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Forschungsrichtung "Market Design": Der Markt als Designobjekt

Früher haben Ökonomen das Spiel von Angebot und Nachfrage nur analysiert – jetzt perfektionieren sie die Arenen dafür.

Das haben nicht viele Volkswirte vor ihm geschafft: Al Roth, Ökonomie-Professor in Harvard, macht Schüler glücklich – allein im vergangenen Jahr 27 000 Teenager aus New York City. Sie alle wären nach dem Willen der Schulbehörde an einer High School gelandet, auf die sie nicht gewollt hätten. Roth hat ein Verteilverfahren entwickelt, durch das statt 30 000 nur noch 3 000 Schüler an eine High School kommen, die nicht ihren Wünschen entspricht. Der Erfolg war so durchschlagend, dass die Stadt Boston dem Ökonomen umgehend den gleichen Auftrag gab.

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Al Roth ist der weltweit führende Kopf einer wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin, die auf den Namen „Market Design“ hört. Vertreter dieser Zunft begnügen sich nicht mehr damit, das Spiel von Angebot und Nachfrage zu analysieren – sie wollen es verändern. „Wir Ökonomen haben viele Jahre lang versucht, Märkte zu verstehen. Jetzt sollten wir sie auch reparieren können“, lautet das Credo von Roth, der seine Arbeit gern als „mikroökonomisches Engineering“ beschreibt.

So wie Ingenieure Autos oder Brücken entwerfen, entwickeln und verfeinern die „Collanis der Märkte“ die Regeln, nach denen ökonomische Institutionen funktionieren – egal, ob es um Mobilfunk-Lizenzen, Start- und Landerechte auf Flughäfen oder um Online-Auktionen geht.

„Märkte sind ein wunderbares Werkzeug, um Wohlfahrt zu schaffen“, sagt der Kölner Ökonom Axel Ockenfels. „Aber Märkte sind nicht per se gut. Die Details des Marktdesigns können wesentlich für ihr Funktionieren oder Scheitern sein.“

Ein Beispiel sind Online-Auktionen von Privatleuten. Labor-Experimente zeigen: Ein Markt, auf dem anonym Waren angeboten werden, die der Kunde nicht vorher prüfen kann aber im Voraus bezahlen muss, bricht schnell zusammen – zu groß ist das Risiko, vom Verkäufer übers Ohr gehauen zu werden. Markt-Designer wiesen Ebay und Co. den Ausweg: Mit einem Bewertungssystem, in dem ehrliche Käufer und Verkäufer Reputation aufbauen, lässt sich das Marktversagen überwinden.

Das Handwerkszeug der Markt-Designer stammt aus den Teildisziplinen Spieltheorie und experimentelle Wirtschaftsforschung. Die Spieltheorie dient dazu, die strategische Interaktionen von Anbietern und Nachfragern theoretisch zu durchleuchten. Mit Labor-Experimenten, in denen die Wissenschaftler die Märkte simulieren, lässt sich überprüfen, ob die Akteure in der Praxis auch das tun, was die Ökonomen erwarten – wie im Windkanal findet danach die Feinabstimmung der Rahmenbedingungen für Angebot und Nachfrage statt.

Auktionen sind die mit Abstand wichtigsten ökonomischen Designobjekte. Im Vergleich zu anderen Mechanismen der Preisfindung haben sie von Hause aus entscheidende Vorteile: Sie machen das Marktgeschehen in aller Regel transparent und führen schon daher tendenziell zu besseren Ergebnissen. Zudem sind dank der Fortschritte in der Informationstechnologie heute wesentlich komplexere Auktionen als früher möglich – und Käufer und Verkäufer müssen sich nicht an einem geografischen Ort treffen.

All dies hat sowohl in Unternehmen wie auch bei Privatleuten zu einem bemerkenswerten Auktionsboom geführt – und Marktdesignern jede Menge Arbeit beschert. Eine zentrale Aufgaben dabei ist es, den für das jeweilige Produkt und die Marktstruktur optimalen Auktionsmechanismus zu finden und die Versteigerung fair zu gestalten. Sie sollen „strategy proof“ sein, strategiefest. Das ist der Fall, wenn sich Käufer und Verkäufer keine großen Gedanken über ihre Strategie machen müssen und „dumme“ Akteure nicht von versierteren über den Tisch gezogen werden können.

Dafür müssen sich die ökonomischen Ingenieure tief in die Details des jeweiligen Marktes vergraben – und finden dabei oft ein scheinbar harmloses Schräublein, an dem sie drehen müssen. Denn oft führen auf den ersten Blick banale Kleinigkeiten zu vollkommen anderen Markt-Ergebnissen.

Ein Beispiel dafür sind die Versteigerungen von UMTS-Lizenzen in Großbritannien und den Niederlanden: Beide Auktionen fanden fast zeitgleich im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie statt – doch in Großbritannien zahlten die Mobilfunker am Ende pro Einwohner drei Mal so viel für eine Lizenz wie in den Niederlanden. Markt-Designer können das auf den ersten Blick paradoxe Resultat rückblickend leicht erklären: Entscheidend für den Verlauf der UMTS-Auktionen war, wie viele etablierte Mobilfunkbetreiber es schon gab und wie viele Lizenzen angeboten wurden. Hintergrund ist, dass der Aufbau eines UMTS-Netzes für einen etablierten Mobilfunker günstiger ist als für einen Newcomer.

Großbritannien bot fünf Lizenzen an, hatte aber nur vier etablierten Netzbetreiber – auch mehrere Neueinsteiger nahmen an der Auktion teil und trieben die Preise in die Höhe. In den Niederlanden dagegen wurden bei fünf etablierten Unternehmen ebenfalls nur fünf Lizenzen angeboten – daher habe kein Neueinsteiger ernsthaft mitgeboten, schreibt der Tilburger Ökonom Eric van Damme. Die etablierten Netzbetreiber konnten die fünf neuen Lizenzen ohne große Konkurrenz zu deutlich niedrigeren Preisen unter sich aufteilen.

Neben Auktionen braucht eine andere Form von Märkten die Marktdesigner besonders dringend – solche, an denen Angebot und Nachfrage nicht über den Preismechanismus zusammenfinden und dadurch stark zu ineffizienten Ergebnissen neigen.

Das Problem, Schüler fair auf verschiedene Schulen zu verteilen, ist ein Beispiel dafür – schließlich würde es niemand akzeptieren, wenn die Plätze an den Schulen meistbietend versteigert würden.

Ähnliches gilt für die Frage, wie man die Verteilung von Spenderorganen für Nierentransplantationen organisiert. Denn neben den Nieren von toten Organspendern können auch Familienangehörige oder Lebenspartner eine Niere spenden – oft sind aber die Blutgruppen nicht kompatibel. Ein Forscherteam um Al Roth hat einen Mechanismus entwickelt, der das Problem löst. Die Grundidee ist, einen Ringtausch zwischen den verschiedenen Spender- und Empfängerpaaren zu organisieren: Der Lebenspartner eines Kranken kann eine Niere spenden, die einem anderen Nierenpatienten mit passender Blutgruppe transplantiert wird – der kranke Partner rückt im Gegenzug auf der Warteliste für seine Blutgruppe nach vorne.

Solch ein System kennt nur Gewinner: Die zwei operierten Nierenkranken erhalten Spenderorgane schneller, und für alle anderen auf der Warteliste wird die Konkurrenz geringer. Auch die Ökonomen selbst profitieren vom Marktdesign – nicht nur, weil die Beratungsaufträge in aller Regel attraktiv bezahlt werden. Elmar Wolfstetter von der Berliner Humboldt-Universität betont zudem: „.Es macht erstaunlich viel Spaß, mit Praktikern zu arbeiten. Man merkt, dass die Arbeit nützlich ist.“

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