Es ist soweit: Die Sondermaschine mit dem amerikanischen Hoffnungsträger Barack Obama an Bord ist in Berlin gelandet. Doch die Erwartungen an den US-Präsidentschaftsbewerber sind kaum erfüllbar – der seit Wochen diskutierte Obama-Auftritt gilt als Vabanque-Spiel. Aber selten hat ein ausländischer Politiker die Hauptstadt derart elektrisiert.
BERLIN. US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama traf am Donnerstagvormittag in Berlin ein. Seine Sondermaschine landete, aus Israel kommend, auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel. Und noch von anderer Seite gab es gute Neuigkeiten: Die Rede des designierten US-Präsidentschaftskandidaten an der Siegessäule wird laut Wetterdienst am Abend wohl nicht im Regen untergehen. Aufatmen in Baracks Lager.
Der seit Wochen diskutierte Obama-Auftritt in Berlin gilt als Vabanque-Spiel. Um einen guten Eindruck bei den amerikanischen Wählern zu erzeugen, müssen die Bilder, die die US-Fernsehanstalten über den Atlantik senden, stimmen. Dazu gehören harmonische Bilder der politischen Treffen mit der Bundeskanzlerin und dem Bundesaußenminister. Dazu gehört aber auch der Jubel von möglichst vielen Menschen, die Obama sehen wollen. Dies soll überdecken, dass der Amerikaner außenpolitisch im Vergleich zu seinem republikanischen Widersacher John McCain alles andere als erfahren ist.
Um zu verhindern, dass Obama anders als die Loveparade oder die Fußball-Nationalmannschaft die Fanmeile nicht füllen kann, werden deshalb seit Tagen Handzettel verteilt. Plakate werben für den „kostenlosen“ Auftritt, selbst die Berliner SPD fordert dazu auf, zum Obama-Auftritt zu strömen – dabei steht der Amerikaner in Deutschland gar nicht zur Wahl.
Doch selten hat ein ausländischer Politiker die deutsche Hauptstadt derart elektrisiert wie Obama. Obwohl der Senator aus Illinois noch nicht einmal offizieller Kandidat der Demokraten ist, bekommt er wesentlich mehr Aufmerksamkeit als der amtierende Präsident George Bush oder sein Vater je erhalten haben. Die Vergleiche mit John F. Kennedy, der für die Hauptstädter seit seinem Auftritt 1963 mit der Aussage „Ich bin ein Berliner“ zur Polit-Ikone wurde, sind überall greifbar. Mit Missmut verfolgt man in der US-Botschaft, dass sich Deutschland völlig auf den kommenden, wahrscheinlichen Präsidenten ausrichtet.
Deshalb sieht sich mittlerweile auch jeder, der in Deutschland auch nur am Rande mit den USA zu tun hat, genötigt, Stellung zu beziehen. Jedes Steinchen wird umgedreht, um einen Bezug zu Obama zu finden. Welche Blüten die deutsche „Obamania“ treibt, zeigt am besten die „Exklusivmeldung“ des „Zeit“-Magazins, das nun einen deutschen Ururururururgroßvater Obamas ausgemacht haben will, der 1749 nach Amerika ausgewandert sein soll. Obama, so die unterschwellige Botschaft, ist quasi einer „von uns“.
Längst, darüber sind sich in Berlin fast alle einig, sind die Erwartungen an Obamas Rede derart in die Höhe geschnellt, dass sie die Anforderungen kaum noch erfüllen kann. Dennoch mutmaßen deutsche Außenpolitiker bedeutungsschwanger, was er alles sagen soll. Auf ein „Berliner Signal“ hofft etwa Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Allen Ernstes titelt ein Boulevard-Magazin mit der Frage, ob Obama der „Erlöser“ sei. Dabei kommt selbst aus dem Obama-Lager der warnende Hinweis, dass der Kandidaten-Kandidat zwar in Berlin rede, aber die US-Wähler meine.
Der Grund der Obama-Begeisterung ist dabei nicht nur die Erleichterung vieler Deutscher, mit den USA wieder einen anderen Politikertyp als George Bush verbinden zu können. Zumindest in der politischen Führung steckt dahinter auch kühles Kalkül. So wie Obama Berlin als Kulisse für seinen Wahlkampf in den USA braucht, wollen sich viele Bundespolitiker im Lichte des Superstars sonnen, der die Kameras anzieht. So sehr übrigens, dass der FDP-Medienexperte Hans-Joachim Otto schon vor einer Gleichschaltung auch auf deutschen Bildschirmen warnt. Denn nicht nur die Nachrichtensender N-TV, N24 und Phoenix wollen Obamas Auftritt an der Siegessäule live übertragen, sondern auch die ARD – und in Teilen auch das ZDF.
Einer derjenigen, die den Obama-Besuch als Inszenierung eines „Neuanfangs“ der transatlantischen Beziehungen nutzen wollen, ist Frank-Walter Steinmeier (SPD). Denn bisher war der Außenminister in den transatlantischen Beziehungen weitgehend abgemeldet: Bundeskanzlerin Angela Merkel dominierte diese mit ihrer Sonderbeziehung zu US-Präsident Bush und der von ihr angeregten Wirtschaftsinitiative. Der Außenminister stand dagegen als früherer Gefolgsmann Gerhard Schröders seit dem Irak-Krieg in Washington unter einem Generalverdacht.
Aber nun wittern die Steinmeier-Strategen die Chancen, den Vizekanzler im Verhältnis zu den USA neu und besser aufzustellen. So betont der SPD-Politiker demonstrativ, dass er – anders als Merkel – kein Problem damit gehabt hätte, wenn Obama am Brandenburger Tor gesprochen hätte. Das soll Bonus- und Sympathiepunkte beim mutmaßlichen neuen US-Präsidenten sichern.
Im Kanzleramt winkt man jedoch gelassen ab. Am Ende zähle das Amt – deshalb wird die Kanzlerin mit dem US-Präsidenten zu tun haben, egal, wer im November gewählt wird. Tunlichst hält sich Merkel deshalb mit Parteinahme zurück. „Ich freue mich aber auf das Gespräch mit dem Senator“, betont sie auf ihrer Sommer-Pressekonferenz – auf der die meisten Fragen übrigens zu Obama und nicht etwa zu innenpolitischen Streitpunkten kommen. Nur den Obama-Hype, den will sie, ganz kanzlerinnenlike, nicht mitmachen. Auf die Frage, was sie heute um 19 Uhr mache, sagt sie deshalb mit Blick auf ihre Teilnahme an den 97. Bayreuther Festspielen: „Da bin ich hoffentlich schon in Bayreuth.“ Dann schiebt sie nach kurzem Zögern doch noch ein Sätzchen nach: „Vielleicht schalte ich aber auch den Fernsehapparat ein.“

