Seit 2007 erfasst das Handelsblatt systematisch die Publikationstätigkeit der deutschen Wirtschaftswissenschaftler im Ausland. Die Studie ergänzt das 2006 gestartete Handelsblatt-Ökonomenranking Volkswirtschaftslehre, in dem alle Volkswirte an Universitäten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz erfasst werden.
Methodisch orientiert sich das Handelsblatt an international etablierten Standards zur Evaluierung ökonomischer Forschung. Gezählt werden 220 Publikationen in anerkannten wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften, bei denen Aufsätze vor Veröffentlichung ein strenges Gutachterverfahren durchlaufen. Die einzelnen Journale werden anhand ihrer Qualität gewichtet. So ist zum Beispiel ein Aufsatz im „American Economic Review“ einen Punkt wert, ein Artikel im „World Trade Review“ nur 0,1 Punkte.
Der Arbeitsmarkt für deutsche Volkswirte ist inzwischen hochgradig global, zeigt die Handelsblatt-Studie. Anders als noch vor zehn bis 15 Jahren sind auch in der Bundesrepublik ausgebildete Ökonomen für internationale Top-Adressen interessant. Und zahlreiche Forscher sind auch bereit, ihrer Heimat zu verlassen, da sie im Ausland oft bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.
Von den 100 forschungsstärksten deutschen Ökonomen unter 45 Jahren arbeitet jeder zweite nicht in seiner Heimat. Eine Reihe von Fakultäten im Ausland beschäftigt so viele deutsche Ökonomen, dass ihre Forschungsleistung ähnlich gut ausfällt wie die ganzer Fakultäten an einer Universität in Deutschland. So sind an der Northwestern University sieben Volkswirte aus Deutschland und einer aus Österreich tätig. Würden diese acht Forscher hier zu Lande eine eigene Fakultät bilden, dann läge diese im Handelsblatt-Ranking unter den deutschen Unis auf Platz zwölf – vor den Volkswirten aus Konstanz, Hamburg und Tübingen. Neben Northwestern würden bei dieser Rechnung sechs weitere ausländische Hochschulen den Einzug in die Liste der 25 forschungsstärksten Fakultäten der Republik schaffen.
» Top-100 Auslandsökonomen (Lebenswerk)
» Top-100 Auslandsökonomen (aktuelle Forschungsleistung)
Für die deutschen Universitäten ist der globale Ökonomen-Arbeitsmarkt Risiko und Chance zugleich. Einerseits laufen sie Gefahr, dass ihre klügsten Köpfe von ausländischen Top-Adressen abgeworben werden. Wenn es den heimischen Hochschulen aber andererseits gelingt, Forscher in nennenswertem Umfang aus dem Ausland wieder zurückzuholen, können sie ihre wissenschaftliche Qualität spürbar erhöhen.
Unter dem Strich haben sich die deutschen Unis in den vergangenen zwölf Monaten gar nicht so schlecht geschlagen. Vergleicht man die Forschungsleistung der Ökonomen, die Deutschland verlassen haben, mit den Wissenschaftlern, die aus dem Ausland zurück gekehrt sind, dann halten sich Zu- und Abflüsse in etwa die Waage.
So wechselte beispielsweise der Außenhandelsspezialist Holger Görg aus Nottingham nach Kiel, der Makro-Forscher Thomas Laubach kam von der US-Notenbank Fed nach Frankfurt, ebenso wie der zuvor in Toulouse tätige Industrie-Ökonom Guido Friebel. Im Herbst folgt sein Londoner Fachkollege Hans Normann. „Es gibt inzwischen eine Reihe von Universitäten in Deutschland, die sich intensiv bemühen und Leute im Ausland systematisch ansprechen“, sagt Volker Nocke, der 2009 von Oxford nach Mannheim wechselt und auch von den Bonner Volkswirten umworben wurde.
Einzelfälle oder der Beginn einer Trendwende? Noch ist es zu früh, diese Frage zu beantworten. Schließlich ist gleichzeitig eine Reihe profilierter Forscher ins Ausland gegangen. Die Berliner Humboldt-Uni verlor Harald Uhlig an Chicago und Albrecht Ritschl an die London School of Economics, das Bonner IZA Thomas Dohmen an Maastricht und Würzburg Klaus Wälde an Glasgow. Im Herbst wechselt Clemens Fuest von Köln nach Oxford.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wie Universitäten Auslandsforscher anwerben
