschaftliche Talfahrt dadurch noch verschärft wurde, ist es diesmal genau umgekehrt. Der Krisenherd liegt im Finanzsystem und breitet sich immer weiter auf den Rest der Wirtschaft aus.
Die neue Wirklichkeit des Finanzkapitalismus im 21. Jahrhundert stellt auch Politiker und Notenbanken auf die Probe. Mit herkömmlichen geldpolitischen Maßnahmen ist der aktuellen Kreditklemme offenbar nur schwer beizukommen. Die massiven Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) um drei volle Prozentpunkte auf 2,25 Prozent seit August 2007 haben ein Übergreifen der Krise auf Verbraucher und Unternehmen nicht verhindern können.
Wenn sich die Finanzminister und Notenbankchefs der führenden sieben Industrieländer (G7) am Wochenende in Washington treffen, wird es auch um eine effektivere Krisenbekämpfung gehen. Eine besondere Rolle fällt dabei dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zu. „Der Fonds muss seine analytischen Werkzeuge stärker auf die Frage ausrichten, wie das Finanzsystem die reale Wirtschaft beeinflusst. Das ist auch eine Aufgabe der Wissenschaft“, sagte Mohamed El-Erian kürzlich dem Handelsblatt. Der langjährige IWF-Manager steuert heute den weltgrößten Anleihehändler Pimco.
Wie Entwicklungen auf den Vermögensmärkten das Geschehen in der realen Wirtschaft beeinflussen, ist seit Jahren ein Streitthema unter Ökonomen. Einig sind sich die Experten zwar darin, dass es starke Wechselwirkungen zwischen den beiden Welten der Wirtschaft gibt. Über die Frage, ob Notenbanken deshalb gezielt gegen Verwerfungen auf den Finanzmärkten vorgehen sollen, wird jedoch gestritten. Die aktuelle Immobilienkrise ist dafür keineswegs das erste Beispiel. Bereits während des Technologiebooms Ende der 90er-Jahre forderten Volkswirte, dass die Notenbanken frühzeitig gegen Spekulationsblasen vorgehen müssten, um Schaden vom Rest der Wirtschaft abzuwenden.
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Die US-Notenbank vertritt seit langer Zeit die Ansicht, dass sich solche Spekulationsblasen nicht im Voraus erkennen lassen. Den Zentralbanken bleibe deshalb nichts anderes übrig, als die wirtschaftlichen Folgen zu mildern, nachdem die Blasen geplatzt sind. Genauso ist der damalige Fed-Chef Alan Greenspan verfahren. Erst nach dem Börseneinbruch Ende 2000 und der beginnenden Rezession ein Jahr später eilte Greenspan der Wirtschaft mit drastischen Zinssenkungen zu Hilfe. Erst Mitte 2004 zog er die Zinszügel langsam wieder an.
Auf diese Weise sorgte Greenspan zwar dafür, dass die Rezession 2001 nur neun Monate dauerte. Zugleich legte er mit seiner Geldschwemme nach Meinung vieler Ökonomen den Keim für die nächste Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt. „Die lockere Geldpolitik der Fed war einer von mehreren Faktoren, die für die Finanzkrise verantwortlich sind“, sagt Martin Feldstein, Wirtschaftsprofessor an der Eliteuniversität Harvard. Auch der IWF schreibt in seinem jetzt vorgelegten World Economic Outlook, dass die Zinssenkungen in den Jahren 2001 und 2002 zu dem irrationalen Überschwang auf dem US-Immobilienmarkt beigetragen haben. Der Fonds folgert daraus, dass die Zentralbanken die Entwicklung der Hauspreise künftig bei ihrer Zinspolitik nicht mehr ignorieren sollten.
Der heutige Fed-Chef Ben Bernanke ist bislang dem Pfad seines berühmten Vorgängers gefolgt. Spät, dafür umso massiver hat er mit Zinssenkungen auf den Immobilien-Crash reagiert. Es spricht jedoch vieles dafür, dass Bernanke den zweifelhaften Erfolg von Greenspan nicht wiederholen kann. Anders als überbewertete Technologieaktien sind Häuser ein zentraler Bestandteil der US-Wirtschaft. Für die meisten Amerikaner stellen sie den größten Teil ihres Vermögens dar. So reagieren die Menschen auf die Vermögensverluste mit Konsumverzicht und beschleunigen so die wirtschaftliche Talfahrt. Auch deshalb kündigte die US-Regierung gestern an, ihr Hilfsprogramm für in Zahlungsnot geratene Eigenheimbesitzer bis zum Jahresende mehr als zu verdreifachen und auf 500 000 Nutznießer aufzustocken.
