Basel III: Der Irrglaube an das Eigenkapital

Basel III
Der Irrglaube an das Eigenkapital

Die USA wollen die höheren Eigenkapitalregeln für Banken nun doch nicht umsetzen, die Europäer rufen "Foul". Doch womöglich haben die Amerikaner recht: Ökonomen sehen höheres Eigenkapital als trügerische Sicherheit.
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FrankfurtDie Bankaufseher der USA lassen die Europäer im Regen stehen. Sie wollen die unter ihrer maßgeblichen Beteiligung ausgehandelten neuen Eigenkapitalregeln für Banken, genannt Basel III, auf unbestimmte Zeit nicht umsetzen. Europa dagegen will ab Januar damit anfangen. Das könnte dazu führen, dass amerikanische Banken bezogen auf den geringeren Kapitaleinsatz höhere Renditen erwirtschaften und hiesigen Banken davonziehen. Europa ist erbost.

Dabei ist wissenschaftlich durchaus umstritten, ob der Ertrag des neuen Regelwerks in Form der erhofften größeren Krisensicherheit die Kosten übersteigt. Es könnte sein, dass die pragmatischen Amerikaner gar nicht so sehr auf den Wettbewerbsvorteil abzielen, sondern rechtzeitig die Reißleine ziehen, während die prinzipientreuen Europäer unbeirrt weitermachen.

Alan Greenspan, der frühere US-Notenbankchef, drückte es so aus, dass solche Reformen zu "übermäßigen Kapitalpuffern zum Schaden unseres Lebensstandards führen könnten". Gemeint ist damit, dass Banken die Finanzierung von Unternehmensinvestitionen einschränken könnten, um auf diese Weise das Verhältnis von Kreditsumme und Eigenkapital zu verbessern. Das würde langfristig den Lebensstandard senken. In einigen Ländern des Euro-Raums mit eigenkapitalschwachen Banken herrscht bereits eine schwere Kreditklemme.

Der französische Ökonom Bernard Vallageas weist in seinem Beitrag für eine Onlinekonferenz der World Economics Association zur Reform des Finanzsektors darauf hin, dass es kaum Finanzkrisen gab, bevor 1988 mit Basel I Regeln zur Eigenkapitalunterlegung eingeführt wurden. In den 25 Jahren danach folgten viele und zunehmend schwere Finanzkrisen. Nicht an zu geringem Eigenkapital, sondern an der Finanzmarktliberalisierung liegt es, lautet die Schlussfolgerung.

Vallageas führt die fehlende Wirksamkeit der Kapitalstandards darauf zurück, dass die herrschende Lehre unter Wissenschaftlern und Praktikern Banken irrtümlich als reine Finanzvermittler betrachtet, die Spargelder ihrer volkswirtschaftlich sinnvollsten Verwendung zuführen. Eine Bank unterscheidet sich aber dadurch wesentlich von einem einfachen Finanzvermittler, dass sie exklusiven Zugang zur Zentralbank hat und mit deren Hilfe das Bankengeld schaffen kann. Eine Bank muss nicht ihr eigenes Geld verleihen oder warten, bis ein Guthaben eines Kunden zu ihr kommt. Nein: Sie schafft im Prozess der Kreditvergabe ein Guthaben, das sie dem Kreditnehmer auf einem Girokonto einräumt.

Eine Bank kann zwar auch Eigenkapital zur Kreditvergabe einsetzen, aber das tut sie allenfalls in vernachlässigbarem Umfang. "Eigenkapital und Kreditvergabe haben ökonomisch nichts miteinander zu tun", stellt Vallageas fest. Dennoch beruht die Philosophie von Basel darauf, sie in Beziehung zu setzen und zu versuchen, auf diesem Weg das Bankgeschäft sicherer zu machen. "Basel kann die Banken nicht sicherer machen, weil die Banken das Geld selbst produzieren können, das ihnen als Eigenkapital dient", meint auch Richard Werner, Professor für Bankwesen an der Universität Southampton.

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Der Irrglaube an das Eigenkapital

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Gebremste Kreditvergabe verschärft die Krise

Kommentare zu " Basel III: Der Irrglaube an das Eigenkapital"

Alle Kommentare
  • Es ist überwiegend nicht Unfähigkeit. Es ist Vorsatz. Das sind Kriminelle.

  • Mit Basel III passiert etwas ganz entscheidendes im ungedeckten Kreditgeldsystem - weltweit.
    Gold wird laut Plan vom Level Tier 3 auf Level Tier 1 angehoben. Damit ist es zur Unterlegung von Krediten genauso gut wie Triple A Anleihen oder Cash den man vorhält. Bisher durfte Gold nur mit 50% bilanziert werden.
    Ob der Goldpreis dann zukünftig Bewegungen unter 2000$ oder über 2000$ macht dürfte auf der Hand liegen. Welche Folgen dies für ein ungedecktes Kreditgeld hat, das nur auf Vertrauen und Nachschuldner fußt - dürfte klar sein.

    !!! Deswegen, will man Basel III noch nicht !!!

  • Von jemandem der Denke statt Gedanken schreibt erwarte ich keine Intelligenz, Sie etwa?
    :-)

  • Die Systemkritik von einigen hier sehe ich als durchaus berechtigt. Wenn wir dieses System aber als aktuell gegeben ansehen und uns mit der Frage auseinandersetzen, was ist notwendig für eine höhere Stabilität innerhalb dieses Systems, ist eine Kritik an den Basel-Regelungen (auch an den neuen) keineswegs "unsinn" oder ähnliches. Tatsächlich ist die prozyklische Wirkung der Regelungen, bezogen auf die Eigenkapitalunterlegung der Risikogewichteten Aktiva ein bedeutendes Problem. Die Basel III Regelungen zielen hier zwar auf eine "Entschärfung" ab (Stichwort antizyklischer Kapitalpuffer), aber es darf bezweifelt werden, dass es sich dabei um des Problems Lösung handelt. Aus meiner Sicht wird die Bedeutng der Eigekapitalunterlegung überschätzt und vielfach sorgen leider gerade die regulatorischen Vorgaben erst für eine Krisensituation und somit Instabilität.
    Ich bin kein Gegner stattlicher Eingriffe in diesen elementaren Bereich unseres Wirtschaftssystems, aber es geht nicht um mehr oder weniger Regulierung, sondern um die richtige!
    Klar kann man diskutieren ob man überhaupt den überweigend privaten Banken die Aufgabe der Geldschöpfung in unserem System überlassen sollte. Aber das sind grundlegende Systemfragen, die eine umfassende Veränderung unseres gesamten Geld- und Wirtschaftssystems notwendig machen würden und zwar global. An mir soll es nicht scheitern, aber ich bezweifle, dass hier viele (auch von denen, die hier über Bankster etc. schimpfen) dazu bereit wären!

  • Banken besitzen z.B. 2 Milliarden Euro EK, können aber 40 Milliarden verleihen (=5% Mindestreserve). Die verleihen Geld, dass sie gar nicht haben. Und nehmen auch noch Zinsen und Gebühren dafür. Wenn ich das mache ist das Betrug und ich komme ins Gefängnis. Warum zum Teufel dürfen Banken Geld aus dem nichts schöpfen?

  • Gier gepaart mit Minderwertigkeitskomplexen haben eben schon vor langer Zeit, bei den Entscheidungsträgern, Talent, Können, Leidenschaft und Wertschätzung abgelösst.

  • @ MJM1605
    Philosophisch betrachtet ist es vielleicht auch gut so, wenn ein zukunftsunfähiges System früher statt später den Bach runter geht. Es stellt sich nämlich die Frage, warum einer das, was er an Werten hat, überhaupt für Geld hergibt, wenn es heutzutage so schwer ist, Werte zu schaffen? Womöglich deshalb, weil er seine Werte nicht würdigt. Ich finde es deshalb ausgesprochen clever, wenn jemand einfach mehr Geld druckt, um die Bedingungen des Verkäufers der Werte zu erfüllen. Geld ist ja unendlich vermehrbar. Ebenso clever ist es, Angst zu verbreiten, damit jemand seine Werte wegwirft, nur weil es ein anderer tut. Deshalb sind Leerverkäufe genauso legitim wie Geld drucken.
    Das mag moralisch alles verwerflich erscheinen. Die Moral, die aber zuerst verloren gegangen ist, ist das Werteverständnis des Verkäufers. Warum soll es für den Hoffnung geben? Er weiß sie eh nicht zu würdigen.

  • @Lilly
    Über Detmar Cramer,einen Fuballlehrer,auch mal Bayern-Trainer hat man mal gesagt:

    der kann genau ausrechnen,wie hoch ein Spieler einen Ball schießen muss, damit Schnee darauf liegen bleibt.

    So ist es auch mit Sinn,
    theoretisch prima,aber völlig nutzlos.

  • @Eddie

    "Autohersteller brauchen u.a. Hallen, Werkzeuge und Teile, um Autos zu produzieren, Banken in erster linie Geld"

    Das genau ist ja das Problem.Das haben Sie aber schön auf den Punkt gebracht.War aber sicher nicht Ihre Absicht,nicht wahr?

    Banken produzieren Papier-Schnipsel,andere in der Wirtschaft Güter. Einen realen Wert. Mehr oder weniger sinnvoll.

  • Hab da noch ein hübsches Spielzeug,eine Art Tabellenklakulation.
    Man kann schöne Sachen damit machen.
    Unter anderem genau ausrechnen, warum und wann GR völlig am Ende ist,und wir bald auch. Dauert ungefähr so 30 Sekunden!

    http://www.zinsen-berechnen.de/zinseszinstabelle.php

    Mein 10 jähriger Enkel ist ein aufgewecktes Kerlchen,ganz
    neugierig hat er zugesehen und dann die Frage aller Fragen
    gestellt!

    "Opa, sind Politiker alle dumm?"
    Was soll man ihm darauf antworten!!

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