12 Bewertungen ****
15.09.2008 
Republikanische Glücksgöttin

Die Welt von Sarah Palin

von Markus Ziener

In sieben Wochen könnte Sarah Palin zur Vizepräsidentin der USA gewählt werden. In Alaska war Sarah Palin zum richtigen Zeitpunkt stets am richtigen Ort – mit unkonventionellen Mitteln meisterte sie Krisen und schuf rasantes Wachstum: Dieses Glück soll nun auch John McCain zum Wahlsieg verhelfen. Eine Handelsblatt-Reportage.

Seite an Seite zum Wahlsieg? Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hofft auf seine Glücksbringerin Sarah Palin. Foto: dpaLupe

Seite an Seite zum Wahlsieg? Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hofft auf seine Glücksbringerin Sarah Palin. Foto: dpa

WASILLA/ALASKA. Dan Kennedy hüpft aus seinem 92er Chevy Blazer, sprintet den Rollgrashügel hinauf und zeigt auf eine schwarze Marmorplatte, die dort in den Boden gerammt ist. „Das haben wir Sarah zu verdanken“, sagt er. Eingraviert ist ein Satz aus der amerikanischen Verfassung, einen Steinwurf weiter flattert das Sternenbanner im Wind, davor begrüßt ein Blumenbeet den Besucher. Als Sarah Palin Bürgermeisterin von Wasilla war, hat sie dafür gesorgt, dass es diesen Ehrengarten gibt, für die Freiheit, das Militär und Amerika. Dann sprudelt es wieder aus Dan Kennedy hervor: „Sarah ist eine Visionärin, sie macht exakt das, was das Land braucht“.

Kennedy ist Steuerberater, Ex-Präsident der Handelskammer von Wasilla und passionierter Angler. Vor allem aber ist Kennedy ein glühender Verehrer seiner Gouverneurin, die mit etwas Glück in sieben Wochen zur Vizepräsidentin der USA gewählt werden könnte. Genau dazu will der 51-Jährige nach Kräften beitragen. Und deshalb hat Kennedy auch keine Zeit zu verlieren auf seiner Werbetour, die da heißt „Sarahs Welt in 30 Minuten“: Also runter vom Hügel, rein ins Auto, ab zum Sportkomplex, zum Flughafen, zur Mall entlang Parks Highway. Immer vorbei an Sarah Palins Marksteinen, die sie nach sechs Jahren als Bürgermeisterin den 7 000 Einwohnern von Wasilla hinterlassen hat. „Hier war nur ein Haufen Schutt“, sagt Kennedy, während am Fenster Supermärkte, Baumärkte und Lagerhallen vorbeifliegen. „Und jetzt – das“, sagt Kennedy und für einen Moment bekommt seine drängende Stimme etwas Erhabenes.

Als Bürgermeisterin von Wasilla fegte Sarah Palin durch den Ort wie ein Wirbelsturm. Während sie von 1996 bis 2002 den Flecken in Alaska regierte, wurden Baugenehmigungen unterschrieben, Spatenstiche gefeiert, Steuern abgeschafft. Und: Sarah Palin war eine Politikerin im Glück. Projekte, die Jahre zuvor angeschoben worden waren, kamen während ihrer Amtszeit zur Reife. Wasilla explodierte wirtschaftlich – und die „Hockey-Mom“, die sich nun anschickt nach den Sternen in Washington zu greifen, war das Gesicht dazu. „Sie schoss mitten durch die Hierarchien“, erinnert sich Kennedy, den sie als Kammerpräsident regelmäßig um Rat fragte. „Auf dem Weg ins Bürgermeisteramt kam sie oft bei mir vorbei und wollte wissen, was sie als nächstes tun könnte“. Einmal sagte Kennedy: „Schaff doch die 25-Dollar-Gebühr für eine Geschäftslizenz ab“. Oder: „Senke die Eigentumssteuer“. Und genau das tat Palin dann. Und trat dabei Demokraten wie Republikanern kräftig auf die Füße.

Dass sie mit ihrem Aktivismus da und dort über das Ziel hinausgeschossen sein könnte ist gut möglich. Palins Nachfolgerin im Bürgermeisteramt, Dianne Keller, gibt sich diplomatisch: „Wir müssen darauf achten, dass die Gemeinde ihr Zusammengehörigkeitsgefühl nicht verliert“, sagt Keller, die wie Palin Republikanerin ist. Oder mit anderen Worten: Das zügellose Wachstum des Städtchens Wasilla, das heute weder Anfang, Ende noch ein wirkliches Zentrum besitzt, ist nicht nach jedermanns Geschmack. Und manchem ging das alles dann doch etwas zu schnell.

Im Ergebnis jedoch wird Sarah Palin aber immer noch dafür geliebt, dass sie Wasilla auf den Kopf stellte. Denn Palin, damals gerade mal in ihren 30ern, entsprach mit ihrer Art so wunderbar dem Mythos Alaskas: Sei unabhängig, furchtlos und scheue kein Risiko. Lebe frei und möglichst ohne staatliche Regeln. Deshalb gibt es diese 670 000 Menschen ja überhaupt auf der eisigen Scholle nördlich von Kanada und östlich der Beringstrasse. Weil sie noch einmal jenes amerikanische Pionierleben führen möchten, das im Rest der USA schon längst unter der Zivilisation begraben ist. Das zumindest ist es, was die Menschen aus Alaska gerne glauben und über sich erzählen. Etwa, wenn sie von Landsleuten aus den „Lower 48“ gefragt werden, warum in aller Welt sie hier oben ihr Dasein fristen. Dann wird der Mythos des 49. Bundesstaates ausgekramt, auch wenn die übergroße Mehrheit der Bewohner in Alaska inzwischen so lebt, wie in irgendeinem beliebigen Vorort einer amerikanischen Großstadt.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Amerikas neuer Kurs

Obamas Angriff auf die Lehrerlobby  Artikel in Merkliste

Der designierte US-Bildungsminister Arne Duncan hat 2001 erfolgreich einen Reformprozess an den Schulen Chicagos eingeleitet. Foto: ap

Barack Obama und sein künftiger Bildungsminister Arne Duncan teilen nicht nur die Leidenschaft für Basketball - sie sind beide auch überzeugt davon, das Bildung das Kernstück jeder langfristigen Politik ist. Der letzte Teil der Handelsblatt-Serie „Amerikas neuer Kurs“ erklärt, wie der studierte Soziologe Duncan, der selbst nie Lehrer war, die US-Schulen auf Vordermann bringen will. Artikel


Obama stellt Finanzaufsicht auf den Kopf  Artikel in Merkliste

Barack Obama will den Finanzsektor regulieren - mit drastischen Maßnahmen. Foto: AP

Amerikanische Banken, die Unterstützung vom Staat wollen, müssen in Zukunft mit strengen Regeln rechnen. Und das ist nicht alles. Der neue US-Präsident hat versprochen, hart durchzugreifen – und er will Wort halten. Mit welchen Schritten Barack Obama den Finanzsektor reguliert. Artikel


Wird Amerika zur grünen Nation?  Artikel in Merkliste

Energieparks wie dieser in Kalifornien sollen bis 2025 rund ein Viertel des US-Energieverbrauchs decken. Foto: Reuters

Spritfresser, Klimaanlagen, Kühlschränke so groß wie Kleiderschränke. In Energiefragen waren die Amerikaner lange alles andere als vorbildlich. Der neue Präsident Barack Obama will das ändern und einen neuen Kurs in der Energiepolitik einschlagen. In Zeiten der Rezession plant er die grüne Revolution. Artikel


Obamas Welt ist ein Puzzle für Giganten  Artikel in Merkliste

Barack Obama: Iran als "größte Herausforderung". Foto: dpa

Der künftige US-Präsident geht die Krisen in aller Welt systematisch an - und setzt auf Realpolitiker, viele davon mit Erfahrung aus der Clinton-Zeit. Für viele eher linke Demokraten hat Obama ein sehr konservatives Team um sich geschart. Artikel


Obamas großes Experiment  Artikel in Merkliste

Vieles wird davon abhängen, ob Barack Obama die neue Wirtschaftspolitik kommunizieren kann. Foto: Reuters

Wie lässt sich die Talfahrt der US-Wirtschaft stoppen? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, wird die Hauptaufgabe des neuen Präsidenten Barack Obama sein, der am 20. Januar die Nachfolge von George W. Bush antritt. Wie sich der neue Präsident mit innovativer Wirtschaftspolitik gegen die Krise stemmen will. Artikel


Rückblick auf die US-Wahl 2008

Die Börsenbilanz der US-Präsidenten 

Eine Infografik zur Entwicklung des S&P 500 Index

Auf Barack Obama lastet ein enormer Erwartungsdruck. Auch die Anleger an den Aktienmärkten bauen nach dem katastrophalen Börsenjahr 2008 auf schnelle Impulse durch den neuen US-Präsidenten. Am Ergebnis seines Vorgängers sollte sich Obama aber nicht orientieren: In acht Jahren unter George W. Bush hat der S&P 500 Index rund 35 Prozent an Wert verloren. Aber wie sieht eigentlich die Bilanz der vorherigen Präsidenten aus? Ein Überblick. Infografik


Finanzkrise setzt Obama unter Druck  Artikel in Merkliste

Alle warten gespannt auf Obamas Antworten auf die Finanzkrise. Foto: ap

Die EU-Staats- und Regierungschefs beraten an diesem Freitag in Brüssel über die Finanzkrise. Auf dem Treffen soll der Weltfinanzgipfel in der kommenden Woche vorbereitet werden. Das setzt auch Barack Obama unter gewaltigen Zeitdruck. Seine Pläne für eine Regulierung der Märkte sind noch vage. Doch die Vorstöße der Europäer dürften ihm zu weit gehen. Artikel


Obama – ein Erster unter vielen 

Auf dem Weg zu seiner Siegesrede: Der neue US-Präsident Barack Obama. Foto: Reuters

Barack Obama wird als erster schwarzer Präsident in das Weiße Haus einziehen. Doch Obama ist beileibe nicht der Erste, der als Erster ein fulminantes erstes Mal feiert. Wer die Vorreiter sind. Bildergalerie


Fromme Wünsche: Die Welt gratuliert Obama 

Soll vor allem die transatlantischen Beziehungen wiederbeleben: Barack Obama nach seinem Wahlsieg. Foto: Reuters

Politiker aus aller Welt haben dem designierten US-Präsidenten Barack Obama kurz nach dessen Wahlsieg zum Teil überschwänglich gratuliert – und ihm auch gleich ein paar Forderungen mit auf den Weg gegeben. Bildergalerie


Das „System Obama“: Cool und authentisch  Artikel in Merkliste

Auftritt vor hundertausenden Anhängern: Barack Obama hält seine Siegesrede. Foto: Reuters

Barack Obama hat mit einem fast perfekten Wahlkampf das Rennen gegen Hillary Clinton und John McCain entschieden – und erlaubt Einblicke, wie er Amerika führen wird. Artikel


Ein Land im Taumel: So sehen Sieger aus 

Die Fans von barack Obama haben grund zum Jubeln. Foto: Reuters

Der 44. Präsident der USA heißt Barack Obama. Wildfremde Menschen fielen sich deswegen auf Plätzen und Straßen in die Arme, andere begannen zu tanzen, wieder andere schwenkten die amerikanische Flagge – viele weinten vor Freude und Rührung. Auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson konnte inmitten der feiernden Anhängerschar Obamas im Grant Park in Chicago die Tränen nicht zurückhalten. Bildergalerie