
LONDON. Am Ende war das Geld so wenig wert, dass die Menschen die Banknoten lieber in ihren Kachelöfen verfeuerten, als damit einkaufen zu gehen. Und es waren Scheine über wahnwitzige Summen von 50 Billionen Reichsmark im Umlauf. Millionen von Deutschen verloren durch die Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923 ihre Ersparnisse – eine wirtschaftliche Katastrophe, die sich tief in die kollektive Psyche eingegraben hat und an die sich immer mehr Menschen jetzt wieder erinnern.
Gründe für ihre Inflationsangst gibt es einige: Die Staatsschulden sind explodiert, die Leitzinsen haben historische Tiefstände erreicht, und die Zentralbanken haben Milliarden in die Wirtschaft gepumpt.
Paradox ist: Gleichzeitig fürchten sich viele Volkswirte und Notenbanker vor dem genauen Gegenteil von Inflation – vor einem langen Verfall der Preise, im Fachjargon Deflation genannt. Auch für solch ein Szenario gibt es gute Argumente. In vielen Ländern sind Verbraucher sowie Unternehmen überschuldet, und die Banken halten sich mit der Vergabe neuer Kredite zurück. All das dämpft die Nachfrage. Hinzu kommt, dass die Geldpolitik ihr Pulver weitgehend verschossen hat.
Historische Präzedenzfälle
Inflation oder Deflation, welches Szenario ist das wahrscheinlichere? Selbst Notenbanker geben zu: Sie kennen die Antwort nicht. „Guckt euch diese große Unsicherheit an“, sagte ein hochrangiger Vertreter der Federal Reserve Bank vor wenigen Tagen der britischen „Financial Times“. Seinen Namen wollte er in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen. Auch theoretische Modelle liefern keine eindeutigen Antworten. Sie stützen mal die eine, mal die andere Position – je nachdem, welche Annahmen den Modellen zugrunde liegen.
André Meier, ein deutscher Volkswirt in der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat Inflations- und Deflationsgefahr deshalb auf anderen Wegen analysiert: Er hat in der Wirtschaftsgeschichte nach Präzedenzfällen gesucht und aus den Erfahrungen der Vergangenheit wichtige Lehren für Gegenwart und Zukunft gezogen. Unter dem Strich sind seine Ergebnisse beruhigend: Sowohl die Inflations- als auch die Deflationsgefahr dürfte derzeit niedriger sein, als die Schwarzmaler annehmen.
Meiers Studie folgt einem neuen Trend in der Volkswirtschaftslehre: Deskriptive Arbeiten, in denen Ökonomen ohne viel Theorie die Muster der Vergangenheit analysieren, sind im Kommen. Noch vor wenigen Jahren waren sie verpönt: Makroökonomen setzten fast ausschließlich auf abstrakte Theorie. Doch die Finanzkrise hat die Grenzen dieses Vorgehens offengelegt. Die gängigen theoretischen Modelle konnten die Krise weder erklären, noch lieferten sie brauchbare Politikempfehlungen.