0 Bewertungen
07.05.2008 
US-Präsidentschaftsvorwahlen

Warten auf den Schlusspfiff

von Markus Ziener

Offiziell eingestehen will sie es noch nicht. Doch Hillary Clinton hat nach dem viel zu knappen Sieg bei den Vorwahlen der Demokraten in Indiana vermutlich erkannt, dass ihr Traum von der Präsidentschaftskandidatur praktisch vorbei ist. Für einen kurzen Moment schimmerte diese Erkenntnis durch, als sie in Indianapolis vor ihre Anhänger trat.

Nicht gerade eine Siegerpose: Hillary Clinton mit Senator Evan Bayh auf der Wahlparty in Indianapolis. Foto: apLupe

Nicht gerade eine Siegerpose: Hillary Clinton mit Senator Evan Bayh auf der Wahlparty in Indianapolis. Foto: ap

WASHINGTON. Der Morgen danach begann wie fast jeder Tag seit Beginn des schier endlosen Wahlmarathons. Um 6:35 Uhr flatterte die übliche E-mail der Clinton-Kampagne in die Inbox der Reporter und erinnerte an die geplanten Auftritte der Kandidatin. Mittags würde Hillary Clinton an der Uni in Shepherdstown in West Virginia über die Wirtschaft sprechen, abends in Washington über die Lage der Frauen. Die Morgenshows der US-Fernsehsender wägten bereits die Chancen von Clinton und Barack Obama ab, in West Virginia, Kentucky oder Oregon zu gewinnen. Alles wie gehabt, seitdem am 3. Januar in Iowa erstmals abgestimmt wurde – aber gleichzeitig war diesmal auch alles anders.

Denn in der Wahlnacht zuvor musste Hillary Clinton erkennen, dass ihr Traum von der Präsidentschaftskandidatur praktisch vorbei war. Viel zu knapp war ihr Sieg in Indiana ausgefallen, viel zu deutlich ihre Niederlage in North Carolina. Der viel beschworene Trendwechsel zu Gunsten von Clinton war ausgeblieben. Mehr noch: Der Abstand in der Zahl der Delegierten zu Obama war sogar noch gewachsen. Schien eine Aufholjagd nach dem Erfolg in Pennsylvania noch möglich, so war dies am Morgen danach nur noch Illusion. Nach diesem Wahltag kann Hillary nicht einmal mehr das ultimative Argument geltend machen, dass sie den Trend auf ihrer Seite hat.


ArtikelInteraktive Grafik mit allen Einzelergebnissen, den Positionen und Biographien der Kandidaten

Für einen kurzen Moment schimmerte diese Erkenntnis durch, als sie in Indiana vor ihre Anhänger trat. „Was auch immer geschieht“, sagte sie da, „ich werde für den Kandidaten der Demokratischen Partei arbeiten“. Erstmals, so schien es, realisiere sie, dass dies tatsächlich so kommen könnte, dass sie, Hillary Rodham Clinton, dieses Rennen verlieren wird. Schon als sie im Murat Center in Indianapolis auf das Podium kletterte, begleitet von ihrem Mann Bill und Tochter Chelsea, wirkte sie zu sehr bedacht, wie eine Siegerin auszusehen. Als hätte sie Minuten zuvor in der Garderobe noch einmal tief Luft geholt und im Spiegel ihr Lächeln geprobt. Getreu dem Motto: Aufgeben ist keine Option – nicht für eine Clinton.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gefangen in diesem Denkmuster bleibt ihr nahezu keine andere Wahl als die letzten Register zu ziehen

Gefangen in diesem Denkmuster bleibt ihr nahezu keine andere Wahl als die letzten Register zu ziehen. Also wirft sie wieder die bislang nicht gezählten Delegierten aus Florida und Michigan ins Gefecht und fordert, dass deren Stimmen gezählt werden. Der Vorschlag ist „tricky“, weil er ziemlich unfair ist. Beide Bundesstaaten wurden von der Partei dafür bestraft, dass sie ihre Wahltermine in den Januar vorverlegten. Sie verloren ihre Wahlmänner, ein Wahlkampf fand nicht statt, Obamas Name stand in Michigan nicht einmal auf dem Wahlzettel. Abgestimmt wurde trotzdem – und Hillary „siegte“ in beiden Geisterwahlen. Sie selbst weiß, dass es absurd ist, diese Wahlen zählen zu lassen. Doch sie kann nicht aus ihrer Haut. Im Moment kann sie nur: Weitermachen.


» US-Wahl 2008: Themen, Termine, Kandidaten


Doch dazu braucht sie Geld. Trifft zu, was Insider berichten, dann hat Clinton erneut ihrer eigenen Kampagne Geld geliehen. In der Wahlnacht war sie schon nach zwei Minuten in ihrer Rede bei diesem Thema angekommen. „Ich hoffe Ihr geht auf meine Website und unterstützt die Kampagne“, bat sie ihre Fans um Spenden. Ein Sieger klingt anders.

Eigentlich müsste Hillary jetzt einen Schritt zurücktreten, auf die letzten Monate blicken und mit sich zu Rate gehen. Doch dazu lässt sie sich keine Zeit. Ihr Berater James Carville wiederholte dieses Clinton-Mantra am Mittwoch noch einmal: „Ein Spiel ist erst dann vorbei, wenn es vorbei ist“. Nur manchmal wird der Schlusspfiff auch überhört.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Kandidat der Demokraten

Barack Obama: der neue Star  Artikel in Merkliste

06.06.2008Barack Obama Foto: Archiv

Barack Obama (47) ist nach John F. Kennedy der jüngste Anwärter aufs Weiße Haus. Noch vor kurzem galt der politische Newcomer vielen als Modeerscheinung. Die „Obamania“, die Begeisterung vor allem unter jungen Amerikanern für ihn, war jedoch von Dauer. Von Obama erhofft sich die Nation Weihe, Waschung und Wunder. Artikel


Kandidat der Republikaner

John McCain: der Veteran  Artikel in Merkliste

06.06.2008John McCain Foto: Reuters

Abgehärtet durch seine Lebenserfahrung präsentiert sich John McCain (72) als einer, der sich in seinem Urteilsvermögen nicht beirren lässt. Sein Trumpf im Duell mit Obama ist die große Erfahrung in der Außen- und Sicherheitspolitik. Doch nicht allen Republikanern ist er der liebste Kandidat. Artikel


Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Die Konkurrenz für Obama und McCain

    Die Konkurrenz für Obama und McCain

    Barak Obama und John McCain – diese Namen kennt mittlerweile jeder. Kein Wunder, denn nie war der Rummel um die US-Präsidentschaftswahl größer. Doch wissen Sie eigentlich, wer sich neben Obama und McCain noch um das höchste Amt der Vereinigten Staaten bewirbt? Bildergalerie 

  • Carly Fiorina: In Silicon Valley gefall...

    Carly Fiorina: In Silicon Valley gefallen, in Washington aufgewacht

    Carly Fiorina war die erste Frau an der Spitze eines Weltkonzerns, jetzt ist sie im Wahlkampfteam von John McCain. Dem attestierte sie bereits, nicht in der Lage zu sein, ein großes Unternehmen zu leiten. Das brachte ihr zwar massiv Kritik ein, aber die Ex-Chefin von H...Bildergalerie 

  • Obama sucht den Vize

    Obama sucht den Vize

    In einem harten Vorwahlkampf hat sich Barack Obama durchgesetzt. Noch in dieser Woche will er nun entscheiden, wer im Falle eines Wahlsiegs als Vizepräsident mit ihm ins Weiße Haus einziehen soll. Die Liste der möglichen Mitstreiter ist lang.Bildergalerie 

vor