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Finanzkrise: Dem Kapitalismus eine zweite Chance

Jede schwere Wirtschaftskrise erschüttert auch fundamentale Werte und Ansichten, schreibt Stephen Roach, Präsident von Morgan Stanley Asien, in einem Essay für das Handelsblatt. Doch trotz der Tatsache, dass wir derzeit die schlimmste Krise der Weltwirtschaft seit 75 Jahren erleben, sollten wir den Kapitalismus nicht verteufeln, meint er. Denn es gebe jetzt die Chance, ihm viele Schwächen auszutreiben.

Jede schwere Wirtschaftskrise erschüttert auch fundamentale Werte und Ansichten. Derzeit erleben wir die schlimmste Krise der Weltwirtschaft seit 75 Jahren, und sie hat alle Zutaten dafür, viele Menschen an einer der Säulen unserer Institutionen zweifeln zu lassen, dem Kapitalismus. In einer Zeit, da Regierungen in aller Welt massiv in die Märkte eingreifen, kann man solche Zweifel kaum grundlos nennen.

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Die Geschichte des Kapitalismus ist in vielerlei Hinsicht ein Kontinuum harter Prüfungen. Panik an den Finanzmärkten, periodisch wiederkehrende Rezessionen und sogar die Große Depression in den 30er-Jahren sind allesamt Bestandteile dieses Stresstests, der den Kapitalismus geformt hat. Die Grundannahme des Kapitalismus beruht auf der simplen Erkenntnis, dass die freien Märkte und das System freier Unternehmen für eine optimale Zuordnung der knappen Ressourcen Arbeit, Kapital und Boden in einer Gesellschaft sorgen. Die Magie des Kapitalismus ist die Art und Weise, wie das geschieht. Adam Smith hat diesen Vorgang früher mit der "unsichtbaren Hand" beschrieben.

Das bedeutet nun aber nicht, dass der Kapitalismus dem Staat nicht gestattet, eine wichtige Rolle bei der Sicherstellung "öffentlicher Güter" wie Verteidigung, innerer Sicherheit, Alterssicherung und der Versorgung mit Wasser, Transport und Energie zu spielen. Dennoch ist das Privatunternehmen die Lebensader des kapitalistischen Modells für die Erzeugung von Einkommen, die Schaffung von Wohlstand und für beständiges Wachstum.

Der Erfolg der Vereinigten Staaten von Amerika steht in scharfem Kontrast zum Fehlschlag des Modells der zentralistischen Planung in der früheren Sowjetunion. Die erstaunliche Bilanz des chinesischen Entwicklungsmodells ist eine eindrucksvolle Bestätigung des Kapitalismus und demonstriert, wie sich der Übergang von staatseigenen Betrieben zu privaten Firmen vollziehen kann.

Nun aber steckt die US-Wirtschaft, das Paradebeispiel des Kapitalismus, mitten in der schlimmsten Krise und Rezession seit den 30er-Jahren. Viele der stolzen Ikonen von Corporate America stehen am Rande des Kollapses. Der Staat versucht mit aller Kraft, eine möglicherweise fatale Implosion noch aufzuhalten. Die Lektionen der Großen Depression haben zu einer Doktrin des "too big to fail" geführt: bestimmte Unternehmen seien einfach zu wichtig, als dass man sie pleitegehen lassen könne. Dieser Gedanke spielt eine zentrale Rolle bei der Kampagne, staatlicherseits in den Schlüsselbereichen einst sakrosankter privater Industriezweige und Märkte zu intervenieren.

Staatliche Notfallinvestitionen in private Unternehmen - sowohl Kapitalinjektionen als auch Bürgschaften - sind eine allzu häufige Folge dessen geworden, was einst als bloße Subprime-Krise begann. Zur selben Zeit haben die Deckelung von Managergehältern, die Bemühungen, die Folgen von Zwangsenteignungen zu mildern, die politischen Programme für Konsumentenkredite alle den Beigeschmack einer Quasi-Sozialisierung des amerikanischen Finanzsystems. Fügt man diesem Bild noch Washingtons neue, aggressive Handelspolitik hinzu - die Buy-American-Beschaffungspolitik und die Prügel für die chinesische Währung -, dann scheint es, als stellten die USA den Kapitalismus vollends auf den Kopf.

Aber ist das wirklich so? Ungeachtet der Behauptungen sensationslüsterner Medien bleibt der Umfang staatlicher Interventionen in Privatunternehmen, vor allem bei Finanzen und Automobilwirtschaft, ziemlich begrenzt. Nach den Statistiken des US-Handelsministeriums beläuft sich der kumulierte Wert von Banken, Wertpapiergesellschaften und anderer Finanzdienstleister auf 6,2 Prozent vom gesamten Bruttoinlandsprodukt des Privatsektors im Jahr 2007.

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