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Banken: Die dunkle Seite von Finanzinnovationen

Komplex, neu und gefährlich: Lange hielten die Ökonomen Finanzinnovationen per se für etwas Positives. Doch in den Zeiten der Euro- und Schuldenkrise müssen sie radikal umdenken.

Finanzinnovationen entpuppten sich oft als böse Überraschung. Quelle: Klaus Meinhardt für Handelsblatt
Finanzinnovationen entpuppten sich oft als böse Überraschung. Quelle: Klaus Meinhardt für Handelsblatt

LondonNoch im April 2006 war der Internationale Währungsfonds (IWF) voll des Lobes: Ein ganzes Feuerwerk von Neuerungen habe das weltweite Finanzsystem flexibler, sicherer und stabiler gemacht. "Das ist inzwischen allgemein anerkannt", schrieb der IWF damals in seinem "Financial Stability Outlook". "Das rasante Wachstum von Instrumenten zum Transfer von Kreditrisiken hat Banken in die Lage versetzt, Kreditrisiken aktiver zu managen."

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Was sich aus heutiger Sicht wie Realsatire liest, war damals die Mehrheitsmeinung in der Wirtschaftswissenschaft. Große Teile des Fachs standen Finanzinnovationen extrem positiv gegenüber und rieten davon ab, neue Anlageprodukte zu streng zu regulieren. Sonst würde die Kreativität der Branche gehemmt.

In den vergangenen vier Jahren hat sich die Einstellung von vielen Wirtschaftswissenschaftlern zu neuen Finanzprodukten komplett geändert. Etliche Ökonomen sind heute überzeugt: Die komplexen Kreationen aus den Bankentürmen dienen oftmals dazu, die Kunden über den Tisch zu ziehen. Zudem haben sie das Finanzsystem komplexer und krisenanfälliger gemacht.

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Dass es sich tatsächlich oft um "finanzielle Massenvernichtungswaffen" handelt, wie Warren Buffett schon 2002 warnte, belegt ein dreiköpfiges Forscherteam um den Harvard-Professor Andrei Shleifer in einem theoretischen Modell. Die Grundüberlegung dabei ist: Die Banken nutzen aus, dass viele Investoren bei ihren Anlageentscheidungen bestimmte Risiken ausblenden - solche, die nur mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit eintreffen, aber dann großen Schaden anrichten. Der Finanzsektor beute diese Schwäche aus und konstruiere ganz bewusst Anlageprodukte, die solche sogenannten "Fat tail"-Risiken ignorieren.

In normalen Zeiten erscheinen diese Wertpapiere besonders attraktiv, weil sie auf den ersten Blick hohe Renditen abwerfen. Wenn aber der Fall der Fälle eintritt, werden die Anleger besonders hart getroffen - und die darauffolgende Krise ist größer, als sie es ohne die Finanzinnovationen gewesen wäre. Shleifers Modell zeigt zudem: Nicht nur die Käufer der schönen, neuen Finanzprodukte kommen unter die Räder.

"Wir können nicht von vorneherein davon ausgehen, dass Finanzinnovationen per se positiv sind", fasst Adair Turner, Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, die neue Sicht zusammen. Zumindest teilweise würden die Banken mit neuen Finanzprodukten auf Kosten der Allgemeinheit leistungsloses Einkommen erzielen.

Finanzinnovationen sind nur ein Beispiel dafür, wie radikal sich der Blick von Ökonomen auf die Finanzmärkte in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Auch das rasante Wachstum der Bankenbranche, die seit Beginn der Industriellen Revolution schneller zulegte als der Rest der Wirtschaft, hatten Volkswirte lange Zeit für ein ausschließlich positives Phänomen gehalten.

Inzwischen findet auch hier ein Umdenken statt. So stellte ein dreiköpfiges Forscherteam um Enrico Berkes vom IWF in einer empirischen Studie fest: "Es kann Situationen geben, in denen es zu viel Finanzwirtschaft gibt." Dieser Befund sei "erstaunlich klar und unabhängig davon, welche Daten und Schätztechniken man verwendet".

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