Kann ein einzelnes Unternehmen die größte Volkswirtschaft der Welt spürbar beeinflussen? Ja, es kann – wenn es Wal-Mart heißt.
US-Einzelhändler: Der Wal-Mart-Effekt oder: Kleine Preise, große Wirkung
NEW YORK. Der Einzelhändler beschäftigt in den USA 1,3 Millionen Menschen und ist damit wichtigster privater Arbeitgeber des Landes. Das Unternehmen mit Sitz im Provinzstädtchen Bentonville in Arkansas ist für zehn Prozent aller Importe aus China verantwortlich, es bietet die niedrigsten Preise. Wal-Mart verkauft in den USA 20 Prozent aller Lebensmittel und 16 Prozent aller Medikamente. Der Jahresumsatz summiert sich auf 312 Mrd. Dollar – viereinhalbmal so viel wie der größte deutsche Handelskonzern, die Metro AG.
In den USA tobt derzeit eine heftige Debatte über die Konsequenzen, die Wal-Mart für die Wirtschaft des Landes hat. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, mit seinen Niedrigpreisen einen ruinösen Wettbewerb im Einzelhandel in Gang gebracht zu haben und seinen Mitarbeitern nur Hungerlöhne zu zahlen. Wal-Mart-Anhänger halten dagegen, das Unternehmen steigere durch seine Niedrigpreise Kaufkraft und Lebensstandard der Amerikaner.
Inzwischen ist der „Wal-Mart-Effekt“ zum etablierten Forschungsgebiet für US-Ökonomen geworden. Kongresse werden darüber abgehalten, Studien geschrieben. Bei aller Widersprüchlichkeit ihrer Ergebnisse sind sich die Wissenschaftler in einem einig: Durch seine Rolle als Preisführer und seine enorme Marktmacht hat Wal-Marts Preispolitik Folgen für die gesamte US-Wirtschaft. Die Ökonomen Jerry Hausman (Massachusetts Institute of Technology) und Ephraim Leibtag (US-Agrarministerium) ermittelten: Lebensmittel sind in den riesigen Wal-Mart-„Supercentern“ 15 bis 25 Prozent billiger als in einem gewöhnlichen Supermarkt. Bei Kleidung und Hygieneartikeln sind die Preisvorteile noch größer, stellten Volkswirte von UBS und Lehman Brothers fest.
Wegen seiner schieren Größe beeinflusst Wal-Mart mit seinen niedrigen Preisen das gesamtwirtschaftliche Preisniveau in den USA. Laut der bisher ausführlichsten, allerdings nicht unabhängigen Studie des privaten Forschungsinstituts Global Insight im Auftrag von Wal-Mart bremst der Handelsriese die US-Inflation um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte pro Jahr. Dadurch wächst die Kaufkraft der US-Verbraucher, ihre Nachfrage steigt – das stimuliert die gesamtwirtschaftliche Produktion.
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Im Auftrag von Wal-Mart schätzt Global Insight: Wenn es den Handelskonzern nicht gäbe, wäre die US-Wirtschaftsleistung 2004 um 118 Mrd. Dollar oder 0,9 Prozent niedriger gewesen. Eine unabhängige Studie auf gesamtwirtschaftlicher Ebene existiert bislang nicht. Emek Basker, Ökonomie-Professorin an der Universität von Missouri, bestätigt allerdings den Preiseinfluss Wal-Marts auf regionaler Ebene. Basker wertete Preisdaten aus 165 US-Städten aus, in denen Wal-Mart zwischen 1982 und 2002 neue Riesen-Supermärkte – so genannte „Supercenter“ mit durchschnittlich 10 000 Quadratmetern Verkaufsfläche – eröffnete. Nach dem Markteintritt sanken stadtweit die Preise für Shampoo, Jeans und Zahnpasta um acht bis dreizehn Prozent. Vom branchenweiten Einfluss der Wal-Mart-Preise profitieren damit auch Haushalte, die dort nicht einkaufen.
Die beiden Ökonomen Hausman und Leibtag haben zudem versucht, den Wohlfahrtsgewinn für Amerikas Haushalte durch die niedrigen Wal-Mart-Preise zu beziffern – sie schätzen ihn auf rund 20 Prozent der Lebensmittelausgaben eines durchschnittlichen US-Verbrauchers. Für Haushalte mit geringem Einkommen, die beim Einkauf stärker aufs Geld schauen müssen, liege der geldwerte Vorteil noch höher. Ihr Fazit: „Wir halten es für extrem unwahrscheinlich, dass die Expansion der ‚Supercenter' keine signifikanten Vorteile für Verbraucher bringt.“
Allerdings: Diesen Vorteilen stehen massive Nachteile für Konkurrenten und deren Angestellte gegenüber. In Städten, in denen Wal-Mart expandierte, gehen kleine Einzelhändler regelmäßig Bankrott. Selbst landesweite Ketten wie der Billighändler Kmart rutschten in die Insolvenz. Während Wal-Mart jährlich Tausende Mitarbeiter einstellt, gehen bei Rivalen Stellen verloren.
Laut Basker von der Universität Missouri schließen fünf Jahre nach der Eröffnung eines neuen „Supercenters“ im Schnitt vier Geschäfte mit weniger als 20 Mitarbeitern und weniger als ein (0,7) mittelgroßer Händler mit 20 bis 99 Angestellten. Trotzdem ermittelt Basker unterm Strich einen leicht positiven Beschäftigungseffekt aus Daten über Wal-Mart-Eröffnungen und Beschäftigung zwischen 1977 und 1998 in 1750 US-Verwaltungsbezirken. Netto schaffe die Eröffnung eines Wal-Mart-Einkaufszentrums mit 150 bis 350 Jobs nach fünf Jahren im Schnitt 30 neue Arbeitsplätze, errechnet Basker. So viele Jobs bleiben übrig, wenn man die neuen Wal-Mart-Stellen gegen die Beschäftigungsverluste bei der Konkurrenz aufrechnet.
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Ein Forscherteam um den renommierten Arbeitsmarkt-Ökonomen David Neumark kommt allerdings zu einem gegensätzlichen Ergebnis: Demnach vernichtet Wal-Mart unter dem Strich Jobs. Wenn der Handelsriese eine neue Stadt erobere, sinke dort die Beschäftigung im Einzelhandel um zwei bis vier Prozent. Auch die Einkommen der Beschäftigten im Einzelhandel geraten laut dieser Studie unter Druck – im Schnitt um 3,5 Prozent. Alles in allem werten die Autoren ihre Ergebnisse „eher als Bestätigung der Kritiker“. Denn seit Jahren werfen amerikanische Gewerkschafter dem Handelsriesen vor, seine Gewinne auf dem Rücken der Angestellten zu erwirtschaften.
Was wiegt nun schwerer: der Nutzen für die Verbraucher in Form von Wal-Marts Niedrigpreisen oder die ebenso unbestreitbaren Kosten des Strukturwandels, den Wal-Marts Expansion auslöst? Diese Frage in der Kontroverse um den Handelsgiganten können Ökonomen wissenschaftlich kaum beantworten.
Selbst Wal-Mart-Kritiker räumen indessen ein: Ökonomischer Strukturwandel verläuft in den seltensten Fällen reibungslos. Kenneth Stone, Professor der Universität von Iowa, erinnert an den ersten Schock für den ländlichen Einzelhandel in den USA: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts trieben die ersten Versandhändler mit einer breiten Auswahl und günstigen Preisen Tausende Tante-Emma-Läden in der Provinz in die Pleite. Die Verlierer des Strukturwandels empfanden die Entwicklung damals ebenso dramatisch wie heute die Einzelhändler, die von Wal-Marts „Supercentern“ verdrängt werden. Ein Expansionsverbot für Kataloghändler setzte sich vor 100 Jahren aber nicht durch.