Wenn im November die US-Präsidentschaftswahlen anstehen, hat der Demokrat Barrack Obama realistische Chancen, ins Weiße Haus einzuziehen. Damit wäre er nicht nur der erste Afro-Amerikaner in diesem Amt, sondern auch der erste Präsident, dessen Vergangenheit eng mit den Straßen der Chicagoer Southside verknüpft ist - und damit mit der harten Realität der USA. Eine Spurensuche, wie Obamas Karriere begann.
CHICAGO. Wer nichts Anderes findet, der landet hier: Altgeld Gardens, 20 Meilen südlich vom eleganten Zentrum Chicagos, mitten drin in der berüchtigten Southside. Eine Wohnsiedlung für jene, die pro Monat nicht mehr als 50 Dollar für die Miete aufbringen können. Altgeld Gardens ist grau und trostlos - und gefährlich. Jedes mal wenn die Temperaturen steigen, explodiert die Kriminalstatistik. Dann nehmen Drogen, Schlägereien, Schüsse aus fahrenden Wagen, Raub und Mord sprunghaft zu.
In diese Realität taucht Barack Obama ein, als er 1985 noch ziemlich frisch von der Uni nach Chicago zieht. Und die Erfahrungen von Altgeld, von der Southside prägen ihn. Wo immer der demokratische Präsidentschaftskandidat in den letzten Monaten Reden hielt sprach er von seiner Zeit als "Community Organizer", davon, dass er Amerika aus ganz anderer Perspektive gesehen hat als die meisten anderen Bewerber: von unten. Sollte Obama am 4. November die Wahlen gewinnen, würde nicht nur erstmals ein Afro-Amerikaner ins Weiße Haus einziehen. Erstmals wieder würde ein Politiker Präsident der USA, der die Härten des einfachen Lebens kennt - und die Tricks, um in einer Stadt wie Chicago nicht unterzugehen.
Allerdings: Auch Obama konnte die Realitäten wenig ändern. "Ich habe große Anerkennung dafür was er hier getan hat", sagt Cheryl Johnson über Obama. "Aber die Probleme sind geblieben". Die 47-Jährige Schwarze arbeitet in der Umweltschutzorganisation "People for Community Recovery". Sie hat ihren Schreibtisch in genau jener Baracke, in der Barack Obama damals seinen Job antrat. Was Cheryl tut, tut sie für sich. Cheryl verdient keinen einzigen Dollar, sie bekommt nicht einmal ein kostenloses lunch. Sie sitzt viele Stunden täglich vor dem Telefon und dem Computer, weil das schon ihre Mutter Hazel so gemacht hat und weil sie es wichtig findet. Wenn die Nachbarn mit ihren Problemen zu ihr kommen, dann versucht sie zu helfen. Dann schreiben sie vielleicht gemeinsam einen Brief an eine Behörde in Chicago oder sie suchen eine Telefonnummer heraus. Und manchmal schimpfen sie auch über die Ungerechtigkeiten des Lebens. Aber was Hazel und Cheryl Johnson mit ihrer kleinen NGO schaffen sind immerhin ein paar Quadratmeter Normalität inmitten eines täglichen Irrsinns.
Der ist schon vor der Tür zu besichtigen. "Noone?s Laundromat" ist ein paar Schritte weiter an einer Hausmauer zu lesen. Irgendwann einmal muss der Schriftzug ein kräftiges blau gewesen sein. Jetzt verflüchtigt er sich in blassblau und weiß. Vor der Eingangstür zum Waschsalon sind die Gitter herunter gelassen. Daneben, im Halbschatten der Baracke, sind Jugendliche zu sehen. Sie sitzen und schauen. Schauen auf einen tristen Parkplatz, auf einen verlassenen Supermarkt der einmal "Garden Food Place" hieß und auf das Verwaltungsgebäude von Altgeld Gardens.
Das ist rötlich-braun und man kann lesen, dass es 1944 gebaut wurde. 1944: Der Krieg in Europa sollte bald zu Ende gehen und für die zurückkehrenden Soldaten musste Platz geschaffen werden. Also wurde Altgeld Gardens für die GI?s - ausnahmslos Schwarze - erweitert. Zuvor schon waren dort Appartements gebaut worden für die Niedriglohn-Arbeiter in den umliegenden Fabriken. Der Standort hätte schlechter kaum sein können: In der Nähe sind eine Müllkippe, eine stinkende Abwasseranlage und eine Lackiererei. Als Obama Mitte der 80er Jahre nach Altgeld kam, sollte er dafür sorgen, dass die Toiletten repariert werden, dass die Heizung funktioniert und dass zerbrochene Fensterscheiben ersetzt werden. In Altgeld, wo es nie genug Jobs gab und heute die Arbeitslosenrate bei 86 Prozent liegt, sah der Gemeindearbeiter Obama die andere Seite der amerikanischen Gesellschaft.
Jerry Kellman, weißer Sozialarbeiter in Chicago, hatte ihn damals als Direktor für das Developing Communities Project (DCP) angeheuert. Für einen Job, bei dem man sich um acht Gemeinden im Süden von Chicago kümmern musste und der zunächst nur 13 000 Dollar Jahresgehalt einbrachte. Kellman suchte in Chicago dringend nach Verstärkung - und Obama fand zunehmend weniger Freude an seiner Arbeit als Reporter für eine New Yorker Handelszeitung. Der 23-Jährige war auf der Suche nach seinen Wurzeln, trug sich mit dem Gedanken, Schriftsteller zu werden, wollte aber auch das "schwarze Amerika" erleben. Als er Kellmans Anzeige las, meldete er sich - und Jerry Kellman reiste nach New York, um in einem Coffeeshop in Midtown Manhatten Barack Obama kennen zu lernen. Die Aussicht, nach Chicago zu ziehen faszinierte Obama aber auch noch aus einem anderen Grund: Mit Harold Washington hatte dort zwei Jahre zuvor erstmals ein schwarzer Politiker das Bürgermeisteramt erobert. Bei diesem Aufbruch wollte Obama dabei sein.
"Als Barack hier her nach Chicago kam, war er ziemlich idealistisch", erinnert sich Kellman heute. "Als er ging war er pragmatisch". Tatsächlich erlebte Obama an der Southside seinen ersten echten Kontakt mit der afro-amerikanischen Wirklichkeit in den USA. "Er hat hier seine schwarze Identität entwickelt", sagt Kellman. In Hawaii, Indonesien, Los Angeles und New York führte Obama das Leben eines Weißen. "An der Uni interessierten ihn vor allem die internationalen Studenten", sagt Kellman. Was Schwarzsein in den USA bedeutet erfuhr er in Chicago. "Er war zu jung, um noch bewusst die Bürgerrechtsbewegung erlebt zu haben - und nirgendwo anders als hier konnte er dichter dran sein."
Als Kellman schließlich Obama dem Vorstand seines Vereins als neuen Direktor präsentierte hatte der zuvor gerade vier andere Kandidaten abgelehnt. Die Lehrerin Loretta Augustine-Herron war damals dabei und erinnert sich, als Obama vor dem Gremium Platz nahm. "Er war so jung", sagt sie noch immer so, als habe sie Obama gerade gestern kennengelernt. "Alle anderen im Raum waren mindestens 15 Jahre älter, aber Obama schien das nicht zu stören". Der Absolvent mit dem noch ziemlich frischen Politik-Diplom machte Eindruck. Er wirkte kompetent, selbstbewusst und muss bereits gespürt haben, dass es sich mit seinem größten Pfund gut wuchern ließ: Obama konnte begeistern. Schon damals schaffte es der Sohn einer Frau aus Kansas und eines Mannes aus Kenia, andere mit zu ziehen. "Empowerment" schwärmt Loretta von dieser Fähigkeit noch immer. "Wenn er ein Training über Schulreform, Gesundheit oder Umweltschutz abhielt, dann wollte ich das hören", sagt sie. Seine Botschaft: "Alles was Ihr tut müsst Ihr für Euch tun". Jerry Kellman sieht genau darin einen Grundton von Obama Lebensphilosophie: "So wie er damals als Community Organizer arbeitete, so hat er jetzt auch seine Präsidentschaftskampagne aufgebaut: von unten. Das ist ein Spiegelbild".
Knapp vier Jahre hielt es Obama als Sozialarbeiter im Süden Chicagos. Jahre, in denen er einige Monate in Altgeld Gardens arbeitete, dabei mithalf, dass die Stadt die mit Asbest verseuchten Wohnungen sanierte, in denen er Leute und Organisationen zusammenbrachte und daraus eine Kraft schmiedete. Jahre, die ihn prägten, die er aber auch politisch nutzte. Hat Obama den Exkurs in die Armenviertel Chicagos aus Kalkül unternommen, um dereinst damit für sich werben zu können? Jerry Kellman zieht die Augenbrauen hoch: "Barack ist eine Person, keine Maschine", kontert er die Frage leicht irritiert. Aber Kellman sagt auch: "Am Ende war diese Arena hier zu klein für ihn". Oder mit Loretta Augustine-Herrons Worten: "Wenn Du nicht mit am Tisch sitzt, dann bist Du auch nicht bei den Entscheidungen dabei".
Bevor Obama die Southside verließ, suchte er bei Loretta zu Hause Rat. Obama schätzte die Meinung der 18 Jahre älteren Frau, die ihn während der schwierigen Jahre in der Southside stets so fürsorglich begleitet hatte. Jahre später sollte sie sogar als Vorbild für jene "Angela" dienen, die in Obamas Buch "Dreams From My Father" eine wichtige Rolle spielt. Wie so oft zuvor verzogen sie sich in Lorettas kleine Küche und dann sprachen sie über die Arbeit in der Community, über die Schwierigkeiten, etwas zu verändern, "über die Wände gegen die wir immer wieder rannten". Obama wusste schon lange, dass die Southside nur eine Zwischenstation sein würde. Aber um tatsächlich zu den Entscheidern zu gehören brauchte er eine bessere, eine exzellente Ausbildung. Und die gab es an der Harvard Law School. Als er sich schließlich aufmachte, um an der besten Adresse in den USA Jura zu studieren, machte Loretta dem jungen Barack Mut. Und sieht sich darin heute bestätigt: "So viele Menschen blicken nicht mehr zurück, wenn sie einmal Karriere gemacht haben - nicht aber Barack".
Nach den Lehrjahren in Altgeld, Riverdale und Roseland reizte Obama an Harvard aber auch die intellektuelle Herausforderung. "Wer deshalb heute behauptet, er habe keine Substanz, der erzählt Unsinn", echauffiert sich Loretta. "Barack ist ehrlich, er schießt nicht aus der Hüfte", sagt sie. Wenn die 65-Jährige Afro-Amerikanerin an ihrem Wohnzimmertisch sitzt und von Obama erzählt, dann spürt man am Stolz, mit dem sie über ihn redet, dass Obama für sie fast so etwas wie ein eigener Sohn ist. "Als er Michelle heiratete kam er während der Feier zu uns an den Tisch und fragte, ob wir noch Wünsche hätten", erinnert sie sich. Loretta habe da im Scherz geantwortet: "Ja, wenn Du mal Präsident wirst, dann musst Du uns zu einem der Bälle anlässlich Deiner Amtseinführung einladen". Die Runde amüsierte sich köstlich über diese Bemerkung. Obama lachte mit.
Ehrlich sein, anständig bleiben - aber wie in einer Stadt wie Chicago? Als Obama 1991 mit seinem Doktortitel in der Tasche ("magna cum laude") aus Harvard an die Stadt am Lake Michigan zurück kommt, wartet eine veränderte Stadt auf ihn. Seit dem plötzlichen Tod von Harold Washington hatte wieder die "Daley-Machine" das Ruder übernommen. Nach dem Vater lenkte nun der Sohn Richard M. Daley die Geschicke Chicagos - bis heute. "Gegen die Daleys geht in Chicago nichts", sagt ein langjähriger Beobachter. "Pay to play", zahlen um mitzumachen, so laute der Türöffner für eine Karriere in der Stadt Al Capones.
Aber nicht jeder beherrscht dieses Handwerk. Ex-Gouverneur George Ryan etwa, der verurteilt wegen Korruption seit letztem Jahr eine mehr als sechsjährige Gefängnisstrafe absitzt. Oder dessen Nachfolger Rod Blagojevich, um dessen Hals sich derzeit ebenfalls die Korruptionsschlinge zuzieht. Der Sumpf reicht so tief, dass seit mehreren Jahren der Bundesstaatsanwalt Patrick Fitzgerald ermittelt. "Warum wohl hat man jemanden von außen hierhergebracht, um zu recherchieren", fragt rein rhetorisch John Kass, langjähriger investigativer Reporter bei der "Chicago Tribune". Dass sich Obama irgendwie mit den Chicagoer Verhältnissen arrangiert hat steht für Kass deshalb fest. Die Frage ist nur: Wie sehr?
Glaubt man Judd Miner von der Anwaltskanzlei Miner, Barnhill & Galland, dann hat Barack Obama in Chicago vor allem sein eigenes Ding gemacht. In jener Stadt, die eigentlich nur eine Parteifarbe kennt, nämlich das Blau der Demokraten, setzte Obama nicht auf andere. "Um zu bekommen was er wollte, verließ er sich nicht auf die demokratische Parteiorganisation", sagt der heute 67-Jährige. Miner gehört zum liberalen jüdischen Establishment von Chicago. Und es macht ihm sichtlich Spaß über Obama zu sprechen, den er nur mit seinem Vornamen Barack nennt. Miner lehnt sich in den Sessel hinter seinem Schreibtisch zurück und lässt noch einmal Revue passieren, wie der junge Obama da vor ihm saß. "Er hatte so viele Fragen", erinnert sich Miner. "Aber gleichzeitig schien er mit sich und seiner Person völlig im Reinen zu sein".
Miner war auf Barack Obama durch einen Zeitungsartikel aufmerksam geworden. Als erster schwarzer Chefredakteur des renommierten "Harvard Law Review" hatte es Obama zu einiger Prominenz in der Branche gebracht. Als Miner in Harvard anrief, um mit Obama zu sprechen, musste er sich in eine lange Schlange einreihen. Kolportiert wird die Geschichte so: "Sie haben die Nummer 647" sei er von der Vorzimmerdame des Chefredakteurs ziemlich nüchtern beschieden worden. "Sie werden zurückgerufen". Das tat Obama auch - und heuerte einige Zeit später bei Judd Miner an. Dessen Kanzlei hatte nicht nur einen guten Ruf und zahlreiche Absolventen von Yale und Harvard auf der Gehaltsliste. Vor allem: Miner war einst Rechtsberater von eben jenem ersten schwarzen Chicagoer Bürgermeister Harold Washington, den Obama so verehrt hatte. Zudem machte die Kanzlei genau das, was Obama interessierte: Sie kämpfte gegen Diskriminierungen von Schwarzen und kümmerte sich um Wahlrechte für Minderheiten. Gleichzeitig öffnete sich mit Obamas Einstieg bei Judd Miner die Tür zum politischen Establishment von Chicago.
"Dass sich die Dinge später für Obama so günstig ergeben haben, ja, das war auch ein Stück Glück", sagt Miner. Glück, aber zuweilen auch ziemlich abgebrühte Taktik: Seine gefährlichste Gegnerin 1996 im Rennen um das Amt des Senators von Illinois, Alice Palmer, zwang er mit juristischen Mitteln zur Aufgabe. Obama zweifelte an, dass seine Konkurrentin die nötigen Unterschriften für ihre Kandidatur rechtmäßig gesammelt hatte - und die Strategie ging auf. Als Obama 2004 Bundessenator in Washington werden wollte, kam das Glück sogar von ganz allein. Sein republikanischer Gegenkandidat Jack Ryan stolperte über einen Sexskandal. Dessen Ersatz, Alan Keyes, disqualifizierte sich völlig, als er Obama unterstellte, kein Christ zu sein. Ohne viel Mühe eroberte Obama in 2004 schließlich den Senatssitz, den er bis heute hält. John Kass ätzt deshalb: "Obama wurde noch nie richtig herausgefordert". Judd Miner aber sagt: "Obama hat einfach einen ziemlich guten Instinkt."
Den hatte er vor allem am 2. Oktober 2002 bewiesen. Marilyn Katz, damals wie heute eine engagierte Antikriegs-Aktivisten, hatte jene Veranstaltung organisiert, auf der Obama seine Rede gegen den heraufziehenden Krieg gegen den Irak halten sollte. "Sie müssen sich die aufgeheizte Atmosphäre vorstellen", sagt sie in ihrem Büro, gerade einen Steinwurf von Judd Miners Kanzlei entfernt. "Bush hatte 87 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung". So kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 "konnte keiner etwas gegen den Krieg sagen". Obama aber habe nicht herumgeredet, sagt Katz, die heute eine renommierte PR-Agentur leitet und an deren Bürowand mindestens ein Dutzend Obama-Bilder kleben. "Ich bin nicht gegen jeden Krieg, aber ich bin gegen dumme Kriege", erklärte Obama an diesem Oktobertag zu genau jener Stunde, als sich in Washington Präsident George W. Bush und der Kongress auf eine Resolution einigten, die den Weg für die Irak-Invasion freimachte. Die Rede auf dem Federal Plaza in Downtown Chicago sollte später zu einem Kernstück seiner Präsidentschaftskampagne werden.
Auch wenn das kritische Wort des Senators von Illinois zunächst kaum wahr genommen wurde. Doch für seine Unterstützer ist es Beweis für dessen Seriosität genug: "Er ist kein Leichtgewicht" sagt Katz über Obama. "Er hat ein klar geerdetes Wertesystem". Und genau so, ausgerichtet auf diesen Kompass, habe schließlich auch sein Team funktioniert. "Die blieben auch dann noch ziemlich souverän, als es zeitweise nicht so gut lief", erinnert sich Katz an manche Nervosität seiner Anhänger in den letzten Wochen und Monaten. Der Schlüssel dazu sei Obama selbst. "Er kann viele Meinungen auf einen Nenner bringen", sagt Marilyn Katz. Und damit sagt sie genau das, was mehr als zwanzig Jahre zuvor schon Loretta Augustine-Herron an Obamas Technik der Sozialarbeit in der Southside so sehr fasziniert hatte. "Obama kam meist mit einem Klemmbrett zu uns herein und hat erst mal aufgeschrieben, was jeder wollte und wusste. Und dann hat er daraus eine Strategie gemacht".
Hintergrund: Die Stadt Chicago
Einst war Chicago die Stadt der Prohibition, die Stadt des Gangsterbarons Al Capone und die Stadt mit den schrecklichsten Schlachthöfen. Chicago war berühmt für Korruption und für Hinterzimmerpolitik. Diese Einschätzung galt dabei nicht nur für die 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Verbot des Alkoholverkaufs die Korruption regelrecht antrieb. Bis heute kämpft die inzwischen in der City so elegante Großstadt mit dem Ruf, nach völlig eigenen Gesetzen zu funktionieren.
Wesentlichen Anteil daran hat die Dynastie der Daleys. Richard J. Daley und dessen Sohn Richard M. Daley regieren als Bürgermeister zusammen genommen bereits 40 Jahre die Metropole im Mittleren Westen. Politik wurde dabei in Chicago auch immer schon nach Opportunität betrieben, etwa als Richard J. Daley dereinst dafür sorgte, dass John F. Kennedy die nötigen Stimmen für seine Wahl zum Präsidenten erhalten würde. Heute gibt sich Bürgermeister Richard M. Daley modern und aufgeschlossen. Er will die Sommerolympiade 2016 nach Chicago holen und hat seine Stadt dabei schon unter die letzten vier gebracht.
Barack Obamas Interesse an Chicago weckten jedoch nicht die Daleys, sondern ein anderer Bürgermeister: Harold Washington. Der erste und bislang einzige schwarze Stadtchef hatte ehrgeizige Reformpläne, sah sich aber einem permanenten Streit im Rat ausgesetzt. Vorurteile gegen Afro-Amerikaner brachen auf, gleichzeitig schlitterte die Stadt in den wirtschaftlichen Niedergang. Dennoch schaffte Washington 1987 die Wiederwahl, starb allerdings kurz darauf.

