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14.01.2008 
"Better living through economics"

Was taugt die VWL?

von Olaf Storbeck

Ökonomen machen das Leben lebenswert – behaupten sie zumindest selbst. Weil das sonst kaum jemand merkt, bekommt das Fach aber immer weniger Fördergelder. Auf der Jahrestagung der American Economic Association in New Orleans war "Better living through economics" jetzt ein großes Thema, ebenso wie bessere Selbstvermarktung.

Ökonomen als Weltverbesserer, Illustration: Lutz WidmaierLupe

Ökonomen als Weltverbesserer, Illustration: Lutz Widmaier

Irgendwann war Charles Plott die Sticheleien leid. „Ist Ökonomie überhaupt eine Wissenschaft?“ „Gibt es irgend was, was ihr richtig vorhersagen könnt?“ Solche Fragen musste sich der Ökonom vom California Institute of Technology immer wieder anhören, wenn er mit Professoren-Kollegen aus naturwissenschaftlichen Fächern zum Mittagessen ging. Irgendwann hat Plott angefangen, systematisch darüber nachzudenken, welchen Mehrwert die Wirtschaftswissenschaft eigentlich für die Menschheit bietet.

Auf der Jahrestagung der American Economic Association in New Orleans hat der Wirtschaftsforscher jetzt seine Antworten präsentiert – gemeinsam mit mehr als einem Dutzend Kollegen. 13 Vorträge widmeten sich auf dem wichtigsten Ökonomentreffen der These „Better Living through Economics“.


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Der Tenor war immer derselbe: „Moderne wirtschaftswissenschaftliche Forschung hat das alltägliche Leben der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten entscheidend verbessert“, sagte John Siegfried, Ökonom an der Vanderbilt University, Organisator der Vortragsreihe und Herausgeber eines Buches zu dem Thema, das in einem Jahr bei Harvard Press erscheint. Zu den größten Erfolgen ihres Fachs zählen die Forscher die Bändigung von Inflation und Konjunkturzyklen, die Liberalisierung des Welthandels, die Anti-Kartell-Politik und die Öffnung von einst stark regulierten Märkten wie der Luftfahrtindustrie oder der Telekommunikation. „Unsere Erkenntnisse werden in allen möglichen Bereichen des Lebens angewandt – im Handel, im Finanzsektor und in der Politik“, sagte Plott. „Moderne Wirtschaftswissenschaft hat unseren Wohlstand erheblich gesteigert.“

Was auf den ersten Blick nach eitler Selbstbespiegelung aussieht, hat durchaus einen tieferen Sinn. „Vielen Volkswirten sind die Errungenschaften ihres Fachs nicht bewusst“, sagte Plott. Diese Betriebsblindheit führe dazu, dass sie ihre Verdienste nicht kurz und bündig erklären können.

„Kein Fach stellt sich bei der Selbstvermarktung so dumm an wie die Ökonomie“, sagte Dan Newlon, Programmdirektor für Wirtschaftswissenschaft bei der National Science Foundation (NSF). „Wir haben wirklich ein Kommunikationsproblem.“ Daher zögen Ökonomen im harten Wettbewerb um staatliche Fördergelder gegenüber Naturwissenschaftlern und Ingenieuren systematisch den Kürzeren. „Die NSF-Förderung für ökonomische Grundlagenforschung schrumpft deutlich“, warnte er. „Die nächste Generation von Volkswirten ist dadurch in ernster Gefahr.“

Eines der schlüssigsten Beispiele für Fortschritt und Einfluss moderner volkwirtschaftlicher Forschung lieferte John Taylor, Experte für Geld und Makro an der Stanford University und Erfinder der berühmten „Taylor-Regel“ in der Geldpolitik. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Beobachtung, dass vor rund 25 Jahren in den Industrieländern eine neue makroökonomische Epoche begann: Die Inflationsraten sind seit Anfang der 80er-Jahre deutlich niedriger als in den Jahrzehnten zuvor, die Konjunkturausschläge nach oben und unten fallen geringer aus – das Wirtschaftswachstum ist heute viel stetiger als in den 60er- und 70er-Jahren.

Für diese neue Ära, die Ökonomen als „great moderation“ bezeichnen, sei ein Paradigmenwechsel der Notenbanken verantwortlich, argumentierte Taylor. Seit den späten 70er-Jahren würden sie Inflationsgefahren früher und entschlossener bekämpfen und hätten so über die Jahre eine hohe Reputation und Glaubwürdigkeit aufgebaut. „Dieser neue Kurs in der Geldpolitik ist durch theoretische Arbeiten inspiriert worden“, betonte Taylor. „Es war die Wissenschaft, die eine verlässlichere, systematische und regelgebundene Geldpolitik und eine entschlossene Bekämpfung der Inflation empfohlen hat.“ Dass solch eine monetäre Strategie nicht nur die Inflation in Schach hält, sondern gleichzeitig das Wirtschaftswachstum dauerhaft beflügelt, sei allerdings ein „unerwarteter Bonus“ gewesen, schränkte Laurence Meyer ein, ehemaliger US-Notenbank-Governeur und heute bei der privaten Ökonomieberatung Macroeconomic Advisors aktiv.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Erfolge können Ökonomen noch vorweisen?

Anne Krueger von der Johns Hopkins University argumentierte mit Blick auf die Liberalisierung des Welthandels ähnlich. Die Wirtschaftswissenschaft habe die Vorteile des Freihandels für die beteiligten Länder schon lange klar herausgearbeitet. Seit Ende der 60er-Jahre seien Schwellen- und Entwicklungsländer vor allem in Asien dem Rat der Ökonomen gefolgt, hätten Handelsschranken abgebaut und seien mit deutlich höherem Wohlstand und Lebensstandard belohnt worden. „Die Erfahrungen, die Länder wie Korea mit der Marktöffnung machten, waren besser, als alle Experten vorher erwartet hatten“, sagte Krueger.

„Die Produktivitätsgewinne des Freihandels sind erheblich“, sagte Douglas Irwin vom Dartmouth College. Er warnte allerdings seine Fachkollegen davor, Freihandel als alleinige Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut darzustellen. „Oft sind parallel auch andere Reformen nötig, damit der Handel seine Vorteile entfalten kann.“ So habe deswegen etwa Mexiko bislang wenig von der Freihandelszone Nafta profitiert, weil das Bankensystem des Landes unterentwickelt sei und die Unternehmen Probleme hätten, Kredite für Investitionen zu bekommen. Zugleich verteidigte Irwin seine Disziplin gegen den Vorwurf, sich einseitig auf materielle Größen wie das Bruttoinlandsprodukt zu konzentrieren. „Einkommen ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck.“ Schließlich sei es eindeutig, dass mit steigendem Reichtum Übel wie Unterernährung, hohe Säuglingssterblichkeit und Analphabetismus zurückgingen.

Inzwischen beschäftigt sich ökonomische Forschung mitunter sogar unmittelbar mit der Rettung von Menschenleben. Der Harvard-Professor Al Roth zum Beispiel hat ein Verfahren entwickelt, das die Verteilung von Organspenden deutlich effizienter macht – eine Art Tauschbörse für Nierenspenden. Denn viele Nierenkranke haben das Problem, dass ihnen ein Freund oder Verwandter eine Niere spenden würde, diese aber biologisch nicht passt. Grundidee von Roth ist, einen Ringtausch zwischen zwei oder mehr Paaren von Spendern und Empfängern zu organisieren. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, für einen Kranken ein passendes Organ zu finden, erheblich.

„Wir Ökonomen haben viele Jahre lang versucht, Märkte zu verstehen. Jetzt sollten wir sie auch reparieren können“, betont Al Roth, der seine Arbeit gern als „mikroökonomisches Engineering“ beschreibt. Auch für die New Yorker Schulbehörde war er bereits aktiv: Roth entwickelte ein Verfahren, durch das statt 30 000 nur noch 3 000 Schüler pro Jahr an eine High School kommen, auf die sie eigentlich nicht wollen.

Wenn die Erfolge des Fachs so offenkundig sind – warum tut es sich dann so schwer damit, sich gut zu vermarkten und gute Argumente für finanzielle Förderung zu liefern? Ein Grund dafür dürfte sein, dass der Erkenntnisprozess des Fachs langsamer und diffuser verläuft als in Naturwissenschaften. „Bei uns ist es selten ein einzelner Wissenschaftler, der die eine neue Entdeckung macht“, sagt Vanderbilt-Ökonom John Siegfried. Meist würde eine ganze Reihe von Forschern nach und nach Erkenntnisse zusammentragen. „Wir produzieren Ideen, keine Innovationen“, meinte auch Daniel Hamermesh von der University of Texas in Austin.

Dan Newlon von der NSF spekulierte noch über einen zweiten Grund: Ökonomen setzten sich in ihrer Forschung intensiv damit auseinander, welche negativen Folgen Lobbyismus für das Allgemeinwohl hat. „Ich vermute, dass sie dadurch Hemmungen haben, als Lobbyisten in eigener Sache aufzutreten.“


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