„Deutschland sucht den Super-Prof“

Betriebswirte bekämpfen Forschungsranking
„Deutschland sucht den Super-Prof“

Mit seinem neuen BWL-Ranking sorgte das Handelsblatt für Wirbel: Über 300 Wissenschaftler wollten die Veröffentlichung der Ergebnisse verhindern. Die Folge: Eine Debatte über Transparenz und Bedeutung von Forschung.
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LondonNils Boysen ist in diesem Jahr beim BWL-Ranking der forschungsstärksten deutschsprachigen Ökonomen unter 40 Jahren vom sechsten auf den ersten Platz geklettert - doch so richtig freuen kann sich der Professor an der Universität Jena darüber nicht: „Mir ist diese Top-Platzierung ein wenig unangenehm", sagt der Experte für Operations Research. So unangenehm, dass er zwischenzeitlich erwogen habe, das umstrittene Ranking zu boykottieren. Am Ende habe er sich dagegen entschieden - trotz einiger berechtigter Kritik habe das Ranking viel frischen Wind in die Forschung gebracht. Damit bringt Boysen den Streit auf den Punkt, der derzeit einen Teil der deutschen Betriebswirte auf die Barrikaden treibt.

Seit sieben Jahren veröffentlicht das Handelsblatt Forschungsrankings für Wirtschaftswissenschaftler. Aber keines hat im Vorfeld auch nur annähernd solche Wellen geschlagen wie die neue Rangliste zur Betriebswirtschaftslehre (BWL).

Für Alfred Kieser von der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Margit Osterloh von der Universität Zürich befindet sich das Ranking intellektuell in einer Liga mit Fernsehsendungen wie "Deutschland sucht den Superstar". Die Handelsblatt-Initiative schade der Wissenschaft, warnen Kieser und Osterloh in einem offenen Brief. (Die wichtigsten Argumente und eine Erwiderung darauf sind hier verfügbar.)

Um die Veröffentlichung der Ergebnisse zu verhindern, haben sie zu einem Boykott aufgerufen. 339 Wissenschaftler wollen nicht im Ranking genannt werden - rund elf Prozent aller in der Datenbank erfassten Betriebswirte.

Viele Fachkollegen und Beobachter reagieren darauf mit Kopfschütteln. "Ich halte dieses Ranking für gut, weil es für Transparenz sorgt", sagt Jörg Rocholl, Präsident der Berliner Business School ESMT. "Methodische Mängel kann ich nicht erkennen, das Ranking folgt anerkannten internationalen Standards."

Forschung sei eine zentrale Aufgabe von Professoren, betont auch Dirk Simons, an der Uni Mannheimer BWL-Fakultät Prodekan für Forschung. "Es ist gut, dass es mit dem Handelsblatt-Ranking ein Instrument gibt, dass die Aufmerksamkeit darauf lenkt."

Die Handelsblatt-Rangliste BWL orientiert sich an international üblichen Kriterien zur Evaluation wirtschaftswissenschaftlicher Forschung. Maßgebend sind die Veröffentlichungen in rund 1 000 internationalen Fachzeitschriften mit Gutachter-Prozess, deren unterschiedliche wissenschaftliche Qualität berücksichtigt wird. (Hier eine detaillierte Beschreibung der Methodik der Journalliste.)

Die Auswirkungen des Boykotts sind überschaubar. Nur 23 der 339 Verweigerer wären in den Personenranglisten genannt worden, die anderen haben nicht genug relevante Publikationen.

Die Wissenschaftler Michael Berlemann (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg) und Justus Haucap (Uni Düsseldorf) haben im Detail analysiert, wer das Ranking boykottiert. Der Streit entpuppt sich dabei auch als Generationskonflikt: Je länger ein Professor im Dienst ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das Ranking ablehnt. "Das akademische Alter erhöht die Austrittswahrscheinlichkeit hoch signifikant", so Haucap.

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„Es vollzieht sich ein Kulturwandel“

Kommentare zu "„Deutschland sucht den Super-Prof“"

Alle Kommentare
  • Meiner Meinung nach zeigt die Studie zwei Probleme, ein grundsätzliches, denn abgehoben wird nur auf die Forschung, für Studenten mag die Qualität der Lehre wichtiger sein (Stichwort:Didaktik). Das zweite Problem ist, das man im akademischen Bereich ab einer bestimmten Stufe keiner Konkurrenz ausgesetzt ist, und sich somit keinem Wettbewerb stellen muss.

  • Vorsicht - sie erheben hier implizit den Vorwurf eines Eigenplagiates, dass halte ich so lange für unbillig bis Sie sich jedes einzeln Papier angeschaut haben und Evidenz dafür gefunden haben.

  • Ich meine, Frau Osterloh sollte korrekter Weise der Universität Warwick zugeordnet werden. Meines Wissens ist sie an (oder heisst es "von"?) der Uni Zürich bereits vor ein paar Jahren emeritiert worden. Man möge bitte auch beachten, dass sich nur sehr wenige Zürcher aus dem Ranking haben herausnehmen lassen.

  • Hmm... ich bin ja kein grundsätzlicher Gegner von Rankings, aber wie schon vor drei Jahren sind auch dieses Mal einige Platzierungen leider offensichtlich das Ergebnis von Manipulationen der Rohdaten, nicht-validierten Falscheingaben oder Fehlern in der Auswertung. Schon lustig zu sehen, wer angeblich die Top-Performer meiner Teildiszplin sein sollen. Wenn man dann noch bedenkt, durch welche absurden Publikationsstrategien auch einige der formal korrekten Scores zustande gekommen sind, muss man die Aussagekraft dieser Tabellen auch mit grundsätzlich wohlwollender Ausgangsposition klar in Frage stellen.

  • Zweifellos sind die Rankings formal korrekt. Aber was sagen sie inhaltlich aus? Dass sich die Forscher um Publikationen in A-Journals bemühen. Nimmt man als Beispiel den aktivsten deutschsprachigen Ökonom unter 40 Jahren, den Kollegen Boysen der Uni Jena, so fällt auf, dass er bloß zu zwei Themen publiziert: Fließbandabstimmung und Güterwagenplanung - übrigens keine neuen Themen sondern im Operations Research klassische. Diese beiden Ansätze werden dann mit kleinen Variationen in zehn verschiedenen Zeitschriften publiziert. Ist das wirklich "forschungsstark"? Den Kollegen Frey und Lichtenthaler hatte man vorgeworfen, den gleichen Inhalt mehrfach zu publizieren. Setzen Rankings falsche Anreize?
    Richard Vahrenkamp
    Prof. em. für Logistik, Universität Kassel

  • Zweifellos sind die Rankings formal korrekt. Aber was sagen sie genau aus? Nimmt man den aktivsten Ökonom unter 40 Jahren, den Kollegen Boysen aus Jena,zum Beispiel, fällt auf, dass er lediglich zu zwei Themen publiziert: Fließbandabstimmung und Güterwagenplanung. Zwei Ansätze werden dann mit kleinen Variationen in zehn verschiedenen Fachzeitschriften (A-Journals) untergebracht. Ist das wirklich "forschungsstark"? Den Kollegen Frey und Lichtenthaler wurde zum Vorwurf gemacht, stets das Gleiche neu aufzugießen, womit sie sich an die Spitze der Rankings vorgearbeitet hatten.
    Richard Vahrenkamp
    Prof. em. für Logistik, Universität Kassel

  • Dieses bescheuerte Ranking-Denken in zwei Stellen nach dem Komma ist in seiner Banalität wirklich nicht weit von "Deutschland sucht den Superstar" entfernt! Falls die Rechtschreibschwäche im Zitat von D. Simons von ihm stammt, bestätigt auch dies die Nähe zum Genre! Im Grunde genommen eine reine Marketingstrartegie, um durch die Verknüpfung der Begriffe "BWL" und "Forschung" den ramponierten Ruf des "BWL-Studiums" aufzuwerten! Da wirkliche Grundlagenforschung von keinem der Dampfplauderer beurteilt und bewertet werden könnte, beschränkt man sich auf das Erbsenzählen! Da ist es schon sehr nachvollziehbar, dass sich bei seriös arbeitenden Profs die Nackenhaare sträuben!

  • Wenn Sie mir die Anmerkung erlauben: Viele fangen ein wirtschaftswissenschaftliches Studium aus diesen Gründen(BWL als Fach bieten nur wenige Universitäten an) an, die wenigsten schaffen es so aber bis zum Abschluss.
    Ihre Erfahrung aus Mathe- und Statistikkursen in allen Ehren, aber in der Regel studiert man nicht WiWi um Mathematiker oder Statistiker zu werden. Dafür gibt es ja schließlich andere Fakultäten.

  • Eine lexikographische Ordnung ist sicher nicht die Lösung des Problems und auch bei den olypischen Spielen mehr als fraglich. Es umginge aber die leidliche Lösung, Publikationen mehr oder wenig aus der Luft gegriffen mit einem Journalabhänigigen Gewichtungsfaktor zu versehen.
    Unabhängig davon: Was genau soll es über die Qualität eines Professor aussagen, dessen Publikationen ohnehin von seinen Mitarbeitern verfasst werden? Die Publikationen pro wiss. Mitarbeiter eines Professors als relatives Maß wäre sicher aussagekräftiger als diese unsägliche Absolutzählung.

  • Hand aufs Herz: Sie drei sind ab sofort meine wissenschaftlichen Helden.

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