Die Neuauflage des Handelsblatt-Rankings für die im Ausland tätigen Forscher zeigt: In den vergangenen zwölf Monaten hat sich der „Brain Drain“ in der VWL stabilisiert. Allerdings: Noch immer arbeitet von den 100 forschungsstärksten deutschen Ökonomen unter 45 jeder zweite im Ausland.
Seine amerikanischen Kollegen machen keinen Hehl daraus, was sie von der Entscheidung halten: Gar nichts. „Von denen werde ich ziemlich belächelt“, erzählt Karl Schmedders.
Noch ist der 40-jährige Deutsche Ökonomie-Professor an der Northwestern University bei Chicago. Im Juni aber wechselt er an die Universität Zürich. „Meine US-Kollegen denken, ich setz sich dann zur Ruhe, ich steig aus“, erzählt Schmedders. „Es gibt hier eine ziemliche Arroganz. Viele Forscher sind der Meinung, dass man richtig gute Arbeiten nur in den USA produzieren kann und in Europa überhaupt nicht ernsthaft geforscht wird.“
Die europäischen Fakultäten für Volkswirtschaftslehre, sie haben nicht das allerbeste Image in den USA. Kein Wunder, dass sich viele der dort tätigen deutschen Ökonomen schwer damit tun, in ihre Heimat zurückzukehren. Rund 140 deutsche Volkswirte arbeiten an Hochschulen im nicht-deutschsprachigen Ausland, jeder zweite von ihnen in den USA. Tendenziell sind es besonders forschungsstarke Wissenschaftler, die in der Fremde tätig sind, zeigt die Neuauflage des Handelsblatt-Rankings für deutschsprachige Volkswirte im Ausland.
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Die Studie macht deutlich: Wer im Ausland forscht, ist in der Regel jünger, wenn er seine Forschungsergebnisse zum ersten Mal veröffentlicht; bringt seine Arbeiten im Schnitt in besseren Fachzeitschriften unter und schreibt mehr Artikel pro Jahr. „Viele der deutschen Ökonomen im Ausland publizieren auf einem höheren Qualitätsniveau“, bestätigt Rainer Klump, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main.
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Seit 2007 erfasst das Handelsblatt systematisch die Publikationstätigkeit der deutschen Wirtschaftswissenschaftler im Ausland. Die Studie ergänzt das 2006 gestartete Handelsblatt-Ökonomenranking Volkswirtschaftslehre, in dem alle Volkswirte an Universitäten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz erfasst werden.
Methodisch orientiert sich das Handelsblatt an international etablierten Standards zur Evaluierung ökonomischer Forschung. Gezählt werden 220 Publikationen in anerkannten wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften, bei denen Aufsätze vor Veröffentlichung ein strenges Gutachterverfahren durchlaufen. Die einzelnen Journale werden anhand ihrer Qualität gewichtet. So ist zum Beispiel ein Aufsatz im „American Economic Review“ einen Punkt wert, ein Artikel im „World Trade Review“ nur 0,1 Punkte.
Der Arbeitsmarkt für deutsche Volkswirte ist inzwischen hochgradig global, zeigt die Handelsblatt-Studie. Anders als noch vor zehn bis 15 Jahren sind auch in der Bundesrepublik ausgebildete Ökonomen für internationale Top-Adressen interessant. Und zahlreiche Forscher sind auch bereit, ihrer Heimat zu verlassen, da sie im Ausland oft bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.
Von den 100 forschungsstärksten deutschen Ökonomen unter 45 Jahren arbeitet jeder zweite nicht in seiner Heimat. Eine Reihe von Fakultäten im Ausland beschäftigt so viele deutsche Ökonomen, dass ihre Forschungsleistung ähnlich gut ausfällt wie die ganzer Fakultäten an einer Universität in Deutschland. So sind an der Northwestern University sieben Volkswirte aus Deutschland und einer aus Österreich tätig. Würden diese acht Forscher hier zu Lande eine eigene Fakultät bilden, dann läge diese im Handelsblatt-Ranking unter den deutschen Unis auf Platz zwölf – vor den Volkswirten aus Konstanz, Hamburg und Tübingen. Neben Northwestern würden bei dieser Rechnung sechs weitere ausländische Hochschulen den Einzug in die Liste der 25 forschungsstärksten Fakultäten der Republik schaffen.
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Für die deutschen Universitäten ist der globale Ökonomen-Arbeitsmarkt Risiko und Chance zugleich. Einerseits laufen sie Gefahr, dass ihre klügsten Köpfe von ausländischen Top-Adressen abgeworben werden. Wenn es den heimischen Hochschulen aber andererseits gelingt, Forscher in nennenswertem Umfang aus dem Ausland wieder zurückzuholen, können sie ihre wissenschaftliche Qualität spürbar erhöhen.
Unter dem Strich haben sich die deutschen Unis in den vergangenen zwölf Monaten gar nicht so schlecht geschlagen. Vergleicht man die Forschungsleistung der Ökonomen, die Deutschland verlassen haben, mit den Wissenschaftlern, die aus dem Ausland zurück gekehrt sind, dann halten sich Zu- und Abflüsse in etwa die Waage.
So wechselte beispielsweise der Außenhandelsspezialist Holger Görg aus Nottingham nach Kiel, der Makro-Forscher Thomas Laubach kam von der US-Notenbank Fed nach Frankfurt, ebenso wie der zuvor in Toulouse tätige Industrie-Ökonom Guido Friebel. Im Herbst folgt sein Londoner Fachkollege Hans Normann. „Es gibt inzwischen eine Reihe von Universitäten in Deutschland, die sich intensiv bemühen und Leute im Ausland systematisch ansprechen“, sagt Volker Nocke, der 2009 von Oxford nach Mannheim wechselt und auch von den Bonner Volkswirten umworben wurde.
Einzelfälle oder der Beginn einer Trendwende? Noch ist es zu früh, diese Frage zu beantworten. Schließlich ist gleichzeitig eine Reihe profilierter Forscher ins Ausland gegangen. Die Berliner Humboldt-Uni verlor Harald Uhlig an Chicago und Albrecht Ritschl an die London School of Economics, das Bonner IZA Thomas Dohmen an Maastricht und Würzburg Klaus Wälde an Glasgow. Im Herbst wechselt Clemens Fuest von Köln nach Oxford.
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Fakt ist: Um für hochkarätige Forscher nachhaltig attraktiv zu sein, müssen sich die deutschen Fakultäten ziemlich nach der Decke strecken. Gute ausländische Hochschulen bieten in der Regel deutlich bessere Arbeitsbedingungen: „In Deutschland müsste ich 270 Semesterwochenstunden pro Jahr unterrichten, in Großbritannien dagegen nur 80. Das lässt wesentlich mehr Zeit für international kompetitive Forschung“, berichtet der 34-jährige Sascha O. Becker, der nach seiner Habilitation in München auf eine unbefristete Professoren-Stelle im schottischen Stirling wechselt.
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Finanziell sind Jobs im Ausland oft deutlich attraktiver, und die Bürokratie-Belastung ist dort in der Regel ebenfalls geringer. Was viele Auslandsökonomen zusätzlich abschreckt ist, dass die deutschen Fakultäten im internationalen Vergleich eher klein sind. Die Wahrscheinlichkeit, mit Top-Kollegen aus der gleichen Disziplin zusammenzuarbeiten, ist dadurch geringer. Gute Forscher gehen vor allem dort gerne hin, wo schon andere gute Forscher sind. Selbst die Uni Zürich, im deutschsprachigen Raum laut Handelsblatt-Ranking mit Abstand die beste Adresse für VWL, leidet zum Teil unter diesem Problem.
Im Falle von Karl Schmedders halfen sich die Schweizer so: Sie machtem dem an der University of Pennsylvania beschäftigten Felix Kübler, der häufig mit Schmedders Artikel veröffentlicht, ebenfalls ein Angebot. „Dass wir in Zürich Tür an Tür arbeiten können, war für Felix und mich ein entscheidender Faktor“, sagt Schmedders.
Ähnliches versuchen die Volkswirte der Uni Köln, allerdings in größerem Stil. Sechs VWL-Lehrstühle, die fast gleichzeitig frei wurden, hat die Fakultät im Paket ausgeschrieben – und systematisch im Ausland tätige Deutsche angesprochen. „Wir wollen eine Makro-Gruppe schaffen und so das Problem der mangelnden kritischen Masse überwinden“, sagt der Kölner Volkswirt Achim Wambach. Eine ganze Reihe attraktiver Bewerbungen sei eingegangen. Wer am Ende berufen werde und ob diese Forscher kommen, sei aber noch offen.
Der Wechsel von Clemens Fuest nach Oxford mache ihm nicht zu schaffen. Wambach: „Wenn wir öfter Leute vom Kaliber Fuest hätten, die sieben Jahre bei uns sind und so gut publizieren, dass sie dann extrem attraktive Angebote aus dem Ausland bekommen, wäre das doch super.“
