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Agrarspekulation: Ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln gar nicht schlecht?

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln soll Schuld sein an vielen Hungertoten. Nun legt die Deutsche Bank Finanzprodukte auf Agrarrohstoffe wieder auf. Der Grund: Sie würden niemandem schaden. Ganz so einfach ist das nicht.

Demonstration gegen die Praktiken der Agrarindustrie in Berlin unter dem Motto: „Wir haben Agrarindustrie satt.“ Quelle: dpa
Demonstration gegen die Praktiken der Agrarindustrie in Berlin unter dem Motto: „Wir haben Agrarindustrie satt.“ Quelle: dpa

FrankfurtDie Deutsche Bank traut sich was. Seit Ausbruch der Finanzkrise gelten Banker als Sinnbild für Gier und Rücksichtslosigkeit. Und da stellt sich Co-Chef Jürgen Fitschen vor die Presse und beendet ihr Moratorium und legt wieder Finanzprodukte auf Agrarrohstoffe auf.

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Die Hilfsorganisation Oxfam fährt zusammen mit anderen angesehenen Organisationen wie der Welthungerhilfe und Food Watch eine Kampagne gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln, weil sie diese für die vielen Hungertoten auf der Welt verantwortlich macht. Selbst die Uno-Organisation Unctad hat einen kritischen Bericht zur zunehmenden "Finanzialisierung" der Rohstoffmärkte geschrieben. Kein Wunder, dass Oxfam und Co. sich nicht von der Versicherung Fitschens beeindrucken lassen, seine Fachleute hätten Entwarnung gegeben.

Demonstration gegen die Agrarindustrie in Berlin. Quelle: dpa
Demonstration gegen die Agrarindustrie in Berlin. Quelle: dpa

Doch Fitschen hat recht. Denn es ist theoretisch schwer zu begründen, wie Investoren an den Finanzinvestoren einen jahrelangen Preisauftrieb verursachen sollten, wie er seit 2009 stattfindet oder vor 2008 stattfand. Allenfalls können sie für vorübergehende Preissteigerungen verantwortlich sein, die sich dann wieder umkehren.

Denn die Investoren wollen die Rohstoffe gar nicht wirklich haben und verbrauchen. Sie kaufen Finanzkontrakte, sogenannte Futures - also das Recht, an einem bestimmten Tag Rohstoffe zu einem festen Preis zu kaufen - in der Hoffnung, dass diese im Wert steigen oder wenigstens die Schwankungen ihres Portfolios dämpfen. Für einen Dreimonatsfuture auf Weizen bezieht man am Ende keinen Weizen, sondern man gewinnt oder verliert Geld, je nachdem, wie die Preise sich entwickelt haben. Zunächst treibt also der Geldzustrom nur die Future-Preise nach oben.

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Zwar kann das theoretisch auch den Spotpreis nach oben ziehen - also den Preis, den bezahlen muss, wer heute kaufen und die Ware wirklich bekommen möchte. Das passiert, wenn der Future-Preis so weit über den Spotpreis steigt, dass es sich lohnt, das Produkt einzulagern. Weil aber Agrarrohstoffe verderblich sind, muss die eingelagerte Ware relativ bald wieder auf den Markt und drückt dann den Preis.

Dass Zu- und Abflüsse in die Future-Märkte die kurzfristigen Preisschwankungen erhöhen, ist also denkbar. Ob sie es tun, wird mit empirischen Studien, also mit statistischen Mitteln, untersucht.

  • 31.01.2013, 08:24 UhrErnst

    Real, also effektiv, kaufen bzw. verkaufen werden nur die Marktteilnehmer, die die Waren entweder veredeln oder in in unterschiedlichen Absatzkanälen handeln. Für deren jetzige Aktivitäten bzw. geplante Aktivitäten liefern die Terminbörsen wertvolle Informationen.

    Unter Umständen werden Preisschwankungen über einen mehrmonatigen Zeitraum hinweg sogar noch geglättet. Bei dem Begriff Schwankung kann ja nicht nur einzelnen Zeitpunkt betrachten.

    Wer in einer dynamischen Analyse des Spinnwebtheorems sich einmal anschaut, was unvollkommene Marktinformation auslösen kann - siehe auch Schweinezyklus -, der wird froh sein, daß es Spekulationen gibt.

    Die rein virtuellen Käufer und Verkäufer, also die echten Spekulanten, betreiben eben Casinospiele oder etwas wie Fußballtoto. Na und?

  • 31.01.2013, 08:36 UhrSenorCigarro

    Wenn in einen Markt zusätzliche Liquidität fliesst, die nur dazu dienst Geld zu verdienen, wird es immer zu Trendverstärkungen kommen. Der Trend dürfte klar sein. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung, begrenzten Anbaugebieten für Agrarrohstoffe und zunehmenden (negativen)Klimaveränderungen wird sich natürlich das Angebot verknappen und die Preise steigen. Die Spekulation ist also nicht zwangsläufig der Verursacher des Preistrends. Aber er verstärkt diesen und verursacht damit zusätzliche Not in der dritten Welt.

  • 31.01.2013, 08:54 Uhrwisconsin

    Die Spekulation verhindert eine echte Umkehr zur Problemlösung, weil eine Problemlösung (...) auch gar nicht gewünscht ist.
    Mit ihrer Kapitalmacht demoralisiert sie alle, die dieses mörderische Spekulantengeschäft ablehnen.
    Mit einem Mausklick können ganze Unternehmen wegradiert werden, tausende Arbeitskräfte freigesetzt, ganze Staaten ruiniert.
    Deshalb ist die Frage als solche perfide. Genauso könnte man fragen, sind Hinrichtungen mit Genickschuß gar nicht so schlimm? Sie sind dasselbe Niveau wie Hinrichtungen durch den Strang.
    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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