Geldpolitik: Target2 - und was wirklich dahinter steckt

Geldpolitik
Target2 - und was wirklich dahinter steckt

Die öffentliche Diskussion über die Ungleichgewichte im Target2-Zahlungssystem ist von vielen Missverständnissen, Halbwahrheiten und Irrtümern geprägt. Zeit für etwas mehr Klarheit in der Debatte.
  • 26

BerlinSeit gut einem Jahr veröffentlicht Hans-Werner Sinn seine in „richtiger Detektivarbeit“ entwickelten Thesen zu TARGET2 (T2). Trotz zahlreichen Widerspruchs an seinen Thesen hat Sinn bisher in der Öffentlichkeit die Deutungshoheit über dieses Thema. Journalisten der FAZ, der Wirtschaftswoche oder von Spiegel Online haben seine Thesen beinahe kommentarlos übernommen. Ob sie von seinen Warnungen, das Thema sei so kompliziert, keiner wisse vollständig darüber Bescheid, abgeschreckt wurden, sich selbst damit auseinander zu setzen?

Dabei sind die Funktionsweise von T2 und dessen ökonomische Implikationen tatsächlich nicht sonderlich kompliziert, und wurden im Übrigen bereits schon 1999 von Peter Garber detailliert beschrieben. Oder liegt es daran, dass ein technisches und trockenes Thema den Leser eher anspricht, wenn von einer „geheimen Bailoutstrategie der EZB“, von „neuen Abgründen“ oder von Geld die Rede ist, das „aus der Druckerpresse gezogen wird“?

Dabei gibt es gute Gründe, Sinns Thesen kritisch zu hinterfragen. Sie sind teilweise inkorrekt und bisweilen sehr unscharf formuliert, insbesondere, weil Sinn meist darauf verzichtet, die hinter T2 stehende Bilanzmechanik explizit darzustellen (eine ausführliche Erläuterung derselben findet sich in Ulrich Bindseils und meinem Artikel. Ferner steht Sinns Lieblingsvorschlag, das T2-System zu beschränken, in Widerspruch zu seinen Warnungen vor möglichen hohen Kosten für den deutschen Steuerzahler. Würde sein Vorschlag umgesetzt, wäre dies das Aus für die Währungsunion. Und gerade in so einem Fall würden sich etwaige Risiken in den Bilanzen der Notenbanken materialisieren.

T2 ist das elektronische Zahlungssystem des Eurosystems. Zwei Regelungen zur Funktionsweise des Eurosystems sind bedeutsam, um die Entstehung von T2-Salden zu verstehen. Erstens führt eine Geschäftsbank ihr Zentralbankkonto bei der nationalen Zentralbank des Mitgliedslandes in dem sie ihren Sitz hat und kann auch nur über diese einen Zentralbankkredit erhalten.

Zweitens veröffentlichen die jeweiligen nationalen Zentralbanken separate Bilanzen. Überweist eine griechische Geschäftsbank über T2 100 Euro an eine deutsche Geschäftsbank, dann reduziert sich das  Zentralbankguthaben der griechischen Bank um 100 Euro, während das der deutschen Geschäftsbank um 100 Euro ansteigt. Die Bilanzen der Bank of Greece und der Bundesbank sind nun nicht mehr ausgeglichen, da 100 Euro aus dem 'Zuständigkeitsbereich' der Bank of Greece in den `Zuständigkeitsbereich‘ der Bundesbank geflossen sind.

Kommentare zu " Geldpolitik: Target2 - und was wirklich dahinter steckt"

Alle Kommentare
  • T2 dient vor allem dazu, illiqude Banken am Leben zu erhalten und Risiken vom Privatsektor auf den Steuerzahler abzuwälzen. Erhellend dazu dieser Text

    http://kantooseconomics.com/2012/03/14/wie-eine-berechtigte-kritik-an-target-2-aussahe/

  • Herr König, der Dreh- und Angelpunkt wird auch von Ihnen verharmlost: "Ferner wurde der Sicherheitenrahmen gelockert, wodurch die Kreditvergabe riskanter wird."
    Sagen Sie doch bitte einmal ganz deutlich, dass die EZB die Anforderungen an die Sicherheiten extrem gesenkt hat. Damit sind die "Sicherheiten" nicht mehr Sicherheiten, sondern Luftnummern. Braucht eine griechische Bank Geld, kann sie sozusagen die Großmutter des Bankdirektors verpfänden oder den blauen Himmel über der Akropolis. Das nennt man zu recht Gelddrucken.
    Stellen Sie ansonsten bitte transparent dar, wie die Bewertung der Sicherheiten durch die EZB vorgenommen wird! Welches Heer von Bankern bewertet "Sicherheiten" zu "Marktpreisen" in Billionenhöhe innerhalb weniger Tage? Wie berechnet sich konkret der Abschlag?
    Durch das Ausreichen der Druckerpresse an die Geschäftsbanken ist keine zwingende Verbindung der Ressourcen zu den Reformanstrengungen der zugehörigen Staaten mehr vorhanden. Kurz: Warum sollte reformiert werden, wenn der Laden trotzdem läuft? Welche realen Sicherheiten verliert derjenige Staat tatsächlich? So gut wie keine, denn es sind Luftnummern.
    Sinn hat grundsätlich recht!

  • Hier wird vergessen, dass Geld nur funktioniert, wenn das zugrunde liegende Vertrauen da ist. Target-2 könnte man auch ganz vereinfacht Schuldenfallen-Dispo nennen. Wer zahlt das, wenn es in Richtung Insolvenz und Währungswechsel geht? Und genau da liegt das Problem.

    http://www.markustrauernicht.de/wirtschaft/ab-wann-druckt-die-ezb-geld-und-ist-die-bundesbank-schon-eine-bad-bank/

  • Wirklich erstaunlich ist es, dass die Behauptungen von Herrn Sinn nicht nur von den meisten deutschen Zeitungen unkritisch übernommen werden sondern vom Publikum auch geglaubt werden. Dabei sollte man schon aus Erfahrung sehr vorsichtig sein.
    Auch in diesem Forum wird schon wieder die Behauptung von Sinn aufgegriffen, dass die USA angeblich das Target2 Problem lösen würden. Dabei stimmt es gar nicht, und ich weiß wovon ich rede, denn ich habe mit dieser konkreten Frage beschäftigt. Ohne auf Details einzugehen, möchte ich hier kurz darstellen, wie das U.S-Mechanismus auf die Eurozone-Situation übertragen, funktionieren würde, dann sollen die Befürwörter sich selbst überlegen, ob sie so etwas wirklich wollen oder doch bei die heutige Situation vorziehen würden.

    Also, nehmen wir an, dass, wie im Artikel beschrieben, zwischen einer griechischen und einer deutschen Geschäftsbank 100 EUR überwiesen werden. Diese 100 EUR hat sich die griechische Geschäftsbank zuvor bei der griechicher Nationalbank geholt und einen Pfand hinterlegt (z.B. griechische Staatsanleihen). Dadurch ensteht nun, wie im Artikel beschrieben, ein negativer T2-Saldo von 100 EUR zwischen der griechischen Nationalbank und der Bundesbank. Soweit so gut. Wenn wir jetzt die bestehenden Forderungen aller Beteiligten am Ende der Geschichte anschauen, dann stellen wir folgendes fest:

    Die griechische Nationalbank hat eine 100 EUR-Forderung gegen die griechische Geschäftsbank
    Die Bundesbank hat eine 100 EUR-Forderung gegen die griechische Nationalbank (Target2)

    Um nun T2 auzugleichen, übeträgt die griechische Nationalbank ihre Forderung gegen die griechische Geschäftsbank an die Bundesbank.

    Und das ist genau das, was in den USA geschieht. Es gibt allerdings einen großen Unterschied: die FED verleiht Geld im wesentlichen nur gegen die U.S-Bundesanleihen, und einen Analog dazu gibt es in der Eurozone nicht.
    Alles natürlich sehr stark vereinfacht.

  • Dies ist wahrscheinlich der naiveste Artikel, den ich bisher zum Thema T2 gelesen habe. Der Autor hat sicherlich kaum Ahnung, wie eine Bank funktioniert und was Nostro-Konten sind.

    „Hat die griechische Bank durch die Überweisung 100 Euro zu wenig, kann sie sich die 100 Euro von der deutschen Bank auf dem Geldmarkt leihen“. Na klar! So war’s vor der Krise gewesen. Was früher die Geschäftsbanken den griechischen Bankensektor geliehen haben, machen jetzt die Zentralbanken und EZB.

    Über T2 wird beispielsweise das griechische Leistungsbilanzdefizit und der Einlagenschwund finanziert. Stimmt nicht? Na, dann fragen Sie doch bei der griechischen Notenbank nach (Bank of Greece). Dort werden die T2 Salden – richtigerweise – als Verbindlichkeiten ausgewiesen. Sollte Griechenland in die Ägäis stürzen, dann würden diese Verbindlichkeiten nicht bezahlt werden. Wer immer die Gegenforderung dafür hat, verliert diese. Alles verstanden, Herr Ökonom?

    Angehängtes Papier hatte ich am 27.04.2011 an die Bundesbank geschickt mit der Bitte um Korrektur allfälliger Mißverständnisse. Es gab keine Rückmeldung.

    http://klauskastner.blogspot.com/2011/06/geldverwenung-verschwendung-der.html

  • DANKE für diese fundierte Anlayse. Ihr ist nichts hinzuzufügen.
    Digefax

  • gestern gabs auf arte einen film über mitterand(23.35).da ja alle brav arbeitenden sicher schon im bettchen liegen,haben diesen film sicher nur wenige geschaut.
    unter anderem zu den "wünschen und einwendunge zur zustimmung der wiedervereinigung deutschlands" von frankreich, hat mitterand die forderung einer einheitlichen währung gestellt.kohl hat darauf geantwortet,das können wir nicht sofort machen,dann zerrissen ihn das deutsche volk, wenn er die währung dm aufgeben würde.
    wie alle wissen,war die brd schon 1989 so stark,dass da die anderen eg-staaten schon nicht mitgekommen sind.deshalb dachten die franzosen,wenn den deutschen die dm weggenommen wird,profitierten die nachbarn.nun, wohin das geführt hat und wie lange die dauernde verweichlichung der €-währung gedauert hat.weiss jeder, zumindestens aus der finanzwelt.
    der plan der franzosen eght also doch nicht auf.die merkel will aus "freundschaft" zu den franzosen,den € nicht aufgeben.in wirklichkeit spiegelt das lediglich das versagen von der idee einer einheitlichen währung wieder.es ist auch eine tatsache, dass die südländer und frankreich schon vor den € so horrent verschuldet waren das die eu der rettungsanker darstellte.die deutschen sollen ja gute europäer sein, also wurde dem zugestimmt. mit den folgen die sich als letzte bastion für alle pleitestaaten und auch frankreichs rettenden deutschen.
    es stand nirgens zu lesen was vor der € einführung geschah: dass die dm schon bei der verr einheit ecu 30% abgewertet wurde und bei der einführung des €, als buchwert weitere 25 % abgewertet wurden, nur um ein "gleichklang" mit den anderen zu erreichen.
    das so etwas nicht gutgeht haben nun supereindrucksvoll die schuldnerländer und pleitekandidaten bewiesen.
    die "nothilfe" der ezb drückt genau die summe aus, die die schuldnerstaaten auf deutsche kosten verlebt haben.
    die t2 forderungen sind nur ein klägliches häuflein.die dicken brocken kommen dann, wenn die seifenblase platzt.

  • Buchhalter
    An die meisten Kommentatoren:
    Lesen Sie bitte "Volkswirtschaftliche Saldenmechanik"
    von Wolfgang Stützel bevor Sie so einen Beitrag kommentieren; und denken Sie daran, daß der gute Prof.
    Sinn schon einmal Ex- mit Importen verwechelt hat.

  • Mangels solventer Abnehmer VERSCHENKEN wir seit geraumer Zeit unsere Exporte (kein Wunder, dass die deutsche Autoindustrie "boomt wie noch nie": heutige Zeitungsmeldung) -- und lassen die Schuldner das Ganze in Form der Target-2-Salden unlimitiert bei uns anschreiben.

    Schon die Vorstellung, dass diese "Salden" jemals wieder getilgt werden, darf man als Träumerei bezeichnen. Denn dies ginge einzig über Exporte der Schuldner an uns, im Umfang eben dieser Salden (wahlweise Monetisierung der Salden = Enteignung durch Inflation).

    Da müssten schon einige Millionen PIIGS-Cayennes gebaut und an die Deutschen verkauft werden, damit die Tilgung klappt -- was Herr Weidmann von seinem Büroschreibtisch aus aber offenbar für durchführbar hält.

    Letztendlich gut zu wissen, wer rechtzeitig vor dem wirtschaftlichen Untergang gewarnt hat -- und wer nicht!

  • "Es gibt keine TARGET-Kredite.. Wohlgemerkt, eine T2–Forderung der Bundesbank gegenüber der Bank of Greece ist kein Kredit, den die Bundesbank an die Bank of Greece vergibt."
    Das ist doch Blödsinn hoch 3.

    Bevor der Grieche sein Geld nach Deutschland tranferiert hat er Ansprüche gegen die griechische Bank.
    nachdem dem Transfer hat der Grieche Ansprüche gegen die deutsche Bank.
    Haben die Ansprüche des Griechen von 100 EUR gegen die griechische Bank vor dem Transfer einen Wert von z.B. 60 EUR und nach dem Transfer an eine deutsche Bank 100 EUR dann erhält der Grieche doch 40 EUR geschenkt.
    Jetzt kann man die 40 EUR gleich als Geschenk bezeichnen oder als Kredit.
    Insofern hat sich der Autor natürlich richtig ausgedrückt: Es ist kein Kredit der Bundesbank an die griech. Nationalbank. Es ist ein Kredit/Geschenk der dt. Steuerbürger (da die dt.Bank Ansprüche gg. die BuBa hat, diese aber keinen Wert dagegen hat und wir fafür haften)an den Griechen.

Serviceangebote