Den hatte er vor allem am 2. Oktober 2002 bewiesen. Marilyn Katz, damals wie heute eine engagierte Antikriegs-Aktivisten, hatte jene Veranstaltung organisiert, auf der Obama seine Rede gegen den heraufziehenden Krieg gegen den Irak halten sollte. "Sie müssen sich die aufgeheizte Atmosphäre vorstellen", sagt sie in ihrem Büro, gerade einen Steinwurf von Judd Miners Kanzlei entfernt. "Bush hatte 87 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung". So kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 "konnte keiner etwas gegen den Krieg sagen". Obama aber habe nicht herumgeredet, sagt Katz, die heute eine renommierte PR-Agentur leitet und an deren Bürowand mindestens ein Dutzend Obama-Bilder kleben. "Ich bin nicht gegen jeden Krieg, aber ich bin gegen dumme Kriege", erklärte Obama an diesem Oktobertag zu genau jener Stunde, als sich in Washington Präsident George W. Bush und der Kongress auf eine Resolution einigten, die den Weg für die Irak-Invasion freimachte. Die Rede auf dem Federal Plaza in Downtown Chicago sollte später zu einem Kernstück seiner Präsidentschaftskampagne werden.
Auch wenn das kritische Wort des Senators von Illinois zunächst kaum wahr genommen wurde. Doch für seine Unterstützer ist es Beweis für dessen Seriosität genug: "Er ist kein Leichtgewicht" sagt Katz über Obama. "Er hat ein klar geerdetes Wertesystem". Und genau so, ausgerichtet auf diesen Kompass, habe schließlich auch sein Team funktioniert. "Die blieben auch dann noch ziemlich souverän, als es zeitweise nicht so gut lief", erinnert sich Katz an manche Nervosität seiner Anhänger in den letzten Wochen und Monaten. Der Schlüssel dazu sei Obama selbst. "Er kann viele Meinungen auf einen Nenner bringen", sagt Marilyn Katz. Und damit sagt sie genau das, was mehr als zwanzig Jahre zuvor schon Loretta Augustine-Herron an Obamas Technik der Sozialarbeit in der Southside so sehr fasziniert hatte. "Obama kam meist mit einem Klemmbrett zu uns herein und hat erst mal aufgeschrieben, was jeder wollte und wusste. Und dann hat er daraus eine Strategie gemacht".
Hintergrund: Die Stadt Chicago
Einst war Chicago die Stadt der Prohibition, die Stadt des Gangsterbarons Al Capone und die Stadt mit den schrecklichsten Schlachthöfen. Chicago war berühmt für Korruption und für Hinterzimmerpolitik. Diese Einschätzung galt dabei nicht nur für die 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, als das Verbot des Alkoholverkaufs die Korruption regelrecht antrieb. Bis heute kämpft die inzwischen in der City so elegante Großstadt mit dem Ruf, nach völlig eigenen Gesetzen zu funktionieren.
Wesentlichen Anteil daran hat die Dynastie der Daleys. Richard J. Daley und dessen Sohn Richard M. Daley regieren als Bürgermeister zusammen genommen bereits 40 Jahre die Metropole im Mittleren Westen. Politik wurde dabei in Chicago auch immer schon nach Opportunität betrieben, etwa als Richard J. Daley dereinst dafür sorgte, dass John F. Kennedy die nötigen Stimmen für seine Wahl zum Präsidenten erhalten würde. Heute gibt sich Bürgermeister Richard M. Daley modern und aufgeschlossen. Er will die Sommerolympiade 2016 nach Chicago holen und hat seine Stadt dabei schon unter die letzten vier gebracht.
Barack Obamas Interesse an Chicago weckten jedoch nicht die Daleys, sondern ein anderer Bürgermeister: Harold Washington. Der erste und bislang einzige schwarze Stadtchef hatte ehrgeizige Reformpläne, sah sich aber einem permanenten Streit im Rat ausgesetzt. Vorurteile gegen Afro-Amerikaner brachen auf, gleichzeitig schlitterte die Stadt in den wirtschaftlichen Niedergang. Dennoch schaffte Washington 1987 die Wiederwahl, starb allerdings kurz darauf.

