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Bruno Frey: Neue Eigenplagiate bringen Züricher Top-Ökonomen unter Druck

Der Züricher Volkswirt Bruno Frey hat offenbar nicht nur einmal ein paar Querverweise vergessen, sondern systematisch bei sich selber abgeschrieben. Das "FreyPlag" im Internet deckt zahlreiche haarsträubende Fälle auf.

Der Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey: In der Kritik wegen Verstößen gegen wissenschaftliche Ethikstandards. Quelle: Pressefoto Universität Zürich
Der Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey: In der Kritik wegen Verstößen gegen wissenschaftliche Ethikstandards. Quelle: Pressefoto Universität Zürich

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London

Es war eine Generalabrechnung mit dem Wissenschaftsbetrieb, die sich der Züricher Ökonomieprofessor Bruno Frey von der Seele geschrieben hatte: Die Herausgeber von Fachzeitschriften zwängen Forscher, sich intellektuell zu prostituieren, so seine Kernthese. Wegen dieser beißenden Kritik werde kein Herausgeber diesen Aufsatz zur Veröffentlichung akzeptieren, argumentierte Frey. "Diese Arbeit wird niemals in einer ökonomischen Fachzeitschrift mit Gutachterprozess erscheinen", lautete der erste Satz seiner Arbeit.

Tatsächlich aber veröffentlichte er diesen Aufsatz gleich zwei Mal: 2003 in "Public Choice" und zwei Jahre später im "European Journal of Law and Economics" (EJLE). Die Titel fallen zwar unterschiedlich aus, ansonsten aber sind beide Aufsätze über weite Strecken wortwörtlich identisch, und es gibt keine Querverweise.

Eine wissenschaftliche Arbeit mehrfach zu veröffentlichen, ist unzulässig. Solche Eigenplagiate sind ein Verstoß gegen zentrale wissenschaftliche Ethikstandards.

Frey ist einer der international bekanntesten deutschsprachigen Ökonomen. Im Handelsblatt-Ranking VWL liegt er gemessen an seinem Lebenswerk auf Platz 1. Seit Monaten steht er wegen seiner Arbeitsweise in der Kritik (siehe: "Starökonom schreibt bei sich selbst ab"). Auslöser waren sehr ähnliche Arbeiten zum Untergang der Titanic, die er mit zwei Ko-Autoren 2010 und 2011 in vier Zeitschriften ohne Querverweise veröffentlicht hatte.

Das betroffene "Journal of Economic Behavior and Organization" teilte Frey daraufhin mit, künftig keine Aufsätze von ihm mehr zu publizieren. Das "Journal of Economic Perspectives" (JEP) rügte ihn öffentlich: Freys Verhalten sei "ethisch zweifelhaft und respektlos", schrieb MIT-Professor und JEP-Herausgeber David Autor an Frey und veröffentlichte den Briefwechsel in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift.

Jetzt zeigt sich, dass das Titanic-Eigenplagiat offenbar kein Einzelfall war. Internetnutzer haben auf einer Webseite namens "Freyplag Wiki" eine ganze Reihe weiterer Beispiele zusammengetragen. Vorbild war das Projekt "GuttenPlag", das die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg analysierte und den einstigen Verteidigungsminister zum Rücktritt zwang.

Das Handelsblatt hat die verdächtigen Frey-Arbeiten im Detail analysiert. Vier weitere Veröffentlichungen sind mit dem Titanic-Fall vergleichbar. Es handelt sich um sehr ähnliche Studien, die ohne Querverweise zwischen 1996 und 2005 in Fachzeitschriften erschienen sind - betroffen sind auch sehr angesehene VWL-Journale wie die "American Economic Review". Einige von Freys damaligen Ko-Autoren forschen heute an renommierten US-Unis.

Brisant sind diese Funde, weil die Uni Zürich im Juli nach Handelsblatt-Berichten über den Titanic-Fall eine Untersuchungskommission einberufen hat. Externe Gutachter prüfen, ob Freys Verhalten mit den Ethikstandards der Hochschule vereinbar ist.

Frey hat die fehlenden Querverweise in den Titanic-Arbeiten als bedauerliches Missgeschick dargestellt. Er habe seine anderen Arbeiten nicht zitiert, weil ihm das "durch die Lappen" gegangen sei, sagte er der Züricher Zeitung "20 Minuten". Bei dem langen Produktionsprozess habe er schlicht "den Überblick verloren". Diese Rechtfertigung wirkt angesichts der neuen Beispiele wenig glaubwürdig.

Die beiden eklatantesten Fälle, bei denen alte Arbeiten über weite Strecken wortwörtlich übernommen wurden, betreffen beide das "European Journal of Law and Economics" (EJLE). Das eine Beispiel ist die Streitschrift über das Auswahlverfahren bei Fachzeitschriften, das zuvor in "Public Choice" abgedruckt wurde. Das andere ist ein Aufsatz mit dem Titel "Selfish and Indoctrinated Economists?" von Bruno Frey und Stephan Meier.

Diese Arbeit ist über weite Strecken wortgleich mit der Studie "Are Political Economists Selfish and Indoctrinated?", die die gleichen Autoren 2003 in "Economic Inquiry" veröffentlicht haben, aber später nicht zitieren.

Zudem fehlen Querverweise auf zwei 2004 in der "American Economic Review" und im "Journal of Economic Behaviour and Organization" erschienene Studien, in denen Frey und Meier mit ähnlichen Daten eine etwas andere Fragestellung beleuchten.

Wie fast alle anderen Fachzeitschriften auch verlangt das EJLE von seinen Autoren in einem Regelwerk ("submission guidelines"), dass nur Arbeiten eingereicht werden, "die nicht schon an anderer Stelle bereits publiziert wurden und auch nicht irgendwo anders im Begutachtungsprozess ist".

Der Wissenschaftsverlag Springer, in dem das EJLE erscheint, teilte dem Handelsblatt mit, man werde die Fälle prüfen. Maßgeblich seien die Regeln des fachübergreifenden "Committee on Publication Ethics". Das empfiehlt Zeitschriften, doppelt veröffentlichte Aufsätze offiziell zu widerrufen.

Pikant ist: Bruno Frey selbst gehört dem Herausgebergremium des EJLE an, das einer seiner ehemaligen Studenten, der Erfurter Professor Jürgen Backhaus, leitet. Im Gespräch mit dem Handelsblatt stellte sich Backhaus vor Frey. Dieser habe neue, unorthodoxe Ideen - um Gehör zu finden, müsse er die häufig wiederholen. Backhaus: "Es ist bekannt, das Bruno Frey so arbeitet." Einen Aufsatz von Frey veröffentlichen zu können, sei eine Ehre für eine Fachzeitschrift. "Er ist ein international respektierter Kollege, der auf jeden Fall nobelpreisverdächtig ist." Auf die Frage, warum die "submission guidelines" der Zeitschrift für Frey nicht genauso wie für jeden Doktoranden gelten, sagte Backhaus: "Bruno Frey ist ein Markenzeichen, der Doktorand muss sich erst eines erwerben."

Frey und die Ko-Autoren der Arbeiten mit den fehlenden Querverweisen ließen Anfragen des Handelsblatts bis Redaktionsschluss am Sonntag abend unbeantwortet. Im Titanic-Fall hatte Frey förmlich bei den betroffenen Zeitschriften Abbitte geleistet: "Es war ein schwerer Fehler auf unserer Seite, für den wir uns vielmals entschuldigen", schrieb der an den Herausgeber des "Journal of Economic Perspectives. "Das hätte uns nie passieren dürfen."

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Eine Tabelle, in der fünf Fälle verglichen werden, ist hier verfügbar. Im Detail werden die einzelnen zweifelhaften Aufsätze zudem hier diskutiert.

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