_

Flickenteppich Finanzreform: Der Widerspenstigen Zähmung

Am Wochenende treffen sich die wichtigsten Staats- und Regierungschefs zum G20-Gipfel in Toronto. Während der Konsens zwischen den Regierungen schwindet, skizzieren Wissenschaftler in ihrem "Squam Lake Report" Regeln für eine neue Finanzordnung.

Quelle: Klaus Meinhardt
Quelle: Klaus Meinhardt

ZÜRICH. Wenn sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer am Wochenende in Toronto treffen, ist es anderthalb Jahre her, dass die selbst ernannte Weltwirtschaftsregierung eine umfassende Reform des globalen Finanzsystems angekündigt hat. Doch bereits vor dem Beginn des G20-Gipfels ist die Einigkeit verflogen, zu der die Krise die Staatengemeinschaft damals zusammengeschweißt hatte.

Anzeige

Etwa zur selben Zeit wie die Staatslenker trafen sich im November 2008 insgesamt 15 Wirtschaftswissenschaftler in einem Ferienresort am Squam Lake in New Hampshire. Dabei waren nicht nur Politveteranen wie der ehemalige Clinton-Berater Martin Baily und der Ex-US-Notenbanker Frederic Mishkin, sondern auch Starökonomen wie Robert Shiller, der den Immobiliencrash in den USA als einer der wenigen seiner Zunft vorausgesehen hatte. Auch sie ließ die Frage nicht los, wie das globale Finanzsystem krisenfester werden kann.

Es ist deshalb kein Zufall, dass die Krisen-Vordenker kurz vor dem G20-Gipfel der staatlichen Krisenmanager jetzt ihren "Squam Lake Report" der Öffentlichkeit vorlegen. Während sich die Politiker bislang nicht auf eine gemeinsame Finanzarchitektur einigen konnten, ist den Wissenschaftlern zumindest ein gemeinsamer Entwurf für eine Finanzreform gelungen. "Wir wollen damit Entscheidungsträger auch außerhalb der USA erreichen", sagte Matthew Slaugher, Ökonomie-Professor am Dartmouth College und einer der Squam-Lake-Autoren.

Wie stark die Vorstellungen innerhalb der G20-Staaten auseinanderlaufen, zeigen die jüngsten Positionskämpfe. So reisen die Europäer mit Forderungen nach einer globalen Transaktionssteuer und einer internationalen Bankenabgabe nach Toronto. Von der sogenannten "Tobin Tax" halten die Amerikaner nichts, gegen eine Bankenabgabe haben Kanada, Japan und Australien bereits ihr Veto angekündigt.

Flickenteppich als Bettvorleger

Deutschland will ungedeckte Leerverkäufe an den Finanzmärkten verbieten, hat es aber schon in Europa schwer genug, dafür eine Mehrheit zu bekommen. Auf dem alten Kontinent will man die Banker mit einer Boni-Steuer zur Vernunft bringen, in den USA lässt der Staat die Finger von den umstrittenen Erfolgsprämien. Kurzum: Die Finanzreform droht zu einem unüberschaubaren Flickenteppich zu werden, den die Banker bestenfalls als Bettvorleger benutzen. Um den Schlaf wird das Gewirr von Regeln, Vorstößen und Vorschlägen die Finanzprofis kaum bringen.

Dabei hatte auch die G20-Runde anfangs ihren Blick durchaus auf die richtigen Schwachstellen des Finanzsystems gelegt. US-Präsident Barack Obama hat daran in seinem Brief an seine Kollegen gerade noch einmal erinnert: "Wir müssen unser Bekenntnis zu einer gemeinsamen Reform in Toronto bekräftigen", schreibt Obama. Und er nennt die wichtigsten Eckpfeiler des Vorhabens: höhere Kapital- und Liquiditätsanforderungen, eine bessere Aufsicht für den Derivatehandel und die ordentliche Abwicklung von konkursreifen Großbanken.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Umfragewerte: Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Ganze drei Prozent verliert die Union in einer aktuellen Umfrage. Mit nur 32 Prozent Zustimmung muss Merkels Partei sogar aufpassen, nicht von der SPD eingeholt zu werden. Doch aus der Partei kommen optimistische Töne.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International