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Geldpolitik: Target2 - und was wirklich dahinter steckt

Die öffentliche Diskussion über die Ungleichgewichte im Target2-Zahlungssystem ist von vielen Missverständnissen, Halbwahrheiten und Irrtümern geprägt. Zeit für etwas mehr Klarheit in der Debatte.

von Philipp Johann König
T2 ist das elektronische Zahlungssystem des Eurosystems. Quelle: dpa
T2 ist das elektronische Zahlungssystem des Eurosystems. Quelle: dpa

BerlinSeit gut einem Jahr veröffentlicht Hans-Werner Sinn seine in „richtiger Detektivarbeit“ entwickelten Thesen zu TARGET2 (T2). Trotz zahlreichen Widerspruchs an seinen Thesen hat Sinn bisher in der Öffentlichkeit die Deutungshoheit über dieses Thema. Journalisten der FAZ, der Wirtschaftswoche oder von Spiegel Online haben seine Thesen beinahe kommentarlos übernommen. Ob sie von seinen Warnungen, das Thema sei so kompliziert, keiner wisse vollständig darüber Bescheid, abgeschreckt wurden, sich selbst damit auseinander zu setzen?

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Dabei sind die Funktionsweise von T2 und dessen ökonomische Implikationen tatsächlich nicht sonderlich kompliziert, und wurden im Übrigen bereits schon 1999 von Peter Garber detailliert beschrieben. Oder liegt es daran, dass ein technisches und trockenes Thema den Leser eher anspricht, wenn von einer „geheimen Bailoutstrategie der EZB“, von „neuen Abgründen“ oder von Geld die Rede ist, das „aus der Druckerpresse gezogen wird“?

Dabei gibt es gute Gründe, Sinns Thesen kritisch zu hinterfragen. Sie sind teilweise inkorrekt und bisweilen sehr unscharf formuliert, insbesondere, weil Sinn meist darauf verzichtet, die hinter T2 stehende Bilanzmechanik explizit darzustellen (eine ausführliche Erläuterung derselben findet sich in Ulrich Bindseils und meinem Artikel. Ferner steht Sinns Lieblingsvorschlag, das T2-System zu beschränken, in Widerspruch zu seinen Warnungen vor möglichen hohen Kosten für den deutschen Steuerzahler. Würde sein Vorschlag umgesetzt, wäre dies das Aus für die Währungsunion. Und gerade in so einem Fall würden sich etwaige Risiken in den Bilanzen der Notenbanken materialisieren.

EZB

T2 ist das elektronische Zahlungssystem des Eurosystems. Zwei Regelungen zur Funktionsweise des Eurosystems sind bedeutsam, um die Entstehung von T2-Salden zu verstehen. Erstens führt eine Geschäftsbank ihr Zentralbankkonto bei der nationalen Zentralbank des Mitgliedslandes in dem sie ihren Sitz hat und kann auch nur über diese einen Zentralbankkredit erhalten.

Zweitens veröffentlichen die jeweiligen nationalen Zentralbanken separate Bilanzen. Überweist eine griechische Geschäftsbank über T2 100 Euro an eine deutsche Geschäftsbank, dann reduziert sich das  Zentralbankguthaben der griechischen Bank um 100 Euro, während das der deutschen Geschäftsbank um 100 Euro ansteigt. Die Bilanzen der Bank of Greece und der Bundesbank sind nun nicht mehr ausgeglichen, da 100 Euro aus dem 'Zuständigkeitsbereich' der Bank of Greece in den `Zuständigkeitsbereich‘ der Bundesbank geflossen sind.

  • 13.03.2012, 13:08 UhrBurgwall

    Die Forderungen auf Seite der GLNF-Ländern gegenüber der europäischen Zentralbank und die spiegelbildlichen Forderungen dieser gegenüber den GIPS-Ländern ist in der Summe natürlich Null, das ist ja die Eigenschaft der Target2-Salden.
    Das bedeutet aber nicht, dass durch eine andauernde Diskrepanz keine volkswirtschaftlichen Effekte auftreten. Zunächst ist die Kapitalflucht als Ursache besonders im Zusammenhang mit Griechenland höchst kritisch zu sehen, es sei denn man befürwortet, dass große Kapitalinvestoren wegen des gestiegenden Risikos ihr Kapital aus Griechenland abziehen nur um es später, subventioniert und garantiert durch den europäischen Steuerzahler wieder in Griechenland einzusetzten. Zudem stellt sich die Frage, wer denn diesen massiven Abzug von Kapital aus den Ländern erst möglich gemacht hat.
    Daneben ist es durchaus möglich, dass Target2-Salden einen Nettowohlfahrtsverlust für Länder wie Deutschland ergeben. Dieser Verlust kann durch die verzerrende Wirkung des abgezogenen Geldes durch Länder wie Griechenland auf Produktion, Konsum und Investition in Griechenland aber auch in Deutschland erklärt werden.
    Darüber hinaus ist nicht geklärt, wer die Kontrolle über die Salden besitzt. Die europäische Zentralbank hat die Möglichkeit dem Einhalt zu gebieten vergeben, als der Bankenrat die Anforderungen für Sicherheiten drastisch reduzierte, auf drängen der südlichen Länder.
    Zum Schluss bleibt das Risiko bei den Ländern mit Forderungen gegenüber der EZB. Wie man diese Risiken kleinreden kann, ist mir schleierhaft. Sie sind vorhanden und MÜSSEN berücksichtigt werden, wenn man ein funktionierendes Währungssystem gewährleisten will. Wohin eine Nichtbeachtung dieser Risiken führt, konnten alle Volkswirte und Banker seit der Währungsunion beobachten...
    Aber das Kleinreden ist gerade groß in Mode und daran erinnert mich nicht nur die kleine Bronzestatue der drei Affen neben meinem Arbeitsplatz nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

  • 13.03.2012, 13:09 Uhrkeeper

    Zitat:
    "Auf die zugrunde liegenden Ursachen der Schuldenkrise - exorbitante Staatsschulden, strukturelle Probleme, Zahlungsbilanzungleichgewichte - hat sie (die Zentrakbank) kaum Einfluss."
    Die Ursache der Krise sind die Ungleichgewichte;
    einmal in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Nationen (die einen liefern die Waren und Leistungen - die anderen benötigen zur Zahlung ständig Geld (ein Teil davon, wieviel Geld diese Importnationen zur Zahlung dieser Güter und Leistungen ständig brauchen lässt sich am Target2 ablesen ...)
    und einmal die Ungleichgewichte am jeweils nationalem Vermögen - sprich: am Produktivkapital.
    Diese Ungleichgewichte sind die Ursache für den kreditfinanzierten Wirtschaftskreislauf.

    Lösungsansatz: anstatt sich das Geld zu leihen, dieses über die Steuern von derselben Quelle eintreiben und über ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) umverteilen. Die nachfragefinanzierung und nachfrage wäre damit gesichert - auf Nationaler Ebene könnte jedes Land soviel verkonsumieren wie es Leistung erbringt. wenig Leistung -> wenig BGE -> mehr Motivation, etwas zu leisten.
    Dies wäre der richtige Ansatz, um von der Eigentumsgesellschaft zu einer Leistungsgesellschaft zu gelangen.

  • 13.03.2012, 13:41 Uhrwhoknows

    Das grosse Tabu ist hier ein Aufbrechen der Währungsunion. Das ist politisch nicht gewolld, wird aber so oder so irgendwann kommen. Zu behaupten kann, das wird niemals passieren ist hochgradig unserious und interessengeleitet.

    Die Target2 Salden dienen doch dazu, die Defizit-Länder bei der Stange zu halten, da sie ohne die Target2 Salden und den gesenkten Sicherheitsanforderungen aus der Währungsunion aussteigen müssten. Deshalb werden die Salden weiterhin steigen und nicht abbauen.

    Dazu kommt, das die Geldschöpfung ja auch ein Gewinn schon an sich ist. Es entwertet den Pool der vorhandenen Geldmenge. Wenn man diese Geldschöpfung niemals zurückzahlen muss, sondern quasi ins Geld-Nirvana transferieren kann ist das natürlich sehr praktisch.

    Aber mit dem geschaffenen Geld werden reale Werte in den Nordländern eingekauft. Damit verlieren die Nordländer doppelt, ihr Geld wird entwertet und gleichzeitig geben sie ihren realen Wohlstand gegen wertlose Target Forderungen auf.

    Deshalb meine Ode an den Euro:
    One Currency to rule them all,
    One Currency to find them,
    One Currency to bring them all
    and in the darkness bind them.
    In the Land of Brüssels where the Shadows lie.

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