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29.10.2007 
Objektivität von Medien

Verzerrte Welt

von Jens Tönnesmann

Wie neutral berichten Medien? Ökonomen haben auf diese Frage eine Reihe erstaunlicher Antworten zutage gefördert. So zeigen Studien: Medien starke wirtschaftliche Anreize, vor allem ihren Lesern und weniger ihren Anzeigenkunden nach dem Mund zu reden. Und US-Präsident George Bush hat seinen Wahlsieg im Jahr 2000 vermutlich verzerrten Medienberichten zu verdanken.

Druck des Wall Street Journal.  Foto: apLupe

Druck des Wall Street Journal. Foto: ap

Als der Medienmagnat Rupert Murdoch im Sommer seine Finger nach dem Wirtschaftsverlag Dow Jones und dem "Wall Street Journal" ausstreckte, sorgte er für eine Welle des Protests. Journalisten legten ihre Arbeit nieder, vor der Redaktion des "Journals" in New York kam es zu bizarren Demonstrationen: Linke Aktivisten riefen dazu auf, die "Bibel des Kapitalismus" vor den Fängen Murdochs zu schützen.

Die Proteste sind nur das jüngste Beispiel für die Sorgen, die Verlagsübernahmen wecken können. Aber wie berechtigt sind diese Ängste? Diese Frage beschäftigt seit einigen Jahren zunehmend auch Wirtschaftswissenschaftler. Vor allem in den Vereinigten Staaten untersuchen immer mehr Ökonomen das Thema "media bias", also die angebliche oder tatsächliche Befangenheit von Medien.


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Wie unabhängig und überparteilich amerikanische Tageszeitungen berichten, haben zum Beispiel die Ökonomen Jesse Shapiro und Matthew Gentzkow von der University of Chicago unter die Lupe genommen. Sie analysierten ein Jahr lang die Berichterstattung in 417 US-amerikanischen Zeitungen. Dabei versuchten die beiden zunächst, die Tendenz eines Blattes daran zu messen, ob es sich die Sprache der Republikaner oder die der Demokraten zu eigen macht - also etwa vom "globalen Krieg gegen den Terrorismus" (Republikaner) berichtet oder vom "Krieg im Irak" (Demokraten).

In einem zweiten Schritt verglichen die Forscher ihr Ergebnis zur Ausrichtung der Zeitung mit den politischen Einstellungen ihrer Leser und der Eigentümer. Das Resultat: "Starke ökonomische Anreize sind für die Tendenz einer Zeitung verantwortlich", sagt Shapiro, "nicht die Ideologie ihres Verlegers."

Hinter diesen wirtschaftlichen Triebkräften stecken aus Sicht Shapiros nicht in erster Linie zahlungskräftige Anzeigenkunden. Entscheidend seien vor allem die Konsumenten, die nur dann zu einer Zeitung greifen, wenn sie mit ihrer Ausrichtung einverstanden sind - oder eben ein Abonnement abbestellen, wenn ihnen die Ausrichtung eines Blattes nicht mehr gefällt.

Eine Zeitung, die von vielen Kirchgängern gelesen werde, ist in der Regel konservativer, stellte Shapiro fest. In Gegenden, in denen eher linksgerichtete Menschen leben, ist es dagegen wahrscheinlicher, Zeitungen mit ähnlicher Orientierung vorzufinden. Über die Tendenz gelingt es den Zeitungen, ihre Leser zu halten und Profite zu maximieren.

Für das Wall Street Journal bedeutet das: Wenn Neu-Eigentümer Murdoch spürbar in die Berichterstattung eingreifen sollte, liefe er Gefahr, Leser zu vergraulen. "Wenn sich die Besitzverhältnisse einer Zeitung ändern hat diese Tatsache allein keinen Einfluss auf ihren Einschlag", meint Forscher Shapiro. Anders könnten die Dinge allerdings liegen, wenn mit dem Wechsel des Verlegers auch Stellenstreichungen oder Umstrukturierungen einhergehen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sind Finanzjournalisten käuflich?

Manche Medien schreiben nicht den Lesern, sondern ihren Anzeigenkunden nach dem Mund - das zeigen die Ökonomen Jonathan Reuter (University of Oregon) und Eric Zitzewitz (Stanford) am Beispiel der Berichterstattung über Aktienfonds.

Im renommierten "Quarterly Journal of Economics" kommen die Forscher zu dem Schluss: Bei den US-Anlegermagazinen "Money", "Kiplinger's Personal Finance" und "Smart Money" besteht ein enger Zusammenhang zwischen den Anzeigenausgaben einer Fondsgesellschaft und der Wahrscheinlichkeit, dass Fonds dieses Anbieters im Heft empfohlen werden. So erwähnte zum Beispiel "Money" im jährlichen Ranking der 100 besten Fonds 84 Prozent aller Gesellschaften, die im Vorjahr Anzeigen in Höhe von mindestens einer Million Dollar geschaltet hatten. Von den Firmen, die gar nicht inserierten, tauchten nur gut sieben Prozent in der Liste auf. Immerhin: Bei Tageszeitungen funktioniert die Trennung zwischen Redaktion und Anzeigenabteilung, stellten die Forscher fest. Weder bei der "New York Times" noch beim "Wall Street Journal" stellten sie Gefälligkeitsjournalismus fest.

Ob Absicht oder nicht - Medienforscher sind sich inzwischen einig, dass es in der Berichterstattung immer zu einer Verzerrung der Realität kommt, die auch ökonomische und politische Effekte hat. Diese Befangenheit entstehe schon dadurch, dass Journalisten stets gezwungen sind, aus einer Fülle von Nachrichten diejenigen auszuwählen, die ihnen am wichtigsten erscheinen. So sind sie naturgemäß gezwungen, bestimmte Themen zu vernachlässigen.

Eine aktuelle Studie der Stockholmer Forscher Thomas Eisensee und David Strömberg führt dies eindrucksvoll vor Augen: Die beiden Wissenschaftler haben untersucht, wie US-Medien über rund 5000 Katastrophen in den Jahren zwischen 1992 und 2002 berichtet haben. Dabei stellten sie fest: Über Katastrophen gleichen Ausmaßes wird je nach Nachrichtenlage ganz unterschiedlich intensiv berichtet. Damit üben die Medien einen erheblichen Einfluss darauf aus, ob überhaupt und in welchem Umfang den Opfern geholfen wird. Ein Sturm in Indien im Jahr 1999 etwa fand überhaupt keine Erwähnung, weil die Medien zur gleichen Zeit mit einem Amoklauf an einer amerikanischen Schule beschäftigt waren. Ein ähnlicher Sturm im Jahr zuvor war dagegen in den Fernsehnachrichten vermeldet worden und hatte eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.

Neben der Auswahl und Gewichtung der Themen wählen Medien nach Ansicht von Wissenschaftlern stets eine Perspektive, mit der sie sich eine Reputation als zuverlässige Nachrichtenquelle aufbauen können - in den Augen ihrer Konsumenten wohlgemerkt. Sind ihre Leser also liberal eingestellt, wird über Ereignisse und Themen eher aus einem liberalen Blickwinkel berichtet. Die Verzerrung fällt dabei umso größer aus, je kleiner die Möglichkeiten der Leser und Zuschauer sind, sich selbst von der Realität ein Bild zu machen. Aussagen von Finanzanalysten sind deswegen anfälliger für Verzerrung als etwa Wettervorhersagen, meint Forscher Shapiro.

Dass Leser und Zuschauer auch von der Berichterstattung und ihrer Tendenz beeinflusst werden, zeigen die Yale-Forscher Alan Gerber, Dean Karlan und Daniel Bergan. Sie verteilten vor der Gouverneurswahl im US-Bundesstaat Virginia Abos verschiedener Tageszeitungen an zufällig ausgewählte Bewohner der Region um Washington D.C. Später konnten sie zeigen, dass die Leser, die eine Zeitung mit eher linksliberalem Einschlag erhalten hatten, sich in der Wahl deutlich öfter für einen demokratischen Kandidaten entschieden.

"Medien können beträchtlichen politischen Einfluss haben", schreiben auch die Ökonomen Stefano DellaVigna (University of California, Berkeley) und Ethan Kaplan (Universität Stockholm). Im "Quarterly Journal of Economics" zeigen sie, dass die Gründung des Rupert Murdoch gehörenden TV-Senders "Fox News" die Amerikaner konservativer gemacht hat und US-Präsident George W. Bush seinen Wahlsieg im Jahr 2000 wohl "Fox News" verdankt.

In ihrer Studie nutzten die Wissenschaftler einen historischer Zufall aus: Der Sender war anfangs längst nicht in allen US-Regionen empfangbar. Im Jahr 2000 wurde der Kanal erst in 20 Prozent aller Städte ins Kabelnetz eingespeist. Anhand von mehr als 9200 Städten aus 28 Bundesstaaten wiesen die Forscher nach: In diesen Städten entwickelte sich das Wählerverhalten anders als in Regionen, in denen der Sender noch nicht zu empfangen war. Dort, wo "Fox News" ausgestrahlt wurde, stieg der Stimmenanteil der Republikaner um 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte. Insgesamt hätten bei den Präsidentschaftswahlen 2000 dadurch rund 200 000 Wähler nicht für die Demokraten, sondern für die Republikaner gestimmt.

Wenn sich der Zeitgeist dreht, bekommen parteiische Medien durchaus Probleme. So sinken bei "Fox News" seit Monaten die Einschaltquoten, allein im vergangenen Jahr um durchschnittlich 15 Prozent. Interessant: Wer den Sender einschaltete, erfuhr davon nichts. Die Moderatoren zitierten die Zahlen so geschickt, dass der Eindruck entstand, der Sender stehe besser da als die Konkurrenz. Dabei verzeichneten weder CNN noch MSNBC ähnlich hohe Verluste.


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