Erik selbst kann seine Einsamkeit kaum ertragen, die ihn nach dem Tod des Vaters besonders belastet. Im Grunde will uns Hustvedt mitteilen, dass wir die Menschen, die uns umgeben, nicht kennen. Diese Erinnerungsarbeit untermauert sie durch neue Ergebnisse der Hirnforschung und Neurowissenschaften. An manchen Stellen ist das permanente Kreisen um die Erinnerung aufdringlich, besonders wenn die Autorin der Hauptfigur Erik die Position des erzählerischen Analytikers zuweist, der die Geschichten seiner Familienangehörigen psychoanalytisch kommentiert und wertet.
Spannend wird es, wenn es um die konkreten Ereignisse geht, die die Familie prägten: Die Kriegserlebnisse des Vaters im Zweiten Weltkrieg, die ihn zu einem anderen Menschen machten, oder der Börsencrash von 1929, in dessen Folge der Großvater das Farmland verlor, der aber auch den Weg frei machte für die akademische Ausbildung des Sohnes, der gezwungen war, sich beruflich anders zu orientieren. Die fast wörtlich übernommenen Erinnerungsnotizen von Hustvedts eigenem Vaters zeigen, wie sehr die USA von ihren Einwanderern geprägt wurden; diese lebten oft unter ärmlichen Bedingungen und konnten keineswegs immer den amerikanischen Traum von Wohlstand und Glück wahr machen.
Von New York nach Texas führt die preisgekrönte Verfilmung von Cormac McCarthys Roman „Kein Land für alte Männer“, die in Deutschland unter dem englischen Titel „No Country for Old Men“ in die Kinos kam. Wer den Film gesehen hat, der mit vier Oscars ausgezeichnet wurde, meint, das Drehbuch vor sich zu haben, so eng haben sich die Regisseure an die dialoglastige Vorlage des Romanciers gehalten.
Der Inhalt ist schnell erzählt: Vietnamveteran Llewellyn Moss findet 2,4 Millionen Dollar Drogengeld und wird daraufhin von Berufskiller Anton Chigurh gejagt. Der tötet gefühlskalt und mit mechanischer Präzision jeden, der sich ihm in den Weg stellt. Anders als in dem Film kann man sich beim Lesen besser auf die kulturpessimistischen Monologe des alten Sheriffs einlassen, der das alte Amerika und die Sehnsucht nach Recht und Ordnung verkörpert, jetzt aber sein eigenes Land für verloren hält. „Die Leute sagen immer, Vietnam hätte dieses Land vor die Hunde gebracht. Aber ich hab’ das nie geglaubt. Es war schon immer in schlechter Verfassung“, lässt der 75-jährige Schriftsteller den Sheriff sagen. „Es fängt damit an, dass man schlechte Manieren übersieht ... Und irgendwann geht die kaufmännische Moral derart vor die Hunde, dass draußen in der Wüste Leute tot in ihren Fahrzeugen sitzen, aber dann ist es zu spät.“
Thomas Pynchons 1 500 Seiten starkes Opus magnum „Gegen den Tag“ liest sich dagegen wie ein Gegenentwurf zu McCarthys sprachlicher Strenge. Gerade ist das überbordene Werk auf Deutsch erschienen, das seine Leser auffordert, sich auf neue Wörter einzulassen, aber auch auf neue Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind. Pynchon führt uns in einem weiten Bogen von der Weltausstellung in Chicago 1893 über Colorado und New York, Paris, London, Göttingen und Venedig zum Ersten Weltkrieg.
Der geheimnisvolle Kultautor, von dem kein aktuelles Bild existiert, zeigt uns eine Welt aus ungezügelter kapitalistischer Gier und beschreibt liebevoll Anarchisten und Gewerkschaftsführer, die sich dem entgegenstellen. Es ist die Zeit technischer Erfindungen und gigantischer Investitionen, die Männer in den Reichtum, aber auch in ihr Unglück trieben. Das Buch ist eine Fundgrube für alle, die in Pynchons Vergangenheitspanoptikum Parallelen zur Gegenwart suchen.
SIRI HUSTVEDT:
Die Leiden eines Amerikaners
Rowohlt, Reinbek 2008
416 Seiten, 19,90 Euro
CORMAC MCCARTHY:
Kein Land für alte Männer
Rowohlt, Reinbek 2008
288 Seiten, 19,90 Euro
THOMAS PYNCHON:
Gegen den Tag
Rowohlt, Reinbek 2008
1 600 Seiten, 29,90 Euro
PHILIP ROTH:
Exit Ghost
Hanser, München 2008
297 Seiten, 19,90 Euro
