17 Bewertungen ****
05.09.2008 
Obamas Freiwilligenarmee wächst auch im konservativen Süden

Attacke auf die Republikaner-Staaten

von Georg Watzlawek

Die Show ist vorbei. Barack Obama und John McCain sind zurück im Wahlkampfalltag: Sozialstationen besuchen, Arbeitern auf die Schulter klopfen, Rentnerinnen umarmen. Die Demokraten verfolgen dabei einen ganz besonderen Plan. Sie wollen McCain bereits gewonnen gelaubtes Terrain wieder streitig machen. Selbst im konservativen Süden, eigentlich streng republikanisch, wächst der Obama-Einfluss. Ein Ortsbesuch.

Nimmt McCains ins Visier: Im konservativen Süden wächst die ehrenamtliche Truppe Obamas. Foto: apLupe

Nimmt McCains ins Visier: Im konservativen Süden wächst die ehrenamtliche Truppe Obamas. Foto: ap

LAUGHLIN/HOUSTON. So sieht also Barack Obamas Freiwilligenarmee aus? Im Wohnzimmer von Tim Keefe sitzen ein Paar weit jenseits der 50, eine längst ergraute Dame und der Vater des Hausherrn, Ronald Keefe. Er habe schon für Franklin Roosevelt gestimmt und seither immer für die Demokraten, stellt er gleich klar. „Aber Klinken geputzt habe ich noch nie“. Bis auf den Hausherrn, dessen stattliche Plauze das Obama-Shirt gewaltig spannt, war von ihnen noch keiner je bei einer politischen Aktion. „Ich musste meinen Mann hier treiben – wenn er immer über Bush meckert, soll er endlich mal etwas machen“, sagt Maria Fernandez, die vor 20 Jahren aus Chile nach Laughlin, Nevada kam, um in der Kasinoindustrie des Glückspielstaats zu arbeiten. Ihren Job sieht sie jetzt bedroht: weil der Sprit so teuer ist und die Leute um ihre Häuser kämpfen müssen.

Selbst hier, im konservativen Süden, in so sicheren Republikaner-Staaten wie Nevada oder Texas wächst die ehrenamtliche Truppe Obamas. Dabei ist es gar nicht das Charisma oder die Botschaft des demokratischen Demokraten, was sie lockt. Es ist die Wut auf die regierenden Republikaner, die Amerikas schweigende Mehrheit aus der Deckung treibt. „Ich habe mir in den letzten Tagen den Parteitag der Republikaner rein gezogen. Die Rede von Sarah Palmin hat mir so wehgetan, dass ich heute zum ersten Mal hier sitze“, sagt Sherrys Bay.

Prognosen: Wer welchen US-Staat holt

Hier, das ist ein Wählerregistrierungsbüro der Demokraten in Midtown von Houston, Texas. Eine Stadt, die für Autos statt für Menschen gemacht ist und sich fest in John McCains Hand befinden. Diese Staaten im Süden und Mittlerem Westen sind Bastionen der Konservativen und werden am 4. November an die Republikaner gehen, aber auch hier regt sich der Unmut der aufgeklärten Mittelschicht. Plötzlich stellen sie Obama-Schilder vor ihre gepflegten Stadthäuser, auch wenn sie sich damit manchmal wie in Feindesland fühlen. „Ich finde die ganze Lage irgendwie bedrohlich“, sagt Sherryl Bay. „Wer weiß denn wirklich, ob hier nicht plötzlich die Polizei reinkommt und uns und dich unter irgendeinem Vorwand mitnimmt“. Beim Parteitag der Republikaner in St. Paul sei es zugegangen wie bei der Olympiade in China, mit Protestzonen, die nur auf Antrag betreten werden durften.

Die Versuche der McCain-Partei, sich als Agenten des Wandels in Washington darzustellen, der Versuch, mit der erzkonservativen Sarah Palin enttäuschte Anhänger von Hillary Clinton zu den Republikanern herüberzuziehen, stößt auf bitteres Lachen. „Das nimmt denen doch keiner ab, nach acht Jahren Bush wird es Zeit, dass die Republikaner von der Macht verschwinden“, wettert Bay. Die Angestellt der Uniklinik von Texas fühlt sich an die Doppelsprache aus George Orwells „1984“ erinnert: „Wenn die von Freiheit reden, dann heißt das Krieg, Reform heißt Fundamentalismus und Stolz heißt, die eigenen Kinder in den Krieg zu schicken.“ Auch sie hatte in der Vorwahl für Hillary Clinton gestimmt, weil die sich für die Gesundheitsreform stark macht. Aber das spiele jetzt keine Rolle mehr, sie werde Obama wählen: „Palin steht für alles was ich hasse, von der kommen doch nur Attacken, keine Inhalte.“

Genauso sehen es die Senioren für Obama in Laughlin. „Stimmt schon, das Wahlsystem sorgt dafür, dass unsere Stimme unter den Tisch fällt. Aber irgendetwas müssen wir doch machen“; sagt Maria Fernandez. Ihr Mann nickt und schweigt. Also wird nun Wahlwerbung betrieben, auch wenn sich keiner so richtig gerne auf die Straße stellt oder an Türen klopft. Die Obama-Kampagne hat ihnen ein Aktionspaket geschickt, mit einem Motivationsvideo und genauen Checklisten, welche Schritt zu beachten sind. Das wird nun abgehakt und am nächsten Samstag wollen Obamas graue Panther vor der Mall am Colorado-River um jede Stimme kämpfen. „Yes we can“, murmelt der 83-jährige Ronald Keefe.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Amerikas neuer Kurs

Obamas Angriff auf die Lehrerlobby  Artikel in Merkliste

Der designierte US-Bildungsminister Arne Duncan hat 2001 erfolgreich einen Reformprozess an den Schulen Chicagos eingeleitet. Foto: ap

Barack Obama und sein künftiger Bildungsminister Arne Duncan teilen nicht nur die Leidenschaft für Basketball - sie sind beide auch überzeugt davon, das Bildung das Kernstück jeder langfristigen Politik ist. Der letzte Teil der Handelsblatt-Serie „Amerikas neuer Kurs“ erklärt, wie der studierte Soziologe Duncan, der selbst nie Lehrer war, die US-Schulen auf Vordermann bringen will. Artikel


Obama stellt Finanzaufsicht auf den Kopf  Artikel in Merkliste

Barack Obama will den Finanzsektor regulieren - mit drastischen Maßnahmen. Foto: AP

Amerikanische Banken, die Unterstützung vom Staat wollen, müssen in Zukunft mit strengen Regeln rechnen. Und das ist nicht alles. Der neue US-Präsident hat versprochen, hart durchzugreifen – und er will Wort halten. Mit welchen Schritten Barack Obama den Finanzsektor reguliert. Artikel


Wird Amerika zur grünen Nation?  Artikel in Merkliste

Energieparks wie dieser in Kalifornien sollen bis 2025 rund ein Viertel des US-Energieverbrauchs decken. Foto: Reuters

Spritfresser, Klimaanlagen, Kühlschränke so groß wie Kleiderschränke. In Energiefragen waren die Amerikaner lange alles andere als vorbildlich. Der neue Präsident Barack Obama will das ändern und einen neuen Kurs in der Energiepolitik einschlagen. In Zeiten der Rezession plant er die grüne Revolution. Artikel


Obamas Welt ist ein Puzzle für Giganten  Artikel in Merkliste

Barack Obama: Iran als "größte Herausforderung". Foto: dpa

Der künftige US-Präsident geht die Krisen in aller Welt systematisch an - und setzt auf Realpolitiker, viele davon mit Erfahrung aus der Clinton-Zeit. Für viele eher linke Demokraten hat Obama ein sehr konservatives Team um sich geschart. Artikel


Obamas großes Experiment  Artikel in Merkliste

Vieles wird davon abhängen, ob Barack Obama die neue Wirtschaftspolitik kommunizieren kann. Foto: Reuters

Wie lässt sich die Talfahrt der US-Wirtschaft stoppen? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird die Hauptaufgabe des neuen Präsidenten Barack Obama sein, der am 20. Januar die Nachfolge von George W. Bush antritt. Wie sich der neue Präsident mit innovativer Wirtschaftspolitik gegen die Krise stemmen will. Artikel


Rückblick auf die US-Wahl 2008

Die Börsenbilanz der US-Präsidenten 

Eine Infografik zur Entwicklung des S&P 500 Index

Auf Barack Obama lastet ein enormer Erwartungsdruck. Auch die Anleger an den Aktienmärkten bauen nach dem katastrophalen Börsenjahr 2008 auf schnelle Impulse durch den neuen US-Präsidenten. Am Ergebnis seines Vorgängers sollte sich Obama aber nicht orientieren: In acht Jahren unter George W. Bush hat der S&P 500 Index rund 35 Prozent an Wert verloren. Aber wie sieht eigentlich die Bilanz der vorherigen Präsidenten aus? Ein Überblick. Infografik


Finanzkrise setzt Obama unter Druck  Artikel in Merkliste

Alle warten gespannt auf Obamas Antworten auf die Finanzkrise. Foto: ap

Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten an diesem Freitag in Brüssel über die Finanzkrise. Auf dem Treffen soll der Weltfinanzgipfel in der kommenden Woche vorbereitet werden. Das setzt auch Barack Obama unter gewaltigen Zeitdruck. Seine Pläne für eine Regulierung der Märkte sind noch vage. Doch die Vorstöße der Europäer dürften ihm zu weit gehen. Artikel


Obama – ein Erster unter vielen 

Auf dem Weg zu seiner Siegesrede: Der neue US-Präsident Barack Obama. Foto: Reuters

Barack Obama wird als erster schwarzer Präsident in das Weiße Haus einziehen. Doch Obama ist beileibe nicht der Erste, der als Erster ein fulminantes erstes Mal feiert. Wer die Vorreiter sind. Bildergalerie


Fromme Wünsche: Die Welt gratuliert Obama 

Soll vor allem die transatlantischen Beziehungen wiederbeleben: Barack Obama nach seinem Wahlsieg. Foto: Reuters

Politiker aus aller Welt haben dem designierten US-Präsidenten Barack Obama kurz nach dessen Wahlsieg zum Teil überschwänglich gratuliert – und ihm auch gleich ein paar Forderungen mit auf den Weg gegeben. Bildergalerie


Das „System Obama“: Cool und authentisch  Artikel in Merkliste

Auftritt vor hundertausenden Anhängern: Barack Obama hält seine Siegesrede. Foto: Reuters

Barack Obama hat mit einem fast perfekten Wahlkampf das Rennen gegen Hillary Clinton und John McCain entschieden – und erlaubt Einblicke, wie er Amerika führen wird. Artikel


Ein Land im Taumel: So sehen Sieger aus 

Die Fans von barack Obama haben grund zum Jubeln. Foto: Reuters

Der 44. Präsident der USA heißt Barack Obama. Wildfremde Menschen fielen sich deswegen auf Plätzen und Straßen in die Arme, andere begannen zu tanzen, wieder andere schwenkten die amerikanische Flagge – viele weinten vor Freude und Rührung. Auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson konnte inmitten der feiernden Anhängerschar Obamas im Grant Park in Chicago die Tränen nicht zurückhalten. Bildergalerie