Ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln gar nicht schlecht?

Agrarspekulation
Ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln gar nicht schlecht?

Die Spekulation mit Nahrungsmitteln soll Schuld sein an vielen Hungertoten. Nun legt die Deutsche Bank Finanzprodukte auf Agrarrohstoffe wieder auf. Der Grund: Sie würden niemandem schaden. Ganz so einfach ist das nicht.
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FrankfurtDie Deutsche Bank traut sich was. Seit Ausbruch der Finanzkrise gelten Banker als Sinnbild für Gier und Rücksichtslosigkeit. Und da stellt sich Co-Chef Jürgen Fitschen vor die Presse und beendet ihr Moratorium und legt wieder Finanzprodukte auf Agrarrohstoffe auf.

Die Hilfsorganisation Oxfam fährt zusammen mit anderen angesehenen Organisationen wie der Welthungerhilfe und Food Watch eine Kampagne gegen die Spekulation mit Nahrungsmitteln, weil sie diese für die vielen Hungertoten auf der Welt verantwortlich macht. Selbst die Uno-Organisation Unctad hat einen kritischen Bericht zur zunehmenden "Finanzialisierung" der Rohstoffmärkte geschrieben. Kein Wunder, dass Oxfam und Co. sich nicht von der Versicherung Fitschens beeindrucken lassen, seine Fachleute hätten Entwarnung gegeben.

Doch Fitschen hat recht. Denn es ist theoretisch schwer zu begründen, wie Investoren an den Finanzinvestoren einen jahrelangen Preisauftrieb verursachen sollten, wie er seit 2009 stattfindet oder vor 2008 stattfand. Allenfalls können sie für vorübergehende Preissteigerungen verantwortlich sein, die sich dann wieder umkehren.

Denn die Investoren wollen die Rohstoffe gar nicht wirklich haben und verbrauchen. Sie kaufen Finanzkontrakte, sogenannte Futures - also das Recht, an einem bestimmten Tag Rohstoffe zu einem festen Preis zu kaufen - in der Hoffnung, dass diese im Wert steigen oder wenigstens die Schwankungen ihres Portfolios dämpfen. Für einen Dreimonatsfuture auf Weizen bezieht man am Ende keinen Weizen, sondern man gewinnt oder verliert Geld, je nachdem, wie die Preise sich entwickelt haben. Zunächst treibt also der Geldzustrom nur die Future-Preise nach oben.

Zwar kann das theoretisch auch den Spotpreis nach oben ziehen - also den Preis, den bezahlen muss, wer heute kaufen und die Ware wirklich bekommen möchte. Das passiert, wenn der Future-Preis so weit über den Spotpreis steigt, dass es sich lohnt, das Produkt einzulagern. Weil aber Agrarrohstoffe verderblich sind, muss die eingelagerte Ware relativ bald wieder auf den Markt und drückt dann den Preis.

Dass Zu- und Abflüsse in die Future-Märkte die kurzfristigen Preisschwankungen erhöhen, ist also denkbar. Ob sie es tun, wird mit empirischen Studien, also mit statistischen Mitteln, untersucht.

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Spekulation erhöht weder Preise noch Schwankungen

Kommentare zu "Ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln gar nicht schlecht?"

Alle Kommentare
  • Real, also effektiv, kaufen bzw. verkaufen werden nur die Marktteilnehmer, die die Waren entweder veredeln oder in in unterschiedlichen Absatzkanälen handeln. Für deren jetzige Aktivitäten bzw. geplante Aktivitäten liefern die Terminbörsen wertvolle Informationen.

    Unter Umständen werden Preisschwankungen über einen mehrmonatigen Zeitraum hinweg sogar noch geglättet. Bei dem Begriff Schwankung kann ja nicht nur einzelnen Zeitpunkt betrachten.

    Wer in einer dynamischen Analyse des Spinnwebtheorems sich einmal anschaut, was unvollkommene Marktinformation auslösen kann - siehe auch Schweinezyklus -, der wird froh sein, daß es Spekulationen gibt.

    Die rein virtuellen Käufer und Verkäufer, also die echten Spekulanten, betreiben eben Casinospiele oder etwas wie Fußballtoto. Na und?

  • Wenn in einen Markt zusätzliche Liquidität fliesst, die nur dazu dienst Geld zu verdienen, wird es immer zu Trendverstärkungen kommen. Der Trend dürfte klar sein. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung, begrenzten Anbaugebieten für Agrarrohstoffe und zunehmenden (negativen)Klimaveränderungen wird sich natürlich das Angebot verknappen und die Preise steigen. Die Spekulation ist also nicht zwangsläufig der Verursacher des Preistrends. Aber er verstärkt diesen und verursacht damit zusätzliche Not in der dritten Welt.

  • Die Spekulation verhindert eine echte Umkehr zur Problemlösung, weil eine Problemlösung (...) auch gar nicht gewünscht ist.
    Mit ihrer Kapitalmacht demoralisiert sie alle, die dieses mörderische Spekulantengeschäft ablehnen.
    Mit einem Mausklick können ganze Unternehmen wegradiert werden, tausende Arbeitskräfte freigesetzt, ganze Staaten ruiniert.
    Deshalb ist die Frage als solche perfide. Genauso könnte man fragen, sind Hinrichtungen mit Genickschuß gar nicht so schlimm? Sie sind dasselbe Niveau wie Hinrichtungen durch den Strang.
    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Durch Termingeschäfte wird einem Markt (jedem Markt) Liquidität zugeführt. Vergleicht man zwei Märkte mit gleichem Materialumschlag, jedoch unterschiedlicher Liquiditätsausstattung, so ist der liquidere Markt der bessere Markt. Oder anders ausgedrückt: Ein Käufer oder ein Verkäufer wird immer den liqideren Markt bevorzugen, sofern er die Wahl hat.

  • Je größer der Terminmarkt, desto höher ist die Gefahr für Manipulationen am Spotmarkt.

    Ein entlarvendes Beispiel, war die Anmietung leerer Öltanker als zusätzliche schwimmende Läger während der letzten Ölhausse durch Rohstoff-Spekulanten.

    Ich kann Goldman Sachs und den anderen Spekulanten am Rohstoffmarkt einfach nicht glauben, dass sie die Preisbildung an den Spotmärkte nicht manipulieren. Allen schönen Theorien zum Trotz.

  • Wenn jemand Waren kauft - besonders, wenn er sie nicht besitzen, transportieren oder verarbeiten will - dann nur, um trotzdem daran zu verdienen. Dieser Verdienst erhöht den Preis, woher sollte der Verdienst sonst kommen! Mir scheint es angeraten, das 'Kleine Einmaleins' nicht aus den Augen zu verlieren, wenn man Wirtschaftanalysen in die Hand bekommt, die vielleicht nur Lobbyansichten legitimieren sollen!

  • Wenn jemand Waren kauft - besonders, wenn er sie nicht besitzen, transportieren oder verarbeiten will - dann nur, um trotzdem daran zu verdienen. Dieser Verdienst erhöht den Preis, woher sollte der Verdienst sonst kommen! Mir scheint es angeraten, das 'Kleine Einmaleins' nicht aus den Augen zu verlieren, wenn man Wirtschaftanalysen in die Hand bekommt, die vielleicht nur Lobbyansichten legitimieren sollen!

  • Der Verdienst kommt daher, dass ins Risiko gegangen wird, indem auf die Steigerung der Preise in der Zukunft spekuliert wird, wohingegen Bauern die Gegenposition einnehmen um auf den Verfall der Preise zu wetten. Der Gewinn ist einfach die Entschädigung für das Risiko des eventuellen Nichteintretens der Preiserhöhung.
    Es handelt sich somit um ein ähnliches Schema wie bei Versicherungen, nur transparenter.

    Nach ihrer Logik müssten somit auch versicherte Gegenstände teurer werden, nur weil die Versicherung ja Geld verdient? :)

  • Natürlich fließt die Versicherung in den Preis mit ein.
    das ist doch wohl logisch !

  • @DerBernd

    Vollkommen richtig. Mann sollte ab und zu mal mit Basis-Logik an die Sache rangehen und sich nicht die Sicht von Expertenaussagen vernebeln lassen.

    Wenn beim Spekulieren einer verdient und das den Preis der Ware im Endeffekt nicht beeinflusst dann muss ein anderer genau so viel Verlust gemacht haben. Ein Nullsummenspiel eben.

    Wenn die Spekulation im Mittel Gewinn (nicht nur bei den Spekulanten, auch bei den zugehörigen Dienstleistern wie Banken etc.) abwirft dann erhöht der real den Preis der Ware.

    Womit wir bei der Deutschen Bank wären. Die wird immer daran verdienen (über Gebühren etc.), nur deshalb macht sie das ja. Um die Spekulation preisneutral zu halten muss daher zwangsläufig der Spekulant (im Mittel) genau diese Summe verlieren. Wie bei jedem Glücksspiel eben, egal ob Lotto, Roulette etc.. Die Bank gewinnt immer.

    Bereits wenn der Spekulant null auf null rausgeht hat sich durch die Spekulation der Produktpreis erhöht (eben um die Einnahmen der Bank).
    Wie oben schon gesagt, dazu genügt Basis-Logik. Simple Mathematik.

    @HansHansHans

    „Nach ihrer Logik müssten somit auch versicherte Gegenstände teurer werden, nur weil die Versicherung ja Geld verdient?“

    Sie glauben aber, dass Sie was von Wirtschaft verstehen? Selig sind die geistig Armen. Natürlich erhöhen die Versicherungsgebühren den Preis der versicherten Gegenstände! Oder woher sonst soll das Geld dafür kommen? Nochmal: Ein Minimum an logischem Denkvermögen sollte vorhanden sein.

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