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Keynes-Serie: Die "General Theory": Der Kern von Keynes

Alle reden über John Maynard Keynes, aber kaum jemand hat ihn gelesen. Falsche Mythen, Missverständnisse und Legenden sind die Folge. Was aber ist der wahre Keynes? Lesen Sie den zweiten Teil der großen Keynes-Serie von Handelsblatt.com.

Quelle: Lutz Widmaier
Quelle: Lutz Widmaier

Manchmal blamieren sich selbst Star-Ökonomen. Zum Beispiel der Harvard-Professor Robert Barro. In einem Gastbeitrag für das "Wall Street Journal" schrieb er jüngst: "John Maynard Keynes dachte, dass Löhne und Preise, die auf zu hohem Niveau verharren, das Hauptproblem sind", wenn die Wirtschaft stagniert und Arbeitslosigkeit entsteht.

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Barro ist einer der international angesehensten Makroökonomen und seit Jahren heißer Kandidat für den Nobelpreis. Für seine Keynes-Kenntnisse, so viel ist sicher, hätte er diese Auszeichnung nicht verdient. Denn starre Löhne und Preise auf hohem Niveau sind für Keynes keinesfalls das Hauptproblem, wenn Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zurückgehen. Vehement und an mehreren Stellen betont er das in seinem Hauptwerk, der 1936 veröffentlichten "Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes".

Nur ein "törichter Mensch" spreche sich für eine flexible Lohnpolitik aus, schreibt Keynes dort im 19. Kapitel. Tatsächlich bestehe "kein Grund für die Annahme, dass eine flexible Lohnpolitik einen Zustand dauernder Vollbeschäftigung aufrechtzuerhalten vermag", betont er und kommt zu dem Schluss: Nicht die Löhne, sondern die "effektive Nachfrage" bestimmen Produktion und Beschäftigung einer Wirtschaft. Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman höhnte daher nach Barros Patzer: "Ist es zu viel verlangt, dass jemand, der Keynes zitiert, sich die Mühe macht, ihn zumindest ein bisschen zu lesen?"

Wahrscheinlich ja. Und das seit Jahrzehnten. Alle reden über Keynes, kaum jemand hat sein Werk gelesen. In Debatten über seine Konzepte schleichen sich oft Ungenauigkeiten, Vorurteile und Mythen ein. Die "Popularisierung der Keynes'schen Theorie", schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Karl Eman Pribram in seiner "Geschichte des ökonomischen Denkens", habe jede Menge "Verwirrung" mit sich gebracht.

Hinzu kommt: Keynes ist längst nicht gleich Keynesianismus; genau genommen ist sogar nicht einmal Keynes gleich Keynes. "Wir sollten unterscheiden zwischen seiner persönlichen Meinung und seiner Theorie", betonte der Harvard-Professor John H. Williams schon 1948. Keynes' Hauptwerk enthalte eine Reihe von Positionen, die nicht zu seiner Theorie passten und ihr teilweise sogar widersprächen.

Was heute unter keynesianischer Politik verstanden wird, ist eine spezielle Interpretation seiner Gedanken. "Es gibt viele Varianten von Keynesianern", sagt der ehemalige Wirtschaftsweise und beste deutsche Keynes-Kenner Jürgen Kromphardt. "Welche Politik das Adjektiv keynesianisch verdient und welche nicht, ist zwischen ihnen höchst umstritten." Bereits 1948 klagte Harvard-Ökonom Williams über die "schiere Masse und die Überschwänglichkeit der Behauptungen, die seine Anhänger in seinem Namen machen".

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